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Zuchtmethoden

Rinderzucht: Offen sein für Neues

Sie sind offen für moderne Zuchtmethoden: Tobias und Sarina Mohr mit ihrem kleinen Sohn Fritz.
Josef Berchtold
Josef Berchtold
am Donnerstag, 03.11.2022 - 07:14

Tobias Mohr aus Kißlegg nutzt moderne Zuchtmethoden, etwa genomische Zuchtwerte und die computergestützte Anpaarung. Und doch möchte er auf den Züchterblick nicht ganz verzichten. Wir haben ihn besucht.

Die Eingabe aller Daten, die am Betrieb für Cowship erfasst werden, erfolgt über die Handy-App.

Tobias Mohr aus Kißlegg arbeitet bereits intensiv mit Cowship – dem Anpaarungsprogramm des Rinderzuchtverbandes Baden-Württemberg (RBW). Aber dass man nicht nur mit Zuchtwerten arbeitet, sondern sich die Kühe auch noch anschaut, stellten sein Zuchtberater Marc Waldner und Mohr beim Betriebsbesuch unter Beweis: Sie sind bei den Kühen, sprechen über die einzelnen Stärken und Schwächen und was am jeweiligen Tier am meisten verbessert werden sollte.

Tobias Mohr bewirtschaftet mit seiner Frau Sarina einen Milchviehbetrieb mit 87 vorwiegend braunen Kühen im Landkreis Ravensburg im Südosten Baden-Württembergs. Den modernen Zuchtmethoden steht er sehr aufgeschlossen gegenüber.

Aufgeschlossen gegenüber der modernen Zucht

Tobias Mohr und Zuchtberater Marc Waldner (r.) bei einer Volker-Tochter mit GZW 132.

Mohr machte beim Projekt zur Verbesserung des Saugverhaltens mit, ist von Beginn an beim Genotypisierungsprojekt Braunvieh-Vision dabei und nutzt intensiv die Anpaarungsempfehlungen der RBW durch das Programm Cowship.

Sein Zuchtberater Marc Waldner erklärt den Ablauf: Er besucht den Betrieb zwei- bis viermal jährlich, beschreibt dabei alle Erstmelkkühe linear und erfasst zusätzlich von jeder Jungkuh die drei bis fünf Merkmale, die am meisten verbessert werden müssen. Kühe in dritter Laktation werden zudem neu eingestuft.

Aus früheren Besuchen ist Waldner das Zuchtziel des Betriebes Mohr bereits bekannt. Das wird im Anpaarungsprogramm Cowship berücksichtigt. Auch kann er angeben, ob als Schwerpunkt „Roboterbetrieb“, „Indexbetrieb“ oder „Standardbetrieb“ oder eine exterieurbetonte Ausrichtung eingestellt sein soll. Bei Mohr ist es der Roboterbetrieb. Die Mindestwerte der Merkmale können nach den Vorstellungen des Betriebes in Cowship angepasst werden.

Effiziente Laufstall- und Roboterkuh als Zuchtziel

Gemeinsam mit dem Landwirt legt der Berater dann die Stiere fest, die in die Auswahl kommen sollen. Grundsätzlich wären hier alle nationalen und internationalen Stiere möglich, von denen genomische Zuchtwerte vorliegen. Mit diesen Stieren rechnet das Programm dann.

Tobias Mohr erklärt, welche Merkmale ihm am wichtigsten sind: Es sind vereinfacht ausgedrückt alle Merkmale, die für eine effiziente Laufstall- und Roboterkuh wichtig sind. Mohr hat seinen Roboter gut ausgelastet, aktuell werden täglich etwa 75 Kühe über die Maschine gemolken. „Die Melkbarkeit ist uns wichtig. Wenn sie um 0,4 kg/min zurückgeht, könnten wir fünf Kühe weniger an der Maschine melken“, sagt er.

