Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Forstwirtschaft

Schnell, effektiv und sicher

01götzfreid6
Susanne Lorenz-Munkler
am Dienstag, 09.03.2021 - 14:05

Ist der Einsatz schwerer Maschinen bei der Arbeit im Wald nachhaltig? Diese Frage ploppt immer wieder auf, insbesondere, wenn Fotos von gravierenden Schäden am Waldboden in der Öffentlichkeit kursieren. Was stimmt also?

Manch einer sieht sie kritisch: schwere, große Maschinen im Wald, allen voran Harvester und Forwarder, die von Forstdienstleistern auch im Privatwald eingesetzt werden. Wissenschaftler fanden heraus, dass viele Bäume entlang der Fahrspur solcher Erntemaschinen verletzt werden und dem Pilzbefall ausgesetzt sind.

Zudem verdichten schwere Maschinen den Untergrund so stark, dass Wasser und Luft oft nur noch unzureichend weitergeleitet werden können. Trotzdem sind sie heute aus der Forstwirtschaft nicht mehr wegzudenken. Unser Allgäu bespricht diese Thematik mit Philipp Götzfried, dem Geschäftsführer der WBV Kempten Land und Stadt e.V.

Unser Allgäu: Passen bis zu 40 Tonnen schwere Maschinen zu einer naturnahen Waldbewirtschaftung? Früher ging es doch auch ohne.

Götzfried: Heutzutage sind leistungsstarke Maschinen bei der Waldbewirtschaftung nicht mehr wegzudenken. Auf diese Maschinen komplett zu verzichten wäre vergleichbar, unsere Äcker wieder mit Ochse und Pflug zu bestellen.

01götzfried1

Selbstverständlich muss es Aufgabe aller Beteiligten sein, stets eine kritische Betrachtung vorzunehmen, damit ein naturschonender Einsatz gelingt. Große Forstmaschinen stehen überdies nicht von vornherein im Widerspruch zu einem naturnahen Waldbau. Ausschlaggebend ist der korrekte Einsatz.

Natürlich wirken Harvester und Forwarder aufgrund ihrer Masse nicht besonders waldschonend. Aber auch eine kleine Maschine, nicht richtig eingesetzt, kann Schäden verursachen. Bei ungünstigen Verhältnissen, kann auch ein alter Eicher mit seinen schmalen Reifen großen Schaden anrichten. Man kann deshalb nicht sagen „früher war alles besser“.

Und noch eins: Unsere Mitglieder mit ihren knapp 6000 Hektar Waldfläche stehen schon seit längerem vor großen ökologischen, ökonomischen, aber auch logistischen Herausforderungen angesichts des Klimawandels und des schwankenden Holzmarktes. Im Hinblick darauf, ist eine effektive Waldbewirtschaftung von großer Bedeutung. Der Einsatz hochtechnisierter Forstmaschinen ist hierbei ein wichtiger Baustein.

Unser Allgäu:. Welches sind die ökonomischen, ökologischen und logistischen Herausforderungen, von denen Sie sprechen?

Götzfried: In den vergangenen Jahren wurde die Bewirtschaftung der Wälder erheblich von Extrem-Wetterereignissen beeinflusst. Nehmen wir zum Beispiel das vergangene Jahr 2020. Da fegten im Februar innerhalb von nicht einmal vier Wochen drei Stürme mit Orkanstärke über das Allgäu und knickten Bäume um wie Streichhölzer oder entwurzelten diese. Nach groben Schätzungen lagen zwischen 250 000 und 300 000 fm Schadholz zur Aufarbeitung im Wald. Die Hälfte davon im Privatwald. Hier drängt natürlich die Zeit, denn ab 16,5 Grad Tagesdurchschnittstemperatur wird der Borkenkäfer aktiv und wäre imstande noch weitere katastrophale Schäden anzurichten. Die Bewältigung dieser riesigen Schadholzmengen wäre ohne den zumindest teilweisen Einsatz von Forstmaschinen undenkbar.

Unser Allgäu: Hätte nicht jeder Waldbesitzer sein Holz selbst ernten können, statt diese schnell arbeitenden Maschinen einzusetzen?

Götzfried: Tatsächlich arbeitet ein Großteil der Waldbesitzer das Holz nach wie vor selber auf. Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, ob er selbst tätig wird oder einen Forstdienstleister beauftragt und mit welchem Arbeitsverfahren im eigenen Wald gearbeitet werden soll.

01Götzfried

Die Motorsäge hat im Wald genauso ihre Berechtigung, wie der Harvester. Die Stärken liegen dabei in unterschiedlichen Bereichen. Die motormanuelle Aufarbeitung mit der Säge hat ihre Vorteile, wenn es um hochwertiges bzw. starkes Holz, kleinere Mengen oder diffizile Pflegearbeiten geht. Der Harvester ist bestens geeignet für mittlere bis größere Durchforstungsbestände. Leistungstechnisch und ergonomisch bietet hier die Maschine deutliche Vorteile.

