Kälteeinbruch

Der Schaden ist noch nicht zu beziffern

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Isabel de Placido
am Freitag, 23.04.2021 - 08:29

Die Nachtfröste der letzten Tage und Wochen bereiten den Lindauer Obstbauern schlaflose Nächte. Das Ausmaß der Schäden zeigt sich jedoch erst in ein paar Monaten.

Edelstahlzylinder gegen die Kälte

Es ist schon das zweite Mal in diesem April, dass die Nächte frostig kalt sind. Während die Lindauer Obstbauern beim Wintereinbruch in der ersten Aprilwoche noch mit einem blauen Auge davongekommen sind, sieht es nach dem Kälteeinbruch eine Woche später schon etwas kritischer aus. Doch auch wenn die Schäden heute schon offensichtlich sind, das volle Ausmaß lässt sich erst in ein paar Monaten absehen. Vor allem auch, weil die Frostgefahr längst noch nicht gebannt ist.

Erst Schnee, dann Frost. In diesem Jahr macht der April wieder einmal, was er will – und wird für die wetterabhängigen Landwirte einmal mehr zum unkalkulierbaren Risiko. Denn nach den frühlingshaften Temperaturen, die vor den Osterfeiertagen die Vegetation ankurbelten, folgte ein Wintereinbruch mit Schnee. Allerdings gehörte die bayerische Ecke des Bodensees zur eher wetterbegünstigten Region. Weil die Obstbäume in und um Lindau herum im Großen und Ganzen erst kurz vor dem Aufblühen standen, hielt sich der Schaden bei den erfrorenen Trieben noch in Grenzen. Auch deshalb, weil ohnehin nicht aus allen Blüten Früchte werden sollen und die Bäume bis zur Ernte ausgelichtet werden.

Ein anderes Bild zeichnete sich jedoch nach dem zweiten Kälteausbruch ab. Abgesehen davon, dass sich trotz kühler Temperaturen die Vegetation weiterentwickelt, gab es kurz vor der zweiten Schlechtwetterperiode noch ein Wochenende mit Sonne und um die 20 Grad. Danach folgten mehrere frostige Nächte hintereinander, in denen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sanken. Einige Male sogar bis 3,7 Grad Minus.

Das bittere Resultat der Frostnächte

„Die Aprikosen und Pfirsiche sind erfroren, da gibt’s keinen Ertrag. Bei den Kirschen und Zwetschgen ist der Schaden groß und bei den Birnen rechnen wir mit einem 50 prozentigen Schaden“, fasst Peter Hornstein das Ergebnis dieser Frostnächte zusammen.

Der Landwirt aus Nonnenhorn ist etwas frustriert. Zwar betreibt die Familie auch Obstanbau, darunter hauptsächlich Birnen, aber ebenso Weinanbau. Und den Wein hat es – bisher zumindest – noch nicht erwischt. Die Knospen, so zeigt der Winzer an den Reben hinter seinem Hof mitten in Nonnenhorn, sind noch vollständig geschlossen. Weitere Anbauflächen für Birnen und Wein hat Hornstein ein Stück weiter, landeinwärts, in den Wasserburger Ortsteilen Hattnau und Hengnau sowie im Lindauer Ortsteil Unterreitnau.

Ostwind sorgt für besonders kalte Luft

„Das Hauptproblem ist der Ostwind“, sagt er und erklärt, dass dieser Ostwind eben besonders kalte Luft über die Obstplantagen befördere. Im Unterschied dazu sei der Westwind günstiger, weil dieser die über dem See erwärmte Luft mit sich führe.

Frostberegnung

„Dieses Jahr wird ein heißes Jahr“, sagt Hornstein und meint dies nicht meteorologisch, sondern in Bezug auf die Situation. Denn auch wenn bis jetzt noch nicht alles verloren ist, die Gefahr ist längst noch nicht gebannt. Zumindest die Zitterpartie wegen möglicher Fröste geht noch bis zu den Eisheiligen Mitte Mai weiter. Und danach drohen andere Wetterkapriolen, wie etwa Hagel und Trockenheit. Der Hagel könnte die verbleibende Ernte noch zerschlagen. Und dann ist da auch noch die Feuerbrandgefahr. Gegen die Wetterkapriolen könne man sich nicht schützen, sagt Hornstein und gibt zu bedenken, dass sich eine Versicherung gegen Frost nicht lohne und andere Schutzmaßnahmen, wie Frostberegnungen, wegen der Entnahme des Grundwassers, umstritten seien.

