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Beleuchtung

Rinderhaltung: Auf das richtige Licht achten

Abb-1a-Von Bühne-quer-Foto-M-Götz
Dr. Michael Götz
am Dienstag, 08.02.2022 - 06:19

Rinder können sich im Gegensatz zum Menschen auch bei wenig Licht noch gut orientieren. Zur Erhaltung von Fruchtbarkeit und Milchleistung allerdings ist eine biologisch wirksame Beleuchtung notwendig.

Physikalisch gesehen ist Licht einfach elektromagnetische Strahlung. Doch ohne Licht wäre alles schwarz und dunkel. Licht ist nicht nur Voraussetzung für das Sehen, sondern es steuert viele neuronale und hormonelle Prozesse, sorgt für den lebenswichtigen Tag-Nacht-Rhythmus und beeinflusst die Leistungsfähigkeit, aber auch das Wohlbefinden von Menschen und Tieren.

Was aber zudem bedeutsam ist: Rinder haben ein anderes Sehvermögen als Menschen. Ganz allgemein gibt es beim Sehen große Unterschiede zwischen Menschen und Tieren. Das Rind ist dem Menschen in der optischen Wahrnehmung überlegen, hielt Daniel Werner vom Haus Düsse der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen bei einem Weiterbildungskurs der Arbeitsgemeinschaft für landwirtschaftliches Bauen (ALB-Schweiz) fest.

Abb-8-Natriumdampf-LED-Lampen-Foto-D-Werner

Während Menschen nur 20-30 Bilder pro Sekunde unterscheiden können, liegt die Wahrnehmungsfrequenz bei Rindern bei 40-60 Bildern pro Sekunde. Bewegungen fallen dem Rind also folglich schneller auf. Hektische Bewegungen irritieren es somit eher. Das pulsierende Licht einer Natrium-Dampfleuchte nimmt es als Flackern wahr. Man sollte solche Lampen deswegen nicht im Stall einsetzen.

Das Rind sieht allerdings weniger scharf als der Mensch. Um die Sehschärfe des Rindes zu verbessern, sind Hell-Dunkel-Kontraste möglichst zu vermeiden. Stark überlegen ist das Rind dem Menschen dafür in der Weite des Sehbereichs von über 330 Grad. Nur ganz hinten blickt die Kuh in einen toten Winkel. Der Sehbereich des Menschen liegt bei etwa 180 bis 200 Grad. Im äußeren Bereich sehen beide zwar nicht mehr scharf, aber sie nehmen noch etwas wahr.

Beutetiere verfügen im Tierreich hingegen über einen weiten Sehbereich, da sie sehen müssen, ob sich etwas von hinten nähert. Auch für das richtige Treiben von Rindern spielt der Sehbereich eine wichtige Rolle. Die Farberkennung ermöglicht Rindern beispielsweise, das Futter gezielt aufzunehmen, sie können allerdings nicht zwischen rot und grün unterscheiden.

Unterschiede zwischen künstlichen Lichtquellen

Ziel einer künstlichen Beleuchtung ist es, Sonnenlicht so gut als möglich nachzuahmen. Die verschiedenen Leuchtmittel unterscheiden sich im Lichtspektrum und somit in der Farbwiedergabe, in der Energieeffizienz und in der Lebensdauer. Glüh-, Halogen- und Xenonlampen haben einen sehr schlechten energetischen Wirkungsgrad. Bei Glühlampen werden nur ca. 5 % der elektrischen Leistung in Licht umgewandelt, der Rest in Wärme. Werner bezeichnet sie deshalb eher als Heizungen anstatt Lichtquellen. Die mittlere Lebensdauer von Glühlampen liegt bei nur etwa 1000 Stunden. Allerdings zeichnen sich die so genannten thermischen Lichtquellen durch eine sehr gute Farbwiedergabe aus. Entladungslampen, seien es Nieder- oder Hochdruck-Entladungslampen, etwa die erwähnte Natriumdampflampe, haben zwar einen deutlich besseren Wirkungsgrad, und eine etwa 30-mal längere Lebensdauer als thermische Lichtquellen, aber oft eine schlechte Farbwiedergabe. Sie sind deswegen auch für den menschlichen Arbeitsplatz weniger gut geeignet.

Der Wirkungsgrad von LED-Lampen liegt bei bis zu 50 %, die Lebensdauer bei etwa 50 000 Stunden. Auch wenn die LED-Lampen im Vergleich zu den anderen Lichtquellen teuer sind, sind die Jahreskosten wegen des geringeren Stromverbrauches deutlich niedriger. Entscheidend sei aber die Qualität der Leuchten, etwa wie gut sie verarbeitet sind und ob auf ein gutes Wärme-Management geachtet wurde.

LED-Lampen eignen sich gut im Stall

Der Fachmann empfiehlt Landwirten, sich vor dem Einbau einer neuen Beleuchtung eine Musterleuchte kostenlos zusenden zu lassen und auf die äußere Verarbeitung zu achten. Auch sollte man die Musterleuchte im Stall bei Dunkelheit ausprobieren. Wie ist die Lichtfarbe? Gibt es Schatten oder farbige Ränder? Flackert das Licht schon für das menschliche Auge, sei die Beleuchtung für das Tier nicht geeignet.