Für ein wirtschaftliches Arbeiten größerer Forstmaschinen und somit auch für den Ernte- und Bringungspreis, ist eine gewisse Mindestmenge an Holz unerlässlich. Gerade im Kleinprivatwald kommt man hier im wahrsten Sinne des Wortes schnell an die Grenze. Hier wäre das Mittel der Wahl die Sammeldurchforstung. Dabei schließen sich mehrere Waldnachbaren zusammen mit dem Ziel, ihre jeweiligen Maßnahmen effizienter umzusetzen indem sie dem Forstdienstleister eine gewisse Mindestauslastung bieten.

Unser Allgäu: Manchmal muss es ja auch schnell gehen. Und die Unfallgefahr steigt dann auch.
Götzfried: Bei der Überlegung ob große Maschinen zum Einsatz kommen sollen oder nicht, nimmt die Sturmholzaufarbeitung eine gewisse Sonderrolle ein. Diese lässt sich kaum mit normaler Arbeit im Wald vergleichen. Zum einen wird man mit sehr großen Mengen auf einmal konfrontiert. Das Holz muss aus Waldschutzgründen schnell aufgearbeitet werden, um einem Borkenkäferbefall vorzubeugen. Und das unter Umständen in einem Zeitraum, in dem nicht jeder in der Lage ist, über mehrere Wochen „ins Holz“ zu gehen. Zum anderen ist die Aufarbeitung von Sturmholz mit nicht unerheblichen Gefahren für den Menschen verbunden. Geworfene Bäume liegen ineinander verkeilt, vergleichbar mit Mikadostäbchen, und haben unvorhersehbare Spannungen. Bei der Aufarbeitung von Sturmholz ereignen sich oftmals schlimme Unfälle.
Waldbesitzer mit wenig Erfahrung in der Waldarbeit, sollten sich in einer solchen Situation nicht überschätzen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen wäre diesen eher ab- als zuzuraten, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. In jedem Fall ist jedoch zu sagen, dass beim Einsatz der Motorsäge ein erfolgreich absolvierter Motorsägenlehrgang unerlässlich ist. Gerade der Sicherheitsaspekt spricht bei der Aufarbeitung von Sturmholz für den Einsatz moderner Maschinen. Der Schutz des Menschen vor schweren oder tödlichen Unfällen muss hier an erster Stelle stehen.

Auch bei Schadereignissen werden Bemühungen angestellt den Bodenschutz zu berücksichtigen. Die optimalen Bodenbedingungen abzuwarten ist in diesen Fällen leider jedoch nicht immer möglich. Trotz aller Bemühungen ist nicht immer sichergestellt, dass keine Spuren hinterlassen werden.

Unser Allgäu: Was Sie da sagen gilt für die Zeit nach einer Sturmkatastrophe oder starken Käferbefall, aber nicht für einen geplanten Hieb, oder?

Götzfried: Richtig. Bei einem geplanten Hieb kann anders als beim Schadereignis der Zeitpunkt der Maßnahme auf den optimalen Bodenzustand abgestimmt werden. Es gibt z.B. Flächen, die nur in gefrorenem Zustand befahren werden können.

01wbvgötzfried

Die forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse im Allgäu sind allesamt PEFC-zertifiziert. Die PEFC-Zertifizierung bestätigt, dass alle Wälder nachhaltig und gemäß strengen Standards bewirtschaftet werden. Es werden regelmäßige Kontrollen im Wald durchgeführt, um zu überprüfen, ob die Bewirtschaftung der Zertifizierung entspricht. Diese Kontrollen werden von unabhängigen Stellen durchgeführt. Die bodenschonende Bewirtschaftung spielt dabei eine große Rolle.

Um Schäden zu vermeiden, sollte man sich vor jedem Hieb im Klaren sein, ob, wann und wie ich eine Fläche befahren kann und welche Maschine am meisten Sinn macht. Für eine bodenschonende Bewirtschaftung sollte die Befahrung nie flächig stattfinden, sondern auf dauerhaft angelegten Gassen. Sinnvollerweise sollte der Harvester aus den Baumkronen eine Matte aus Reisig schaffen, sozusagen als Polster auf der Fahrfläche.

Auch haben sich Forstmaschinen mit möglichst vielen und breiten Reifen bewährt. Hierdurch werden punktuelle Flächenbelastung minimiert. Zur weiteren Optimierung, kann wahlweise der Reifendruck abgesenkt oder Bänder aufgezogen werden. Für fast jede Situation, gibt es mittlerweile auch eine passende Maschine. Bei den forstwirtschaftlichen Zusammenschlüssen und ihren Netzwerkpartnern arbeiten Experten. Die eingesetzten Maschinen sind hochspezialisiert mit präziser Arbeitstechnik und digitaler Datenverarbeitung. Dadurch ist gewährleistet, dass der PEFC-Standard erfüllt wird.

