Programm

Schwachstellen finden und Reserven nutzen

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Michael Ammich
am Freitag, 23.04.2021 - 07:45

Der Milcherzeugerring Wertingen bietet drei Dienstleistungen an, die auf die einzelnen Betriebe zugeschnitten sind und ein Produktionsmanagement auf hohem Niveau sicherstellen.

Wertingen Je mehr die gesetzlichen Restriktionen die Aufstockung von Tierbeständen erschweren und verteuern, desto wichtiger wird es, die Leistungsreserven der Tiere auszuschöpfen. Das kann beim Milchvieh aber nur bei optimaler Gesundheit, Genetik und Fütterung funktionieren. Mit dem Projekt „Pro Gesund“, dem Anpaarungsprogramm „Optibull“ und der Fütterungsberatung bietet der Milcherzeugerring Wertingen drei Dienstleistungen an, die auf die einzelnen Betriebe zugeschnitten sind und ein Produktionsmanagement auf hohem Niveau sicherstellen.

Friedrich Wiedenmann, Zuchtleiter des Zuchtverbands für das Schwäbische Fleckvieh in Wertingen, betont: „Es gilt die Produktionsprozesse zu analysieren, die betrieblichen Stärken zu optimieren und die Schwachstellen zu minimieren.“ Bislang werde das Anpaarungsprogramm Optibull allerdings noch zu wenig genutzt, bedauert der Zuchtleiter. Dabei könnte es doch für eine ebenso komfortable wie umfassende Anpaarungsplanung gute Dienste leisten. Die Internetanwendung ermöglicht die züchterische Auswahl des optimalen Bullen für jede Kuh und Kalbin der Herde auf der Basis der Zuchtwerte.

Risiko von Erbfehlern so gering wie möglich halten

Optibull berücksichtigt die in der LKV-Datenbank gespeicherten Stamm- und Leistungsdaten des Tieres, beispielsweise die Abstammung und seine genetischen Besonderheiten. Dadurch lassen sich Inzucht und das Risiko von Erbfehlern so gering wie möglich halten. Diese Aspekte fließen in die Berechnung ein, die Bullen mit dem besten Anpaarungswert werden vorgeschlagen. Der Gesamtzuchtwert des Bullen hat zwar in Optibull eine große Bedeutung, dennoch werden stets die vom Landwirt festgelegten tierindividuellen Schwerpunkte berücksichtigt.

„Im Programm können die Züchter bestimmen, wie der Gesamtzuchtwert gewichtet und mit genomischen Jungvererben umgegangen werden soll oder welcher Grenzwert beim Zuchtwert des Bullen für den Kalbeverlauf bei Jungrindern gilt“, erklärt LKV-Anpaarungsberaterin Anja Schäble. „Es ist sogar möglich, für den eigenen Betrieb einen Stierpool zusammenzustellen, in den die Bullen aufgenommen werden, die mit Blick auf ihr Zuchtwert- und Exterieurprofil zur Herde passen.“ Zudem kann Optibull zu jeder Zeit sämtliche Informationen über die Besamungsbullen und die Abstammung der Kuh über mehrere Generationen hinweg aus der LKV-Datenbank beziehen. Liegt aufgrund eines Erbfehlers eine Risikoanpaarung vor, schließt das Programm den Bullen aus.

Mit Hilfe eines Beraters zum optimalen Bullen

Die Milchviehhalter können sich auch von einem Anpaarungsberater unterstützen lassen, der ihnen bei der Beurteilung von Schwachstellen in der Herde und bei der Suche nach dem optimalen Besamungsbullen hilft. Der Berater kommt jährlich zwei- bis dreimal auf den Betrieb und bespricht mit dem Betriebsleiter die angestrebte Zuchtstrategie und legt gemeinsam mit ihm die Schwerpunkte fest. Anschließend sucht der Berater mit Optibull die besten Anpaarungspartner heraus und bewertet mit dem Züchter das Ergebnis. Derzeit arbeiten in Bayern 20 LKV-Anpaarungsberater mir mehr als 1000 Betrieben zusammen.
Auch Jürgen Speinle setzt seit sieben Jahren auf Optibull. Auf seinem Betrieb in Weisingen im Landkreis Dillingen stehen 110 Milchkühe, die per Roboter gemolken werden. Allerdings nimmt Speinle die Optibull-App nicht selbst in die Hand, sondern überlässt dies Anja Schäble. Die Anpaarungsberaterin kommt dreimal jährlich für jeweils fünf Stunden auf seinen Hof, vier Stunden dauert ihre Nacharbeit am PC. Dafür wendet der Milcherzeuger insgesamt 470 € auf. Jährlich führt er rund 150 Erstbesamungen mit Hilfe von Optibull durch, das entspricht 3 € Beratungskosten pro Besamung. Das Geld sei gut angelegt, betont Speinle. „Meine Herde hat sich dank Optibull eindeutig vergleichmäßigt.“ Eine homogene Herde bringe fütterungs- und haltungstechnische Vorteile.
Einen großen Vorteil beim Einsatz von Optibull sieht Speinle in der Vermeidung der Anpaarung mit Tieren, die unerwünschte Erbfehler aufweisen. Da der Landwirt sich selbst weniger mit der Zucht, sondern mehr mit der Fütterung und Haltung beschäftigt, bringt die Anpaarungsberatung für ihn aber auch ein Problem mit sich. „Der Berater muss mit mir auf einer Wellenlänge sein. Das wird schwierig, wenn es in der Beratung zu einem personellen Wechsel kommt,“ gibt Speinle zu bedenken.

