Nitratbelastung

Rote Gebiete - verhärtete Fronten

Michael Ammich
am Dienstag, 04.08.2020 - 09:07

Bei einer Probemessung an der Höhsackgrabenquelle werden einmal mehr die unterschiedlichen Auffassungen von Land- und Wasserwirtschaft deutlich.

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Die Fronten sind verhärtet. Die Oberflächenmessstelle an der Höhsackgrabenquelle mit ihren erhöhten Nitratwerten sei keinesfalls repräsentativ für ein 15 000 ha umfassendes Rotes Gebiet, beharrt der Dillinger Bauernverband. „Diese Messstelle ist auch nach den neuesten Vorgaben sehr wohl repräsentativ“, kontert Dr. Rüdiger Zischak vom Donauwörther Wasserwirtschaftsamt. Bei einer Probemessung an der Quelle bei Wortelstetten prallten die Meinungen aufeinander, eine Einigung ist weiter nicht in Sicht.

Messergebnisse und Messtechnik nicht angezweifelt

Die Messergebnisse und die Messtechnik zweifelt indes auch der Bauernverband nicht an. Der Leiter des Wasserwirtschaftsamts, Dr. Andreas Rimböck, erklärt an der offenen Messstelle wenige Meter unterhalb des Quellaustritts, wie der biologische und chemische Zustand des kleinen Gewässers ermittelt wird. Demnach werden bereits vor Ort einige Parameter der Wasserprobe bestimmt, beispielsweise der pH-Wert, die Leitfähigkeit, die Temperatur, der Sauerstoff- und Hydrogencarbonatgehalt sowie die freie Kohlensäure. Anschließend wird die Probe gekühlt zum behördeneigenen oder einem externen Labor transportiert. Dort wird sie dann auf weitere Parameter untersucht.

Quelle ist Ergebnis eines Grundwasseraustritts

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„Eine Quelle ist stets das Ergebnis eines Grundwasseraustritts“, stellt Rimböck klar. Damit spiegele ihr Wasser die Situation der Versickerungen und des Grundwassers im gesamten Quelleinzugsgebiet wieder. Auf einer Ebene in Fließrichtung oberhalb der Quelle finde eine landwirtschaftliche Nutzung statt. Daher sei die Quelle für die landwirtschaftliche Nutzung repräsentativ, so der Behördenchef. Desweiteren erfülle die Quelle ganz klar die Anforderungen, wie sie für eine Wasserrahmenrichtlinien-Messstelle festgelegt sind.

Die geringe Wassertemperatur von 12° C bestätige überdies, dass es sich bei den entnommenen Proben tatsächlich um ausgetretenes Grundwasser handelt, das wiederum repräsentativ für das Grundwasser im gesamten Gebiet sei.

Auch die Landnutzung oberhalb der Quelle stuft Rimböck als repräsentativ für das gesamte Rote Gebiet ein. Das wiederholte Argument der Bauern vor Ort, dass die Nitratbelastung der Höhsackgrabenquelle von einer aufgelassenen Bauschuttdeponie in der Nähe stammen könnte, lässt Rimböck nicht gelten. „Wir haben keine Messwerte, die auf einen Einfluss von Bauschutt hindeuten.“

Beeinflusst Morast den Messwert?

Kurzen Prozess macht Dr. Rüdiger Zischak, Leiter des Fachbereichs Wasserversorgung, Gewässer- und Bodenschutz an der Donauwörther Wasserbehörde, auch mit dem Argument vonseiten des Bauernverbands, dass der Morast rund um das Quellgewässer den Nitratwert nach oben treiben könnte. Genau das Gegenteil sei der Fall, so der Diplom-Geologe. Bei der Entstehung von Schlamm und Morast werde dem Wasser Sauerstoff entzogen, der dann wiederum für die Nitratbildung nicht zur Verfügung steht. Anders gesagt: Wäre der Morast nicht vorhanden, würde der Nitratgehalt im Quellwasser noch deutlich höher ausfallen. Außerdem gebe es im Quellaustritt selbst kein verrottetes Material. Bei der jüngsten Messung bewegte sich der Nitratgehalt bei satten 83 mg/l, das sind 33 mg über dem gesetzlichen Grenzwert.

Die Proben werden an der Höhsackgrabenquelle bereits jahrelang jeweils zu verschiedenen Jahreszeiten entnommen. In keinem einzigen Fall habe sich der Nitratwert unter 60 mg bewegt, bekräftigt Zischak. Untersuchungen hätten gezeigt, dass allgemein 80 % der Nitratbelastung in den Gundwassern aus der Landwirtschaft stammen. „Natürlich gibt es auch andere Nitratquellen, aber diese tragen nur marginal zur Nitratbelastung eines Gebiets bei.“ Umbruchverbote seien nur eine Maßnahme, mit der sich die Nitratbelastung reduzieren lasse. „Wo die Landwirte ihren Nitrateintrag reduziert haben, ist auch der Nitratgehalt des Grundwassers zurückgegangen.“

Sind die Düngungsdaten nun zugänglich oder nicht?