Wegen des Roboters vermeidet er Stiere, die sehr kurze Zitzen und enge Strichstellung vererben. Auch gute Becken sind ihm wichtig. Weniger Wert legt er auf das Fundament, ganz einfach deshalb, weil Mohr hier kaum Probleme hat und die meisten Stiere seiner Erfahrung nach hier gut vererben. Im Exterieur achtet er auf die funktionellen Merkmale. Schaueignung spielt bei ihm keine Rolle.

Die Möglichkeiten sind fast grenzenlos

Nachdem die Kühe beschrieben, die Ziele besprochen und die Stiere ausgewählt sind, kommt das Programm Cowship zum Einsatz, und die Möglichkeiten sind fast grenzenlos. „Das Programm berücksichtigt bis zu zehn Generationen“, erklärt Waldner. Das spielt zum Beispiel zur Berechnung des Inzuchtgrades eine Rolle, die für Mohrs Herde auf durchschnittlich 1,10 % sowie auf maximal 3,125 % beim Einzeltier begrenzt ist.

In der computerbasierten Anpaarung werden alle genomischen Zuchtwerte berücksichtigt. Da Mohr seit Beginn an bei Braunvieh-Vision dabei ist und somit fast alle Kühe genotypisiert sind, kann hier das Programm seine gesamten Möglichkeiten ausspielen.

Bei der Statistik zu Jahresbeginn tauchten die Stiere Piccard, Arnimo und Volantis am häufigsten als „Erste Wahl“ auf, gefolgt von Caracala, Nathan und New York. Diese Stiere scheinen am besten auf Mohrs Herde zu passen. Arnimo vermutlich auch deshalb, weil er wieder längere und dickere Zitzen bringt.

„Ich habe den Eindruck, dass die Herde ausgeglichener ist, seitdem wir mit dem Anpaarungssystem arbeiten“, sagt Tobias Mohr. Es seien nicht die ganz großen Sprünge, aber Kühe mit sehr schlechten Eutern oder Fundamenten seien bei ihm weniger geworden. Durch die Kombination von genomischen Zuchtwerten mit der Bewertung der Kühe kommt dem Programm quasi keine Schwäche eines Tieres aus. Mit den genomischen Zuchtwerten wurde es möglich, jedes einzelne Kriterium und jedes lineare Merkmal bei der Anpaarung schon beim Jungstier zu berücksichtigen.

Es wird deutlich mehr gestreut als früher

Um das Anpaarungsrisiko zu reduzieren, streut Mohr heute deutlich mehr als früher. Nur wenige Stiere erreichen mehr als drei oder vier Kühe in der Herde. Früher war das anders: „Da haben wir stark mit Pronto oder Huray gearbeitet“, sagt der Züchter. Mit töchtergeprüften Stieren arbeitet er noch vereinzelt. Beim nächsten „Lauf“ des Programmes wird er wohl den neu ausgewerteten Volker zu seinen Anpaarungsstieren nehmen. Der Landwirt hält sich tendenziell an die Empfehlungen des Cowship-Programms, nutzt aber häufig auch die 2. oder 3. Wahl der vom Programm erstellten Vorschläge.

Marc Waldner betreut etwa 300 Milchviehbetriebe. Die Anpaarungsberatung ist für die Betriebe kostenlos, wobei die RBW von der guten Bindung profitiert, die gerade die Beratungsbetriebe zu ihrem Verband haben. Die Genotypisierung der Kuhkälber war bisher kostenlos, neu wird für Braunvieh-Visionsbetriebe, die auch Gesundheitsdaten melden, ein Unkostenbeitrag von rund 10 € pro Typisierung berechnet.

Tobias Mohr nutzt die genomischen Zuchtwerte auch für Selektionsentscheidungen. Etwa sechs bis acht Kalbinnen verkauft er pro Jahr in den Export. Tiere, die in den für ihn wichtigen Merkmalen Schwächen haben, gehen als erste. Auch bei der Frage, welche Kühe und Rinder mit Maststieren oder mit gesextem Braunviehsperma besamt werden, spielen die Zuchtwerte eine Rolle. Aber nicht nur diese, sondern auch das Züchterauge.