Vermittlung

Saisonkräfte: Die Resonanz ist gut

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Michael Ammich
am Donnerstag, 16.04.2020 - 10:51

Die Plattform „Das Land hilft“ der Maschinenringe verspricht ein Erfolg zu werden.

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Schwaben Abgesehen vom Spargelanbau ist in der nord- und mittelschwäbischen Landwirtschaft von krisenbedingten personellen Engpässen bislang noch wenig zu spüren. Das kann sich aber sehr schnell ändern, wenn ab Mai auf den Gemüsefeldern die Ernte beginnt und das Unkraut in den Bio-Hackfruchtkulturen händisch reguliert werden muss. Hilfe in der Not verspricht vielen Landwirten das Internetportal „Das Land hilft“ des Bundesverbands der Maschinenringe und des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Über die Plattform können einerseits Betriebe unbürokratisch nach Erntehelfern als Ersatz für ausländische Arbeitskräfte suchen und andererseits arbeitswillige Personen im Inland ihre Unterstützung anbieten. Viele bäuerliche Familien profitieren bereits von der Plattform.
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Mit ihrem gemeinsamen Angebot setzen die Maschinenringe und das Landwirtschaftsministerium auf die Solidarität der Gesellschaft mit den landwirtschaftlichen Betrieben, die auch in einer Krisenzeit die Grundversorgung der Bevölkerung gewährleisten wollen. Zugleich kann das Portal für jenen Teil der Gesellschaft, der besonders unter den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise leidet, durch die Vermittlung eines Zusatzeinkommens, beispielsweise zum Kurzarbeitergeld, eine existenzielle Unterstützung vermitteln. Auch Studenten, Schülern oder rüstigen Rentnern winken als Ersatzarbeitskräften eine sinnvolle Beschäftigung und ein ansehnliches Taschengeld.
Allein bis zum 3. April gingen auf dem Internetportal fast 50 000 Inserate ein. Schöner Nebeneffekt: Die Menschen lernen die Landwirtschaft nicht nur über die Medien, sondern einmal ganz unmittelbar und persönlich kennen und können erfahren, was das Arbeiten auf einem bäuerlichen Betrieb bedeutet. „Wenn es etwas Positives an der aktuellen Krise gibt, dann dies, dass Menschen miteinander sprechen, bei denen das niemand vor ein paar Wochen für möglich gehalten hätte“, sagt Erwin Ballis, der Geschäftsführer des Bundesverbands der Maschinenringe. „Uns muss bewusst sein, dass es derzeit bei vielen Menschen darum geht, die nächste Miete oder den nächsten Wocheneinkauf bezahlen zu können.“ Viele Unternehmen haben nämlich Kurzarbeit angemeldet und die Landwirtschaft biete den Betroffenen jetzt eine Möglichkeit, die Einkommensverluste auszugleichen.
So hat auch der Lauinger Biobauer Michael Kleinle ein Inserat über „Das Land hilft“ geschaltet. Er betreibt eine Legehennenhaltung, Ackerbau und einen florierenden Hofladen. Über das Portal sucht er jetzt Mitarbeiter für die Pflege von 10 ha Hackfrüchten wie Rote Beete, Zuckerrübe, Soja, Mais und Ackerbohne. „Die Resonanz auf meine Anzeige ist gut“, freut sich Kleinle. „Bis Anfang Mai haben sich mehr als ein Dutzend Leute gemeldet, die auf meinen Feldern mitarbeiten wollen. Mit der Internetplattform hat der Bundesverband der Maschinenringe eine wirklich gute Arbeit geleistet.“ Allerdings kann der Lauinger nur Arbeitswillige aus der Region gebrauchen, da er keine Unterkünfte anzubieten hat. Was ihm weniger gefällt: Offenbar nutzen Zeitarbeitsfirmen die Gunst der Stunde und durchforsten die Plattform nach Betrieben, die helfende Hände suchen. „Ständig meldet sich jetzt irgendeine Zeitarbeitsfirma bei mir.“
Vor allem Studenten, Kurzarbeiter und Rentner haben sich bei Kleinle gemeldet. Von seinen bisherigen rumänischen Saisonarbeitskräften hat er dagegen noch keine Rückmeldung, ob sie heuer wieder zur Arbeit antreten können oder wollen. „Die gehen jetzt wohl mehr zu den Spargel-Betrieben, aber schon ab Ende April bräuchte ich Unterstützung auf meinen Rote Beete-Feldern.“ Außerdem befürchtet der Biobauer, dass Studenten das Interesse an der landwirtschaftlichen Mitarbeit verlieren könnten, falls die Universitäten wieder öffnen. „Aber ich habe ein gutes Gefühl bei den Menschen, die sich bisher bei mir gemeldet haben“, sagt Kleinle. Sie hätten nicht immer sofort nach dem Arbeitslohn gefragt, sondern: Was muss ich können und wann geht es los? „Zehn Euro glatt“ bezahlt ihnen der Lauinger Landwirt für die Stunde Hacken.