Beratung für optimales Futtermanagement

Neben einem guten Zuchtmanagement spielt die Fütterung eine wichtige Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg. Sie beeinflusst die Leistung der Tiere, ihre Gesundheit und den Arbeitsalltag des Milcherzeugers. Auf der anderen Seite bildet die Fütterung einen Kostenschwerpunkt auf den Höfen. Mehr als 4500 Betriebe nutzen inzwischen die Fütterungsberatung des LKV.
Laut Wiedenmann wurden im vergangenen Jahr im Milcherzeugerring Wertingen auf 345 Betrieben insgesamt 1148 Grundfutterproben untersucht. Auf der Basis dieser Untersuchungen bespricht der Fütterungsberater den Einsatz der vorhandenen Grundfuttermittel und wie sich dieser noch verbessern lässt. Bewertet wird auch der Einsatz zugekaufter Futtermittel mit Blick auf ihre Inhaltsstoffe und Preiswürdigkeit. Eine Rolle in der Beratung spielt ebenso die Optimierung des Futtertisch- und des Herdenmanagements insgesamt. Zum Angebot gehören weiter eine Rationsberechnung, ein Futtervoranschlag und die Analyse der Daten aus der Milchleistungsprüfung.
„Zu den häufigsten Gründen für die Anforderung einer Fütterungsberatung zählen neben akuten Problemen im Betrieb Schwierigkeiten bei der Grundfutterleistung und dem effizienten Einsatz von Kraftfutter“, so LKV-Fütterungsberater Bernd Ehrhart. „Diese Faktoren haben eine erhebliche Auswirkung auf die Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion.“ Der Fütterungsberater kontrolliert mit einer Sonde die Temperatur in den Silagestöcken und mittels einer Schüttelbox die Struktur von Mischrationen. Ein wichtiges Instrument zur Kontrolle der gerechneten und gefütterten Ration ist das Kotsieb. In ihm sammeln sich die unverdauten Teile des Futters, beispielsweise unzureichend zerkleinerte Maiskörner. Der Berater kann auf die LKV-Datenbank und damit auf die Ergebnisse des Probemelkens und der Futteruntersuchungen zugreifen. Am Ende überprüft er, ob seine Fütterungsempfehlungen erfolgreich waren. In der Fütterungsberatung sind derzeit 50 Berater eingesetzt, von denen jeder rund 100 Betriebe betreut.
Einer davon ist der Milchviehbetrieb von Rosie und Peter Wiest in Osterberg-Weiler im Landkreis Neu-Ulm mit seinen 150 Kühen, die am Melkkarussell gemolken werden. Seit 2014 kommt der LKV-Fütterungsberater viermal jährlich auf den Hof. Rund 700 € kostet die Familie Wiest diese Dienstleistung pro Jahr – eine Investition, die sich auszahlt. „Vor der Beratung lag unser Herdendurchschnitt bei 8500 kg und jetzt liegt er bei 9500 kg Milch“, sagt Peter Wiest. Ihm ist wichtig, dass auch mal eine neutrale Person einen Blick auf sein Futtermanagement wirft.

Fine Tuning und die Möglichkeit zum Lernen

„Fine Tuning“ nennt Wiest diese regelmäßige Abstimmung des Futters auf seine zwei Milchviehleistungsgruppen. Da geht es beispielsweise darum, bei der Futterumstellung nach den verschiedenen Schnitten die Grassilage auf veränderte Inhaltsstoffe und Strukturen zu untersuchen. Muss ein bisschen Energie raus oder mehr Eiweiß rein? Bei solchen Fragen kann sich Wiest auf den Berater verlassen und dann schnell reagieren. Der Berater ist für ihn auch eine wichtige Informationsquelle mit Blick auf den Futtermittelmarkt und die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Futtermittel. Außerdem schickt er gerne seine beiden Lehrlinge mit, wenn der Berater auf dem Hof für zwei, drei Stunden seine Runde dreht. „Dabei können sie viel über die Fütterung und Rationsgestaltung lernen.“