Von Vorteil seien LED-Lampen mit kalt-weißem Licht, da deren Spektrum mehr blaues Licht enthält, welches Rinder am besten wahrnehmen. Vor der Anschaffung einer neuen Stallbeleuchtung sollte man auch eine Beleuchtungssimulation durch den Hersteller der Lampen vornehmen lassen.
Wichtig sei freilich die Positionierung der Lampen. Je nach Einrichtung des Stalles sei es besser, die Leuchten in Längs- oder Querrichtung anzubringen. „Von LED-Retrofit Lampen dagegen raten wir ab“, sagt Werner. Diese können oft die Wärme nicht genügend abgeben. Es kann dann zu einem Überhitzen und Schmoren der Lampe und zu Stallbränden kommen.“

Es ist sinnvoll, möglichst viel Tageslicht durch die Bauweise in den Stall zu bringen. Allerdings ist darauf zu achten, dass das Sonnenlicht die Tiere nicht blendet und dass nicht zu viel Wärme in den Stall gelangt. Von Lichtplatten in den Decken rät der Beleuchtungsfachmann ab. Einerseits wegen des großen Wärmeeintrages im Sommer, vor allem aber auch wegen der starken Hell-Dunkel-Unterschiede im Stall.

Langsame Anpassung an hell und dunkel

Rinder brauchen lange, um ihr Auge an hell und dunkel anzupassen. Ganz wichtig ist diese Eigenschaft, wenn man Rinder von einem hellen in einen dunklen Bereich bringt oder umgekehrt. Während der Mensch sich schon längst an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hat, wird das Tier geblendet bzw. kann das Licht nicht wahrnehmen. Sowohl der Stall als auch Treibwege zum Beispiel zum Melkstand oder zur Verladerampe sind gleichmäßig auszuleuchten. Das Ziel darf weder zu hell noch zu dunkel sein, ansonsten geht das Tier nicht vorwärts. Das Rind benötigt Zeit, sein Auge anzupassen. Das dauert Minuten und nicht nur Sekunden.
Abb-4-Dunkelheit-Aussenansicht-Foto-M-Götz

Das Rind kann sich auch bei geringer Lichtintensität im Stall orientieren, während der Landwirt für seine Arbeit auf helles Licht angewiesen ist, sei es beim Kontrollgang durch den Stall, beim Melken oder Klauenschneiden. Eine Extra-Nachtbeleuchtung im Stall ist nach Ansicht von Werner nicht nötig. Denn Rinder haben eine Restlicht-verstärkende Schicht im Auge, so dass sie sich auch bei schwachem Licht orientieren können. Gemäß DLG-Merkblatt 415 sollte die Beleuchtungsintensität in den Nachtstunden auf keinen Fall 10 Lux überschreiten. Eine rote Nachtbeleuchtung dürfte die Kühe eher stören, da sie rotes Licht – anders als man früher dachte – erkennen können. Es ist besser, wenn der Landwirt bei seinem nächtlichen Kontrollgang die normale, weiße Beleuchtung einschaltet. Von Vorteil ist es, wenn sich das Licht dabei dimmen lässt. Bei einer Dimmung muss man allerdings darauf achten, dass das Licht eine genügend hohe Frequenz aufweist.

Rinder brauchen nur wenig Licht, um sich zu orientieren. Trotzdem sollte in allen Ställen eine künstliche Beleuchtung installiert sein. Denn die Intensität der Beleuchtung, also die Lichtstärke und Dauer der Beleuchtung, sowie das Spektrum des Lichtes, bestimmen die biologische Wirksamkeit, das heißt, sie haben einen großen Einfluss auf die Steuerung der physiologischen Vorgänge, insbesondere auf die Bildung von Melatonin, ein Hormon, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Ist zu wenig biologisch wirksames Licht vorhanden, wird es zu Problemen bei der Fruchtbarkeit und der Milchbildung kommen. Das gesamte Wohlbefinden der Tiere werde sich wahrscheinlich drastisch verschlechtern, warnt Werner.

Das Auge des Rindes benötigt genügend Blauanteile, damit das Licht anregend auf die Körpervorgänge wirkt. Ein Maß für Blauanteile und damit die biologische Wirksamkeit des Lichtes ist die Farbtemperatur. Je höher die Farbtemperatur, desto besser für das Rind. Werner empfiehlt, Leuchten mit einer Farbtemperatur von 4000 – 6500 Kelvin zu verwenden. Es müssten dann nicht mehr die von verschiedenen Anbietern empfohlenen 150 – 200 Lux erbracht werden, sondern es genügten bei laktierenden Kühen 120 – 150 Lux bei 13 bis maximal 16 Stunden Licht. Auf eine genügend lange Dunkelphase ist vor allem dann zu achten, wenn zwei oder sogar drei Mal pro Tag im Melkstand gemolken und die Hellphase verlängert wird. Für trockenstehende Kühe empfiehlt Werner 80 Lux bei 13 bis 16 Stunden Dunkelheit. Die Dauer der Dunkelphase entspricht dann einem künstlichen Winter.