Die Organisation ist
nicht immer einfach

Auch Lothar Kempfle sucht nach Ersatzpersonal für seine rumänischen Saisonarbeitskräfte. „Noch ist nicht klar, ob sie heuer auf meinen Betrieb kommen können“, sagt der Reisensburger Biobauer, der im Donauried bei Günzburg Angus-Rinder hält und Ackerbau betreibt. „Und wenn sie kommen, dann müssen sie erst einmal vierzehn Tage lang getrennt vom anderen Personal ihrer Arbeit nachgehen.“ Das macht die Organisation nicht einfacher. Immerhin, fünf Leute aus der Umgebung haben sich bis Anfang Mai bereits über „Das Land hilft“ bei Kempfle gemeldet, vor allem Studenten und anerkannte Asylbewerber. Darüberhinaus erhält er wie sein Berufskollege Michael Kleinle auch Anfragen von „Jobvermittlern, die ein Geschäft machen wollen“.
Für das Hacken auf seinen 9 ha Bio-Zuckerrüben benötigt Kempfle vier bis fünf Arbeitskräfte. Er stellt sich die Frage, wer von den Interessenten überhaupt zu dieser harten Arbeit fähig ist. „Wir lassen uns überraschen, ab Mitte Mai geht es los und Ende Juni ist es auch schon wieder vorbei.“ Kempfle zahlt den geeigneten Arbeitswilligen den üblichen Mindestlohn. „Aber wer gut arbeitet, für den ist auch mal mehr drin.“
Karl-Heinz Geiß führt zusammen mit der Familie Kohnle eine Biohof GbR in Alerheim. Gemeinsam bauen sie 35 ha Bio-Zuckerrüben und 10 ha Bio-Zwiebeln an. Bislang wurden die Familien Geiß und Kohnle beim händischen Hacken von Rumänen unterstützt. „Ich hoffe, dass wenigstens ein Teil von ihnen heuer wieder auf unseren Betrieb kommt“, sagt Geiß. Schließlich habe die Bundesregierung ja ein Kontingent von ausländischen Arbeitskräften genehmigt. Dabei denkt der Alerheimer nicht nur an sich, sondern auch an die rumänischen Helfer. „Die Mitarbeit bei uns bedeutet für sie ein ganzes Jahreseinkommen.“
Über die Internetplattform hat Geiß bisher rund 20 Anfragen erhalten, überwiegend von Kurzarbeitern aus dem nahen Baden-Württemberg, aber auch von Studenten. „Einige von ihnen wären sogar bereit, täglich 50 km nach Alerheim zu fahren.“ Sie hätten ihm gesagt, dass ihnen zuhause die Decke auf den Kopf fallen würde. Bei den Telefongesprächen vermittelten ihm die Interessenten einen guten Eindruck. „Sie wollen arbeiten.“ Aber wie es dann tatsächlich um ihren Arbeitswillen bestellt ist, wenn sie erst einmal bei 30 ° C auf den Feldern hacken, weiß auch Geiß nicht. Er hofft auf eine gute „Kombination“ von erfahrenen Kräften aus Rumänien und seinen potenziellen deutschen Helfern.

