Tierhaltung

Rinder sind Leittiere der Biodiversität

Referent
Susanne Lorenz-Munkler
am Dienstag, 04.02.2020 - 07:20

Ulrick Mück vom Demeterverband sieht die Nutztierhaltung nicht als klimaschädlich.

Haldenwang/Lks.Oberallgäu - „Esst Biorindfleisch aus regionaler Produktion!“ Diesen Slogan würde Ulrich Mück vom Demeter- Erzeugerring Bayern am liebsten überall plakatieren. Denn seine Befürchtung ist: Aufgrund der vielen unbestätigten und irreführenden  Zahlen und Statistiken im Kontext von Nutztierhaltung und Klimawandel, würden auch eingefleischte Biokunden in eine fleischlose Lebensweise abdriften.

Er weiß: Ohne Rinderhaltung gibt es keinen Ökolandbau mit geschlossenen Betriebskreisläufen. Mit seinem Vortrag „Braucht nachhaltiger Ökolandbau Rinder?“ ist er deshalb auf Einladung des Bioring Allgäu und der Ökomodellregion durchs Allgäu gezogen, um diese Tatsache mit zahlreichen Statistiken und Expertisen zu erneut ins Bewusstsein zu rufen.

Mück holte bei seien Betrachtungen weit aus. Über 60 % der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen der Erde sind „Grünland“. Deshalb brauche die Erde Weidetiere. Nachhaltige Landwirtschaft mit geschlossenen Kreisläufen könne nur mit Rindern und anderen Tieren aufrechterhalten werden. Vor allem im Ökolandbau, also im organischen Landbau, gehe es ohne Düngung nicht.

Kuhfladen: Nahrung für Vielfalt

In Deutschland gebe es 4,7 Mio. ha Dauergrünland. Der Grünlandanteil nehme somit 28 Prozent der Fläche ein. „Grünland speichert ungeheure Mengen an CO2. Zwei bis fünf Mal so viel wie Ackerland“, betonte Mück. Grünland habe zudem eine große Bedeutung für die Biodiversität und biete wesentlich mehr Lebensraum für Insekten als etwa Ackerland. Selbst die Fladen der Rinder seien Nahrung für Vielfalt. Ein Kuhfladen biete Lebensraum für rund 300 Insekten, betont der Agraringenieur.

Dennoch würde Dauergrünland nicht geschätzt, sondern zunehmend vernichtet. „Zwischen 1960 und 2016 wurden in Deutschland 2 Mio. ha, das sind 30 % der Grünlandflächen umgebrochen und zu Acker gemacht. Seit 2009 zunehmend auch für Silomais. Die Folgen: Treibhausgas-Emissionen, Nährstoffausträge, Erosion und Verlust an Biodiversität.

Die Energie und Treibhausgasbilanzierung von ökologischen Betriebssystemen spreche eine klare Sprache: 15 % mehr Ertrag in Milchviehbetrieben, 66 % mehr Energiebindung in Milchviehbetrieben und 40 % besseres Output/Input-Verhältnis von Milchviehbetrieben gegenüber viehlosen Betrieben. Diesen Erkenntnissen stünden die Situation der Rinderhalter und Rinder in Deutschland diametral gegenüber. Mück: „Rinder werden abgeschafft und Rinderhalter geben auf. Milchkühe werden weniger. Mit mehr Getreide und weniger Gras und weniger Weide wird die Milchleistung künstlich gesteigert.“

Szenario mit 100 % Ökolandbau

Mück entwirft ein Szenario: Hätten wir 100 % Ökolandbau (im Moment etwa 10 % bundesweit) wäre Europa unabhängig vom Futtermittelimport, es gäbe keine Pestitzide und keinen synthetischen Dünger mehr. Gesunde Ernährungsformen würden sich verbreiten (weniger tierische Nahrungsmittel, mehr Früchte, mehr Gemüse) Grünlandflächen würden ausgedehnt und extensiviert. Ebenso die Weidehaltung. Es gäbe mehr Biodiversitätsflächen. Bei einem Produktionsrückgang um 35 % im Jahr 2050 würden die Treibhausgase aus der Landwirtschaft um 45 % reduziert, mehr Biodiversität erreicht und natürliche Ressourcen geschützt.

Mück: „Bei diesem Szenario hat die Extensivierung und Ausdehnung der Weidehaltung eine Schlüsselrolle. Dies macht die Erhaltung und Neugliederung von Grünland, die Erzeugung von Kleegras und dadurch die Bodenfruchtbarkeit möglich. Sie trägt dazu bei, die Biodiversität zu erhöhen, die Klimaveränderung zu reduzieren und ermöglicht Tierhaltung in hoher Qualität.

Rinder sind für den nachhaltigen Ökolandbau unverzichtbar

Mücks Credo: Rinder sind für den nachhaltigen Ökolandbau unverzichtbar. Sie verwerten Grünland und das für den Ökoackerbau notwenige Kleegras. Sie hinterlassen wertvollen hofeigenen Dünger, sodass kein Düngerzukauf nötig ist. Rinder sind Leittiere der Biodiversität, denn: Grünland hat sehr viel höhere Artenzahlen als Ackerland.

Als Futternutzer extensiver Wiesen ist hohe Artenvielfalt ohne sie großflächig nicht möglich, denn Kuhfladen bieten nicht nur Dung, sondern auch die Nahrungsgrundlage für eine vielfältige Insekten- und Vogelwelt.

Mück zitierte auch aus einer Studie von Dr. Mathias Effenberger. Der Ingenieur vom Institut für Lerntechnik und Tierhaltung am LfL kommt zu dem Schluss, dass bei der Diskussion um Klimaschutz die verschiedenen Treibhausgase aufgrund ihrer Wirkungsdauer und Intensität nicht über einen Kamm geschoren werden dürfen. Um den maximalen Temperaturanstieg zu begrenzen, gebe es keine Alternative zur Begrenzung der fossilen CO2-Emissionen. Es bleibe zu klären, wie weit die Emissionen an Lachgas und Methan aus der Landwirtschaft dauerhaft gesenkt werden können. Klimaschutz sei nicht das vordringliche Problem der Landwirtschaft, aber eine das Klima belastende Produktion immer weniger akzeptabel.