Schlaflose Nächte hat Stefan Büchele hinter sich. Und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen, weil den Lindauer Obstbauern Sorgen um die Ernte plagen. Zum anderen, weil er in den Frostnächten in seinen Obstanlagen unterwegs war. Eine eineinhalb Hektar große Plantage hat er Überkron beregnet. Eine ebenso große Plantage hat er versucht, mit Feuern warmzuhalten. Dabei setzt der Bio-Obstbauer nicht auf die üblichen Paraffinkerzen, sondern auf eine Technik, die er in Südtirol entdeckt hat. In Edelstahlzylinder, sogenannte Frostkerzen, füllt er erst Holz, dann Pellets und gibt darauf Hackschnitzel zum Anzünden. Nachts um zwei, wenn es anfängt am kältesten zu werden, geht er mit dem Bunsenbrenner durch die Reihen und entzündet die Feuer. „Das brennt dann bis morgens um acht.“ Doch mit dieser Methode lässt sich freilich nur ein kleiner Teil seiner Anbauflächen schützen.

Einfrieren der Bäume hat Grenzen

Und auch das Einfrieren der Bäume mit Wasser hat seine Grenzen. Denn für die Beregnung von nur einem einzigen Hektar braucht es 20 000 l Wasser in der Stunde. Und es braucht genügend Druck auf der Leitung, wofür es wiederum ausreichend Wasser braucht. Voraussetzungen, die nicht jedem gegeben sind. Der Bodensee kommt für die Lindauer Obstbauern dafür nicht in Frage und einen reißenden Fluss, wie die Argen, gibt es hier nicht. Büchele hat das Glück, auf einen eigenen Hydranten zurückgreifen zu können.

Trotzdem hat er zwischen 50 und 80 % Frostschäden, je nach Lage der Plantage. Aber ganz genau beziffern kann er es nicht. „Es gibt Frostschäden, aber man kann ja nicht jede Blüte aufmachen.“ Ganz sicher mit Schäden rechnet er bei Jonagold. Diese Apfelsorte reagiere sensibel auf Frost und entwickle als Reaktion darauf verkrüppelte Früchte und graue Platten auf der Schale. „Das ist dann ein Qualitätsmanko.“ Solche Qualitätseinbußen zählen ebenso zu den Frostschäden, wie die Einbußen beim Ertrag. Schließlich sei es ein Unterschied, ob das Obst zum Tafelobstpreis verkauft werden kann oder zum Mostobstpreis, erklärt der Obstbauer aus Schönau.

Doch auch wenn derzeit die Temperaturen wieder nach oben klettern: Wie schon sein Nonnenhorner Kollege weiß auch Stefan Büchele, dass die Gefahr noch längst nicht gebannt ist. Denn noch viel empfindlicher als die Blüten seien die kleinen Früchte, die sich erst noch in der nächsten Zeit entwickeln werden. „Wenn es dann Minus ein Grad hat, dann…“, sagt er, ohne den Satz zu Ende zu sprechen. „Und je größer die werden, umso empfindlicher sind sie.“ Und bis das Obstjahr zu Ende ist, kann ohnehin noch viel passieren.

Mit ein Grund, warum er sich nicht hinreißen lassen will, seine Frostschäden zu beziffern. „In zwei, drei Wochen sieht man mehr. Aber den wirklichen Schaden sieht man erst im Juli, August und während der Ernte.“ Als existenzbedrohend sieht Büchele die aktuelle Situation allerdings noch nicht an. Auch deshalb nicht, weil es typisch für die meisten Lindauer Obstbauern ist, auf mehreren Standbeinen zu stehen. Doch für schlaflose Nächte hat der Frost der letzten Wochen allemal ausgereicht.