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Weidetierhaltung

Riss zweier Kälber: Ein Hund soll’s gewesen sein

Ein Pfiff, und die Kühe kommen: Klaus Koros will seinen Aberdeen Angus-Rindern bis zur letzten Minute ein gutes Leben bereiten und hält sie deshalb während der Vegetationsperiode auf der Weide.
Isabel Springer de Placido
am Freitag, 23.09.2022 - 10:03

Der Bodolzer Landwirt Klaus Koros hat Ende August zwei tote Kälber auf einer Weide in Bettnau vorgefunden, eines davon stark angefressen.

Eines der Zwillingskälbchen war unversehrt, das andere stark angefressen und zerteilt.

Bettnau/Lks. Lindau  Die Mutterkuh hatte das Aberdeen-Angus Zwillingspäarchen in der Nacht geboren. Zuerst deutete vieles auf einen Wolf hin. Jetzt gibt das Landratsamt Entwarnung. Ein Ergebnis, von dem der Landwirt aber nicht wirklich überzeugt ist.

Die Bilder, die Klaus Koros auf die Social-Media-Plattform Facebook gestellt hat, sind grausam. Das erste zeigt ein völlig zerfetztes Tier mit offenem Rumpf. Auf einem zweiten Foto ist ein Kopf am abgetrennten Oberkörper zu sehen, auf einem dritten Bild ein totes, aber komplettes Kälbchen und das letzte Foto zeigt die Überreste beider toten Kälbchen auf einem Heubett. Dazu schreibt er: „Ein wildes Tier geht um…, was auch immer es ist, macht mir meine Herde kaputt.“

Schock in den frühen Morgenstunden

Schockiert war Klaus Koros, als er an einem frühen Samstagmorgen Ende August auf die Weide hinter seinem Haus geht, um nach seiner Herde zu schauen. Unter den zwölf Tieren befinden sich einige trächtige Kühe und der Landwirt aus Bettnau, der den Familienbetrieb zusammen mit seiner Frau als fünfte Generation übernommen hat, erwartet jederzeit Nachwuchs.

Weil er sich vor zehn Jahren dafür entschieden hat, eine nachhaltige Landwirtschaft mit ökologischem Landbau zu betreiben, züchtet er die Rasse Aberdeen-Angus. Denn im Unterschied zu seinen Vorfahren will der Nebenerwerbslandwirt weder die Tiere angebunden im Stall halten, noch Milchwirtschaft betreiben. Stattdessen hält er sich die schwarzen Rinder, die ursprünglich aus Schottland stammen, ausschließlich zur Fleischgewinnung. Im Schnitt besteht seine Herde aus zwölf bis 18 Tieren. Dabei ist ihm wichtig, dass die Tiere bis zur letzten Minute ein gutes Leben haben.

Das dürfte den frisch geborenen Zwillingskälbchen aber wahrscheinlich verwehrt gewesen sein. Als Koros auf die Weide gegangen war, um zu schauen, ob ihre Mutter sie in der Nacht geboren hat, hat er schon von weitem etwas Schwarzes in der Wiese liegen sehen. Ohne eine dabeistehende Mutterkuh. Ein schlechtes Zeichen. „Da wusste ich schon, was los war, denn letztes Jahr habe ich auch schon zwei tote Kälber gehabt, die waren auch angebissen“, sagt er und erzählt, dass er aber erst einmal keinen Verdacht geschöpft hat, weil das tote Kälbchen bis auf den angefressenen Nabel eigentlich unversehrt gewesen sei.

Als Koros dann über die Weide wieder zurück zum Stall geht, um den Traktor zu holen, sieht er noch einmal etwas Schwarzes. „Da hab ich gedacht, das darf doch nicht wahr sein.“ Als er es erreicht hat, ist der Anblick ein grausamer. Denn Koros stößt auf ein halbes Kalb. In der Wiese liegt der Kopf mit Brustkorb. 30 Meter weiter findet er den Rest, die Hinterbeine mit der Haut. Bei diesem Anblick ist ihm klar: „Da ist auf jedenfalls was Größeres passiert.“