45 deutsche Helfer
für 15 Rumänen

Bisher wurden die Familien Geiß und Kohnle von 15 Rumänen unterstützt. „Wenn ich diese komplett ersetzen müsste, wäre geschätzt ein Dreifaches an deutschen Mitarbeitern erforderlich.“ Das heißt, es wären mindestens 45 deutsche Helfer zu rekrutieren. Der Biobauer hat seine Zweifel, ob diese tatsächlich sechs Wochen durchhalten würden. Zudem dürften Kurzarbeiter ja nur bis zur Höhe ihres bisherigen Gehalts zuverdienen, weil ihnen dieses andernfalls gekürzt würde. Treten die Hilfskräfte an, heißt es unter der Anleitung von Familienmitgliedern der Biohof GbR „learning by doing“. Um das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu minimieren, will Geiß die Arbeitskräfte in zwei Gruppen aufteilen.
Und was, wenn die Rumänen zusätzlich zu den deutschen Helfern doch noch kommen? „Das macht nichts“, sagt Geiß. „Ich verwalte lieber einen Überschuss als einen Mangel. Hauptsache, die Böden, auf denen die Rüben und Zwiebeln wachsen, werden im Mai und Juni sauber gepflegt.“ Seine zuverlässigen und erfahrenen rumänischen Saisonarbeiter will Geiß auf keinen Fall verlieren. Von den inländischen Helfern erwartet sich der Alerheimer aber nicht nur den Willen zur Arbeit. „Ich hoffe, dass bei ihnen ein neues Verständnis für die Landwirtschaft entsteht. Das bringt mindestens so viel wie eine Schlepper-Demo.“ Außerdem seien die deutschen Helfer vielleicht dazu bereit, auch künftig auf den Betrieben mitzuarbeiten, nachdem sie einmal angelernt wurden und der aktuelle personelle Engpass wieder vorüber ist.
Personelle Sorgen plagen auch Peter Heinrich, den Geschäftsführer des Erzeugerrings für Gemüsebau Schwaben. In „normalen“ Zeiten können die Gemüseanbauer rund um Gundelfingen auf einen Stamm von fest angestellten Mitarbeitern aus Rumänien, Polen oder der Ukraine zurückgreifen, die in der Region ihren Wohnsitz haben. Diese hätten aber teils Angst vor einer Infektion mit dem Corona-Virus oder wollten jetzt bei ihren Familien in den Heimatländern sein. Reisten sie aus Deutschland aus, bestehe jedoch die Gefahr, dass sie anschließend nicht wieder einreisen können. Ein anderer Teil der rumänischen Arbeitskräfte werde aus Sorge vor einer Corona-Infektion voraussichtlich gar nicht erst nach Deutschland kommen wollen.
Ab Mai, wenn die Salat- und Rettichernte anläuft, herrscht in den schwäbischen Gemüsebauregionen ein großer Bedarf an Arbeitskräften. Bis dahin wird vor allem gepflanzt – eine Arbeit, die sich auch von fachfremden Personen durchführen ließe. Allerdings zeige die Erfahrung, dass die deutschen Helfer spätestens nach drei Tagen über Rückenschmerzen klagen und selbst in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit schnell das Handtuch werfen. Derzeit kann Heinrich noch nicht abschätzen, ob es bei der Versorgung des deutschen Markts mit heimischem Gemüse zu einem Engpass kommen wird. „Aber ich kann mir das gut vorstellen, auch wenn sich zumindest das Wurzelgemüse, abgesehen vom Rettich, mit Vollerntern von den Feldern bringen lässt.“