Vor Ort

Schicksalsschläge immer wieder gemeistert

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Birgit Böllinger
am Montag, 07.06.2021 - 16:52

Lena und Martin Zimmermann setzen erfolgreich auf nachhaltiges Wirtschaften. Mehrere Herausforderungen bewältigten sie gemeinsam.

Gablingen/Lks. Augsburg „Ohne den Zusammenhalt im Dorf und in der Familie hätten wir das nicht geschafft“, ist sich Lena Zimmermann sicher. Doch wer die zierliche Frau beispielsweise neben ihrem Angus-Bullen „Max“ sieht, könnte sie leicht unterschätzen - denn die 26-jährige bringt jede Menge Energie und Durchsetzungsfähigkeit mit. Als Quereinsteiger betreiben sie und ihr Mann Martin (27) die Hofmetzgerei und Landwirtschaft Zimmermann in Gablingen (Landkreis Augsburg). Und gemeinsam haben sie den Traditionsbetrieb weiter modernisiert und ausgebaut.

2013 ist das Jahr, in dem sich für die Zimmermanns alles ändert: Lena ist es, die ihren sterbenden Vater, der eine Lungenembolie erlitt, findet. Vergeblich versucht sie, ihn zu reanimieren. Die Zukunft des Hofes, den es seit Generationen gibt, ist ungewiss. Die damals 18-jährige, die älteste der vier Zimmermann-Töchter, steckte mitten in einer Ausbildung zur Bankkauffrau. Zunächst wird der Hof mit Betriebshelfern und Unterstützung aus dem Dorf provisorisch weitergeführt, die Ackerflächen werden verpachtet, die Metzgerei auf kleiner Flamme gehalten. „Martin und ich kannten uns auch erst kurze Zeit, unsere Zukunft war völlig offen.“

Eine schwierige Phase bewältigt

2016 gibt sich das Paar jedoch – auch gegen die Bedenken etlicher Freunde – einen Ruck: Die Verbundenheit mit dem Hof, die Liebe zur Landwirtschaft ist zu groß, Lena und Martin wollen den Betrieb auch im Sinne des verstorbenen Vaters weiterführen. Kurz nachdem Martin, der Betriebselektroniker ist, jedoch gekündigt hat, folgt der nächste Schicksalsschlag. Er stürzt vom Heuboden in die Tiefe, bricht sich mehrere Wirbel. Vorübergehend ist ungewiss, ob er jemals wieder laufen kann.

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„Das war nochmals eine ganz schwierige Phase“, sagen die beiden heute. Martin erholt sich jedoch gut, auch wenn er durch den Unfall beeinträchtig bleibt: „Manche Dinge kann ich einfach nicht mehr selber machen.“ Aber mit viel Ehrgeiz und Fleiß und einem besonderen Konzept bringen die beiden den Hof zum Florieren, selbst unter Corona-Bedingungen. So steht der Partyservice, der zur Metzgerei gehört, derzeit zwar still.

Kompensiert wird dies jedoch durch den Onlineshop, „inzwischen haben wir aufgrund unserer Fleischqualität schon Bestellungen aus Hamburg und Berlin“, sagt die Jungbäuerin stolz. Und „James“ und die Butcherbox helfen dabei ebenso: Die Hofmetzgerei war eine der ersten in der weiteren Umgebung, die Verkaufsautomaten anbot, zum Rund-um-die-Uhr-Einkauf und zum Abholen vorbestellter Ware. „Das wird sehr gut angenommen, beispielsweise in der Grillsaison“, erzählt Lena Zimmermann.

Seit das Paar den Betrieb in Vollzeit betreibt, haben sie den Umsatz verdoppelt. Ausschlaggebend dafür sind jedoch nicht nur die zusätzlichen Serviceangebote, die den Hofladen, der dreimal die Woche geöffnet hat, ergänzen. Sondern, davon sind beide überzeugt, das Geheimnis des Erfolgs liegt in der Fleischqualität und ihrem Prinzip des nachhaltigen Wirtschaftens. „Wir achten darauf, dass das Tierwohl an erster Stelle steht“, sagt Lena Zimmermann.

Das fängt beispielsweise damit an, dass die Schweine, die zum nahegelegenen Schlachthof kommen, schon am Abend vorher im Transporter untergebracht werden. „Da schlafen sie ruhiger, für die Tiere ist das weniger Stress und das wirkt sich auch auf die Fleischqualität aus“, so Martin Zimmermann. Und es endet quasi damit, dass die durchschnittlich acht Schweine und ein Rind, die in der Woche geschlachtet werden, komplett verwertet werden.

In jedes Detail reingefuchst

Martin, der nächstes Jahr noch eine Ausbildung zum Metzger angehen will, und Lena haben sich in jedes Detail reingefuchst. Und so ergänzen sich die Bewirtschaftung der Landwirtschaft – rund 22 ha Ackerfläche, 20 ha Grünland und rund sechs Hektar Wald – gemeinsam mit der Tierhaltung, die rund 160 Schweine und 120 Rinder umfasst, zu einem nachhaltigen Ganzen. „Wir schauen, dass so viel Holz nachwächst, wie wir an Energie verbrauchen“, so Martin Zimmermann, „zudem setzen wir auf Photovoltaik“.

Auf den Äckern gibt es klassisch Winterweizen und Wintergerste, „wir haben allerdings auch schon früh mit Soja und Luzernen zum Auflockern der Fruchtfolge begonnen und verwenden auch sonst nur regionales Futter beim Zukauf.“

Nicht alles ist bei diesem Konzept der Nachhaltigkeit und Direktvermarktung auf Anhieb zu verwirklichen, wenn es sich auch betriebswirtschaftlich rechnen soll, gesteht Lena Zimmermann ein. „So hatte mein Vater schon von eigener Mutterkuhhaltung geträumt, aber das hat im Stall nicht funktioniert“, erzählt sie.

Inzwischen haben die beiden Nachfolger auf dem Hof jedoch einen Weg gefunden. Auf einem nahegelegenen FFH-Gebiet, das ihnen vom Naturschutzverein verpachtet wurde, tummelt sich eine kleine Angusrinder-Herde samt Nachwuchs und Bulle Max. „Ein gutes Beispiel dafür, wie Naturschutz und Landwirtschaft Hand in Hand gehen.“

Das Vermächtnis des Vaters bewahren

Ideen, was man auf Hof und Metzgerei noch umsetzen könnte, haben die beiden noch viele – von der mobilen Schlachteinheit über einen eigenen Veranstaltungsraum, in dem sich die begabte Köchin Lena, die auch im Bayerischen Fernsehen bei der „Landfrauenküche“ Furore machte, ausprobieren könnte. „Aber wir planen Schritt für Schritt“, sagt Lena.

Und immer mit dabei ist nicht nur der Gedanke, wie man möglichst gut mit dem „Erbe Natur“ umgeht, sondern auch mit dem Vermächtnis des Vaters: „Ich glaube fest, dass er das gut findet, wie wir den Betrieb in seinem Sinne weiterführen.“ Bereut hat das Ehepaar seinen Schritt jedenfalls nie. „Natürlich ist es ein Beruf, der einem viel abverlangt“, sagt Lena Zimmermann, „aber es überwiegt das Positive – die Vielseitigkeit, das Leben in und mit der Natur und den Tieren, die Selbständigkeit und nicht zuletzt der Zusammenhalt auf dem Hof und in der Gemeinde.“