Diskussion

Sarah Wiener zu Gast im Allgäu

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Margarete Schreyer
am Mittwoch, 18.03.2020 - 09:01

Lebhafte Diskussion auf dem Biohof Hofer in Aufkirch. Grüne EU-Politikerin bedauert fehlende Lobby für kleine Betriebe in Brüssel.

Aufkirch/Lks. Ostallgäu - Es war eine bunte Runde, die kürzlich in der Wohnstube der Familie Hofer in Aufkirch lebhaft miteinander diskutierte. Ziel war das gemeinsame Ausloten von Ideen und Unterstützungsmöglichkeiten für die Zukunft kleinbäuerlicher Betriebe. Neben der Hauptakteurin, der österreichischen EU-Abgeordneten und Fernsehköchin Sarah Wiener, saßen an diesem Nachmittag auch Bioland-Landesvorstand Oliver Alletsee, das Ehepaar Christine und Günter Räder von den Grünen, der Food-Blogger Hendrik Haase aus Berlin und einige Biobäuerinnen und -bauern mit am Tisch.

Erst kürzlich hatten Alois Hofer und sein Sohn Lorenz der Abgeordneten persönlich einen Laib Käse, als Gegenwert für ihre gekaufte Käseaktie, nach Brüssel gebracht. „Mit der persönlichen Lieferung wollten wir zeigen, dass dies nicht nur ein nüchternes Geschäft ist, sondern auch eine Seele drin steckt“, bekannte Hofer.

Es ging dem Hausherrn an diesem Tag auf seinem Hof nicht nur darum, der Europaabgeordneten einen Auftrag mitzugeben, er wollte ihr auch die Gefühlswelt deutlich machen, in der sich Betriebsleiter von kleinen Höfen tagtäglich bewegen. So fordere zum Beispiel die Gesellschaft massiv, dass Kühe auf die Weide getrieben werden, wenn sie dabei aber den Verkehr behindern oder die Straße verschmutzen mache sich der Bauer schnell unbeliebt. „Wenn die kleinbäuerlichen Familienbetriebe nicht von der EU gestützt werden, wird es in zehn Jahren keine Kleinbauern mehr geben“, sagte Hofer voraus.

Sarah Wiener: Es findet ein Umdenken statt

Diese Meinung teilte Wiener nicht. Sie ist sich sicher, dass es für bewegliche, regionale „Kämpfer“ immer einen Platz geben wird. Auch beim Verbraucher finde derzeit ein großes Umdenken statt. „Das Bewusstsein und das Interesse für gute, fair produzierte Lebensmittel steigt ständig“, so ihre Wahrnehmung. Man müsse Nischen finden und Kunden durch einen besonderen Auftritt gewinnen, „das Produkt muss eine nachvollziehbare Geschichte mitbringen, dann gibt es immer Leute, die dafür einen guten Preis zahlen“, so Wiener.

Dazu sei es jedoch dringend notwendig, dass in der landwirtschaftlichen Ausbildung das Verkaufen auf dem Lehrplan stehe, ergänzte Christine Räder, die Vorsitzende des Biorings Allgäu. Dass die eigene Vermarktung eine große zusätzliche Arbeitsbelastung für Familienbetriebe ist, verdeutlichte Hausherrin Gerlinde Hofer. „Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich, dass die Arbeit schon bei einem zeitweisen Ausfall einer Person kaum mehr zu stemmen ist.“

Bioland-Landesvorstand Oliver Alletsee sprach die Auswirkungen der neuen Düngeverordnung für die Biobauern an. Weil der Ökolandbau in den roten Gebieten ja nicht zu den Verursachern zählt, waren die Betriebe in Bayern bisher von den Aufzeichnungen befreit. Jetzt werden sie genauso behandelt wie konventionell wirtschaftende Betriebe.

„Für die Natur ist die Düngeverordnung sicher ein Segen, aber es müssen diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die für die Probleme verantwortlich sind“, forderte er. Nicht nur den Bauern, sondern auch den kleineren Bäckern und Metzgern würden Steine in den Weg gelegt.

Kleine Betriebe haben in Brüssel keine Lobby

Es gebe in Brüssel noch keine Lobby für kleine landwirtschaftliche und handwerkliche Betriebe, bedauerte Wiener. Für sie ist klar, dass vernünftige Mess- und Prüfmethoden gefunden werden müssen, die nicht in eine große Bürokratie ausarten.

Gegen den hohen Nitrateintrag und den massiven Artenverlust müssen von Seiten der Landwirtschaft Lösungen gefunden werden, machte Dr. Günter Räder, Erzeugerberater im Biolandbau, deutlich. Als wirksames Instrument dafür sieht er eine entsprechende Gestaltung der Förderrichtlinien. „Ausgleichzahlungen sollen nicht über die Fläche, sondern gezielt über die erreichte Artenvielfalt erfolgen“, so sein Vorschlag.

Der Blogger Hendrik Haase, der nach eigenen Angaben als Aktivist, Netzwerker und Moderator über „Lebens-Mittel“ schreibt, Menschen zusammenbringt sowie Institutionen, Politik und Unternehmen auf ihrem Weg zu erfolgreicher Kommunikation und Innovation unterstützt, setzt auf neue Techniken. „Ich baue Brücken von der Produktion zum Konsum, vom Acker zum Teller, vom Saatgut zum Smartphone“, sagte er und lobte die Kreativität der jungen Generation. Um diese zu nutzen gelte es, sie bei der Gründung von Unternehmen zu unterstützen, betonte er.

Alletsee ist sich sicher, dass für den Fortbestand der kleineren Betriebe in der Region der Ökolandbau das probate Mittel ist. „Wir Biobauern sind auf dem richtigen Weg, die Zukunft liegt vor uns“, sagte er. Er rief die Betriebe dazu auf, Netzwerke zu pflegen und Brücken zu bauen, von den Pionieren über die Jugend bis hin zur Politik. Das unterstrich auch Sarah Wiener, alles was in der Runde diskutiert wurde, falle bei ihr auf fruchtbaren Boden und fließe in ihre Arbeit im EU-Parlament mit ein versprach sie. Mit dem Satz „die Natur unterstützt ihre Unterstützer“, ermutigte sie schließlich die bäuerlich geprägten Betriebe, nicht zu resignieren sondern mutig in die Zukunft zu gehen.