Sauer stößt Zischak die hartnäckige Weigerung der Landwirte auf, ihre betriebsspezifischen Düngedaten dem Wasserwirtschaftsamt zur Verfügung zu stellen. Würden sich die Bauern und die Landwirtschaftsverwaltung dazu bereit erklären, ließe sich nämlich nachweisen, ob der Nitrateintrag beispielsweise an der Höhsackgrabenquelle unabweisbar aus der Landwirtschaft stammt oder nicht. Demgegenüber versichert der Dillinger Kreisobmann, dass die Daten sehr wohl offen zugänglich seien. „Für ihre Auswertung fehlt es aber an der Abstimmung zwischen den Behörden“, betont Klaus Beyrer. Für den Kreisobmann stellt die Höhsackgrabenquelle keine zertifizierte Messstelle dar. „Doch, das ist sie“, entgegnet ihm Zischak ganz entschieden.

Als Chef des AELF Wertingen stört sich Magnus Mayer an der statistischen Beliebigkeit der Messergebnisse. „Wenn in einer Gemeinde des Landkreises Dillingen ein befragter Bürger sagt, dass er die AfD wählt, und in einer anderen Gemeinde ein Bürger, dass er die SPD wählt, dann heißt das nicht, dass die Hälfte der Landkreisbürger AfD-Wähler sind.“ Ebenso könnten 10 ha landwirtschaftliche Fläche oberhalb einer Quelle niemals repräsentativ für ein 15.000 ha großes Gebiet sein. „Eine einzelne Quelle sagt wenig über den Grundwasserzustand im gesamten Roten Gebiet aus.“ Denselben Zweifel teilt der Bürgermeister der Gemeinde Buttenwiesen, Hans Kaltner.

Diese Anmerkungen bringen wiederum den Leiter des Wasserwirtschaftsamts auf die Palme. „Warum ist dieses Unbehagen nicht formuliert worden, als die Landesanstalt für Landwirtschaft und das Landesamt für Umwelt gemeinsam die 750 bayerischen Wasserrahmenrichtlinien-Messstellen festgelegt haben“, fragt Rimböck. Die Landwirtschaftsverwaltung und der Bauernverband hätten sich dagegen gestemmt, dass den Wasserwirtschaftsämtern einzelbetriebliche Düngedaten zur Verfügung gestellt werden. „So kommt es jetzt, dass alle Landwirte unter den Unschärfen leiden müssen.“ Im Abgrenzungsprozess für die Roten Gebiete könne eine einzige Messstelle der Auslöser dafür sein, dass ein Gebiet überhaupt in den Prozess hineingerät.

Warum ausgerechnet dieser Messpunkt?

Auch Josef Liepert zeigt kein Verständnis dafür, dass ausgerechnet die Höhsackgrabenquelle für die Nitratbelastung des Grundwasserkörpers unter einer Fläche von 15.000 ha herangezogen wird. Der Wortelstettener Landwirt betreibt in einer Entfernung von weniger als einem Kilometer zur Quelle einen Brunnen. Dieser weise in seinem Wasser schon seit rund 20 Jahren einen Nitratgehalt von nur 20 mg pro Liter auf. „Für eine Messstelle sollten höhere Anforderungen gelten, als es bei der Höhsackgrabenquelle der Fall ist“, ärgert sich Liepert. Er appelliert an die Wasserwirtschaft, guten Willen zu zeigen und bessere Messstellen wie seinen Brunnen zur Ermittlung des Nitratwerts im Grundwasser heranzuziehen.

Immerhin, Behördenchef Dr. Andreas Rimböck sichert Liepert verbindlich zu, ganz offiziell eine Nitratmessung in dessen Brunnen vorzunehmen. Dabei gelte es dann aber auch, das Gesamtbild zu überprüfen, um zu ermitteln, ob diese Messstelle repräsentativ sein könnte.
Der Landtagsabgeordnete Georg Winter, ebenfalls vor Ort in Wortelstetten, mahnt hier jedoch sogleich zur Vorsicht. „Wenn mehr gemessen wird, kann das auch bedeuten, dass es noch mehr Messstellen mit schlechten Ergebnissen gibt.“ Dennoch hat die bayerische Staatsregierung beschlossen, das Netz der Wasserrahmenrichtlinien-Hauptmessstellen von derzeit 600 auf künftig 1500 zu erhöhen, wie Zischak erklärt. Wie dem auch sei, für Amtschef Rimböck müssen alle Maßnahmen ein gemeinsames Ziel haben: „Es geht darum, die hohe Nitratbelastung in manchen Gebieten wieder nach unten zu bringen.“