Mehr zum Thema lesen Sie in Heft 10 des Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatts:

Ihr Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
blw digital iphone blw digital macbook
Hefttitelbild Printausgabe Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
Unser Allgäu: Sieht man die Topografie gerade im südlichen Ober-und Ostallgäu, setzt diese dem Einsatz von großen Maschinen ohnedies schnell Grenzen, oder?
Götzfried: Nicht unbedingt. Die Arbeiten finden zwar oft in unwegsamem Gelände statt, die Spezialisierung schreitet hier aber immer weiter voran. Durch ausgeklügelte Techniken und Fahrzeuge, in Kombination mit z.B. einer Traktionswinde, sind mittlerweile auch größere Hangneigungen gut bewältigbar. Ist eine Befahrung der Fläche aufgrund zu großer Steillagen, Hindernissen im Gelände oder bei nassen Standorten ausgeschlossen, gibt es auch noch die Möglichkeit, Holz mittels Seilbahn aus dem Wald zu bringen.
Unser Allgäu: Was zahlt ein Mitglied für diese Dienstleistung zum Beispiel in Ihrer WBV?
Götzfried: Die meisten Maschineneinsätze werden in Euro pro Festmeter abgerechnet und bewegen sich in der Regel zwischen 20 und 30 Euro. Der Preis hängt stark von der Komplexität der Hiebsmaßnahme ab.
Unser Allgäu: Also ist der Einsatz modernen Maschinen günstiger, sicherer, angenehmer und zeitsparender. Aber ist er auch nachhaltiger?
Götzfried: Wie bereits ausgeführt, spielt vor allem der Bodenschutz beim Thema Nachhaltigkeit von Maschineneinsätzen eine wichtige Rolle. Auf unserem Boden wächst der Wald und auf ihm bewegen wir uns. Ihn dauerhaft pfleglich zu behandeln ist essenziell für die Erhaltung aller Waldfunktionen. Leider werden wir zukünftig nicht mehr mit den jahreszeitlichen Witterungszuverlässigkeiten, wie z. B. langanhaltendem Frost, rechnen können. Deshalb wird sich auch die Forsttechnik in Zukunft noch stärker auf den Klimawandel einstellen müssen.
Unser Allgäu: Fazit?
Götzfried: Es gibt für jede Situation die passenden Maschinen. Durch ihre Netzwerke aus spezialisierten Forstdienstleistern, stehen die örtlichen WBVen oder FBGen bei Hiebsplanungen und Hiebsdurchführungen als verlässlicher Partner zur Seite.

WBV Kempten Land und Stadt e.V.

  • Gründung: 1969
  • Mitglieder: 1709
  • Waldfläche der Mitglieder: 6870 ha
  • Jährl. Holzaufkommen Stammholz: 36 000 fm
  • Jährl. Holzaufkommen Hackgut: 4000 Srm
  • Jährl. Pflanzenbeschaffung: 42 000 Pflanzen, damit kann eine Fläche von ca. 10 Hektar aufgeforstet werden, davon 65 % Mischbaumarten;
  • Betreute Waldfläche mit Waldpflegevertrag: 702 ha
  • Zertifizierung nach den PEFC- Richtlinien

Forst befindet sich im Wandel

Die Serie von Unser Allgäu stellt die forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse heute und morgen vor. Mehr Infos zur Serie finden Sie hier.

Im ersten Teil der Serie geht Ignaz Einsiedler auf die Veränderungen im Laufe der Zeit ein. Einsiedler gibt nach fast 50 Jahren den Vorsitz der WBV Kempten ab und kann auf einen starken Wandel im Wald zurückblicken, den Unser Allgäu beschreibt. Den Artikel über Ignaz Einsiedler finden Sie hier.

Im zweiten Titel lädt Andreas Täger, der Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Westallgäu, zu einem Rundgang ein. Hierbei wird deutlich, welche besonderen Wälder in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Hier finden Sie den Artikel.

Im dritten Teil geht es um die Forstreform, die inzwischen 15 Jahre her ist. Doch nicht immer ist nach wie vor nicht eindeutig, wer wofür zuständig ist. Roman Prestele klärt auf. Den Artikel finden Sie hier.

Im vierten Teil stellen wir Dieter Stosik, Geschäftsführer der FBG Füssen, vor. Mit Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit will Stosik das Verständnis für die Forstwirtschaft wecken. Waldbesitzer brauchen ein Gesicht in der öffentlichen Wahrnehmung, sagt er. Hier finden Sie den zugehörigen Artikel.