Rinderhaltung

Schwächen in der Rinderfütterung erkennen

Margarethe Schreyer
am Mittwoch, 27.01.2021 - 09:06

Mit der Obsalim-Methode lässt sich der Stoffwechselzustand der Herde durch Tierbeobachtung schnell analysieren.

Dr.Striezel

Bei einem Online-Seminar machte Bioland-Tierarzt und Berater Dr. Andreas Striezel die Methode Obsalim bekannt. Im Verhältnis zu den gängigen Parametern, wie Futteranalyse, Rationsberechnung oder MLP-Auswertung ist es mit dieser Methode möglich, zeitnah und präzise den Stoffwechselzustand der Herde zu analysieren. „Durch gezieltes Hinschauen können hier Milchviehhalter mit einfachen Mitteln erkennen, ob die Fütterung stimmt und bei Bedarf schnell reagieren“ so Striezel.

Was bedeutet eine stärkere Verschmutzung am Vorderbauch oder warum lecken sich Kühe hinter dem Schulterblatt? Aus welchem Grund ist die Nickhaut am Auge der Kuh deutlich sichtbar? Laut Striezel haben alle diese Beobachtungen mit der Fütterung zu tun und lassen sich mit dem Verfahren Obsalim erklären. Obsalim ist die Abkürzung aus den Französischen für „Observation alimentaire“ und bedeutet Fütterungsbeobachtung.

Entwickelt hat die Methode der französische Tierarzt und Homöopath Bruno Giboudeau in jahrzehntelanger Beobachtungsarbeit. So ist ihm beispielsweise aufgefallen, dass, wenn sich viele Kühe einer Herde zu bestimmten Zeiten hinter dem Schulterblatt lecken, dieses Verhalten eng mit Schwankungen des Pansen-pH-Wertes zusammenhängt. Und weil aus der chinesischen Medizin bekannt ist, dass Akupunkturpunkte in dieser Region die Pansenaktivität stimulieren, lässt sich dieses Verhalten erklären.

Kotauswaschen perfektioniert

Giboudeau hat auch das Kotauswaschen perfektioniert und eine Kotpresse entwickelt, mit der man die Faserstruktur erkennen und somit messen kann, wie viele Fasern die Pansenmikroorganismen nicht verwertet haben.

Bei der Methode Obsalim geht es jedoch nicht um das Einzeltier, sondern immer um den Großteil der Herde. Nur jene Symptome zählen, die bei etwa zwei Dritteln der Tiere erkennbar sind. Der Weg zur Auswertung führt über ein Kartenspiel. Insgesamt können 61 Symptome, die darauf abgedruckt sind, in die Analyse mit einbezogen werden. Die Karten setzen jedes Symptom mit positiven und negativen Zahlen für Energie- und Eiweißversorgung, Fasergehalt der Nahrung und Stabilität des Pansens in Beziehung. „Die Addition der Werte macht die Fütterungs- und Stoffwechselprobleme der Herde sichtbar und zeigt gleichzeitig einen Ansatz zur Verbesserung“, erläuterte der Tierarzt.

Eine sichere Diagnose mit drei Karten

Kartenspiel

So lasse sich bereits mit mindestens drei Karten aus verschiedenen Bereichen eine sichere Diagnose stellen.

Für die Auswertung addiert man in jeder Spalte die Zahlenwerte aller ermittelten Karten und bekommt somit die Bewertung der Herde. Ein positives Endergebnis weist auf einen Überschuss, ein negatives auf einen limitierenden Faktor oder sogar einen Mangel in der Ration hin.

Die Karten haben das Format von Spielkarten und beinhalten jeweils ein zu beobachtendes Symptom pro Karte.

Die Symptome sind eingeteilt in 15 Beobachtungsbereiche, wie z. B. „Haare“, „Verhalten“, „Wiederkäuen“, „Haut“, „Mist“, „Urin“, „Nase“, „Augen“ etc. und für jeden dieser Bereiche gibt es verschiedene zu beobachtende Symptome. Auf jeder Karte ist das jeweilige Symptom auf einem Foto abgebildet und kurz beschrieben.

Im unteren Teil enthält jede Karte zwei Zeilen mit der Bewertung des Symptoms bezüglich Pansenstabilität und Energie-, Protein- und Faser- (Struktur-) Gehalt / Wirkung des Futters / der Fütterung. Dieses „Kartenspiel“ nimmt man jeweils mit in den Stall zur Beobachtung der Herde.

Aus dem dazugehörigen Leitfaden ergeben sich sehr praxisnahe Möglichkeiten, die Fütterung in Bezug auf die Rationszusammensetzung aber auch bezüglich des Fütterungsmanagements zu optimieren. „Oft kann schon durch kleine Änderungen in der Fütterung viel für Gesundheit und Leistung der Herde bewirkt werden“, so Dr. Striezel.

In Deutschland kaum verbreitet

Bisher gibt es in Deutschland nur wenige Betriebe, die mit dieser Methode arbeiten. Die französische Organisation hat daher jetzt drei deutschsprachige Obsalim-Ausbilder berufen, die in das System einführen sollen. Bioland-Tierarzt Dr. Striezel ist einer davon. Nähere Angaben zur Methode und zu Veranstaltungen gibt es auf www.obsalim.com.

Ein praktisches Beispiel von Dr. Striezel:

Bei mehr als zwei Drittel der Kühe stimmen folgende Symptome mit den Karten überein (v.oben):

  • Die Kühe lecken sich hinter der Schulter (in der „phG-Zone“)
  • Das Auswaschen des Kots ergab einen gepressten Rest von etwa 26 cm mit vielen kurzen Fasern.
  • Viele Kühe zeigten klaren Nasenausfluss und sehr feuchte Nasenlöcher
  • Die liegenden Kühe käuten zu wenig wieder.
  • Das Ergebnis beim senkrechten Zusammenzählen der Werte der vier Karten zeigt, dass im Pansen genügend verdauliche Energie vorhanden (Ef = Gesamtwert 7), aber in Form der globalen Energie für den Gesamtorganismus (Eg = 1) nicht ausreichend verfügbar ist, also für die Milchbildung fehlt. Gleichzeitig ist der Pansen nicht stabil (Ps -4). Dieser negative Wert ist damit der limitierende Faktor. Ursache ist also, dass das Futter zu wenig Strukturfasern enthält, wodurch Energie verloren geht: Die Menge passt, aber die Futtereffizienz ist nicht optimal und muss angepasst werden.