Landwirt ruft Kreisjagdberater an

Der Landwirt ruft daraufhin den für dieses Gebiet zuständigen Kreisjagdberater Michael Hornstein aus Nonnenhorn zu sich. Dieser rät dazu das Veterinäramt einzuschalten und wählt die private Handynummer der zuständigen Beamtin. Wie es der Zufall will ist diese gerade mit dem Fahrrad in Bodolz unterwegs und kommt sofort nach Bettnau. Beide hätten sich die Kälber angeschaut, schildert Koros weiter, und hätten festgestellt, dass die Wirbelsäule durchbissen war. „Der Jäger sagt halt ganz klar: Das kann und war kein heimisches Tier“, gibt Koros das Gespräch wider und erzählt, dass nach Einschätzung des Jägers kein Fuchs oder Dachs dazu fähig sei. Infrage käme entweder ein Luchs, wie es sie bereits in Vorarlberg gebe, oder ein Wolf. Es gebe Berichte, wonach ein Wolf bei Niederstaufen gesehen wurde, als er eine Schafsherde angreifen wollte. Allerdings konnte er verjagt werden. „Und deswegen sind sie ziemlich sicher, dass es ein Wolf war.“

Das bestätigt auch Michael Hornstein selbst. Die Art, wie das Kälbchen angefressen sei, dass die Wirbelsäule und Rippen durchtrennt waren und auch die Fleischmenge, die gefressen wurde, lege die Vermutung nahe, dass es ein hungriger Wolf gewesen sei. Zudem sei das rund 15 kg schwere Kalb aus der Weide heraus geschleppt worden. „Das schafft kein Fuchs oder Dachs“, ist sich Hornstein sicher und sagt: „Es deutet aus meiner Sicht viel darauf hin.“ Vor allem vor dem Hintergrund, dass im Landkreis eben schon ein Wolf unterwegs sei. Entfernungen von 70, 80 km lege der spielend zurück.

Genetisches Material zur Untersuchung entnommen

Um genauere Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie die Kälber gestorben sind und welches Tier sie angefressen hat, hat das Lindauer Veterinäramt in Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) für eine genetische Untersuchung Proben entnommen. Zudem wurden die Körper zur pathologischen Untersuchung an die Tierkörperbeseitigungsanstalt (TBA) Kraftisried gebracht.

Das Ergebnis drei Wochen später lautet: „Hier wurde festgestellt, dass es keine Anzeichen auf Gewalt oder Bisswunden vor dem Tod gegeben hat“, heißt es in der Presseerklärung des Landratsamt Lindau. Der Befraß hat laut TBA deutlich nach dem Tod stattgefunden, denn es sei festgestellt worden, dass die Hufe der beiden Tiere nicht belaufen waren. Dies wiederum spreche dafür, dass die Zwillingskälber bereits tot geboren wurden.

Die genetische Untersuchung hat zudem ergeben, „dass der Befraß der toten Kälbchen durch einen Haushund (Canis Familiaris) entstanden ist“, erläutert das Landratsamt in seiner Pressemitteilung weiter. Eine Beteiligung wild lebender großer Beutegreifer wie einem Wolf schließe das LfU aus.

Ein Ergebnis, das den Landwirt nicht überzeugt

„Ein freilaufender, großer Hund soll mitten in der Nacht allein auf meiner Weide unterwegs gewesen sein, dort einen Kampf geführt und ein Kalb weggeschleppt haben, um sieben, acht Kilo Fleisch zu fressen und dann wieder ab nach Hause ins Körbchen gegangen zu sein? Für mich passt das nicht zusammen“, erklärt er, als er über die Presse von den Untersuchungsergebnissen erfährt. Zumal er unmittelbar nach dem Vorfall auf weitere Spuren gestoßen ist, die für ihn und einen hinzugezogenen Rissexperten für einen Wolf sprechen.

„Die Geschichte ist für mich noch nicht vorbei“, sagt er deshalb und erhofft sich vom originalen Untersuchungsbericht genauere Erkenntnisse. Insbesondere interessiert ihn brennend, welche Hunderasse anhand der DNA-Proben festgestellt wurde. Denn der Gedanke, dass es ein Hund gewesen sein soll, der das eine Kälbchen derart zugerichtet hat, ist für ihn eigentlich noch beunruhigender, als wenn es tatsächlich ein Wolf gewesen wäre.