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Ökomodellregion

In Richtung Zweinutzungstyp denken

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Externer Autor
am Dienstag, 07.04.2020 - 10:17

Nachgefragt bei Beate Reisacher von der Öko-Modellregion Oberallgäu Kempten.

Unser Allgäu: Es gibt zahlreiche Landwirte im Allgäu, die seit Jahren mutter- und ammengebundene Kälberaufzucht praktizieren. Manche haben sich bei der Vermarktung ihrer Produkte den Heumilchbauern Süd in Baden-Württemberg angeschlossen. Andere verkaufen ihre wertvollen Produkte weit unter Preis. Warum gibt es keine Vermarktungsschiene im bayerischen Allgäu?
Reisacher: Wiederentdeckt wurde das Thema schlicht durch einzelne Bauern, die ihre Milchviehhaltung hinterfragt haben und einfach damit experimentiert haben. Ein Teil dieser Bauern vermarktet seine Produkte direkt an Endkunden und kann dadurch die Form der Aufzucht auf diesem Weg gut kommunizieren. Eine richtig breite Bewegung gab es eigentlich erst durch die Demeter Heumilchbauern Süd w.V. im letzten Jahr. Das ist deutschlandweit die erste Gruppe, die sich getraut hat diese Form der Kälberaufzucht für 35 Betriebe geschlossen umzusetzen. Ansonsten gibt es meines Wissens nach noch einige, wenige heimische Molkereien die sich an dem Thema versuchen. Aber die kuhgebundene Kälberaufzucht in einer größeren Gruppe umzusetzen und dadurch die Milch u.U. getrennt von der anderen Bio-Milch zu erfassen und zu vermarkten, ist nicht ganz so einfach. Kuhgebundene Kälberaufzucht ist schlicht ein komplexes Thema, das sich z.B. auch nur dann auf den Betrieben umsetzen lässt, wenn alle auf dem Betrieb dahinter stehen und bereit sind mit ihren Tieren zu lernen. Die Vermarktung von Milch aus kuhgebundener Kälberaufzucht bedeutet also auf der gesamten Wertschöpfungskette eine Herausforderung.
Wichtig sind letzten Endes Handel und Verbraucher. Nehmen sie die Milch und auch das Fleisch an, kann sich dieses tier- und menschenfreundliche System etablieren.
Unser Allgäu: Wie fördert die Ökomodellregion den Aufbau solcher Vermarktungsschienen ?
Reisacher: Wir haben seit 2016 das Thema „Verbleib der männlichen Biokälber aus dem Allgäu“ bei uns auf der Agenda. Im Rahmen dieses Projektes haben wir bereits 2017 Exkursionen zu mutter- und ammengebundenen Aufzuchtbetrieben und Fachveranstaltungen, z.B. mit Dr. Lukas Kiefer von der Uni Hohenheim, organisiert. Neben den Fragen des Tierwohls ist eine ammengebundene Aufzucht eine gute Möglichkeit die männlichen Bio-Kälber regional aufzuziehen und zu mästen. Bei der Bio-Mastkälber-Aufzucht ist ja immer die 3-monatige Milchphase die Herausforderung. Durch Ammenaufzucht ist es möglich, dass Mäster die Kälber früher von den Milchviehbetrieben abnehmen und mehrere Kälber wirtschaftlich attraktiver an einer Kuh aufziehen können.
Um Vermarktungspartner für die männlichen Kälber zu finden, haben wir Gespräche mit bestehenden Biofleisch-Abnehmern geführt und neue Handelspartner angesprochen. Wichtig war es zunächst auch die einzelnen Betriebe in der Region zu vernetzen, die bereits eine kuhgebundene Aufzucht praktizieren oder damit experimentieren, um Erfahrungen auszutauschen und die Aktivitäten zu bündeln.
Des Weiteren sind wir nächstes Jahr, wenn alles gut läuft, Projektpartner unter anderem mit der Schweissfurth-Stiftung und der LfL. Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf hat eine Projektskizze zum Thema Kälber der ökologischen Milchviehhaltung in Bayern eingereicht. Das Forschungs- und Entwicklungsvorhaben beinhaltet u. a. eine Status-Quo-Analyse sowie Marktpotenziale der kuhgebundenen Kälberaufzucht. Der Kurztitel lautet: mehrWERT Öko-Milch+Fleisch. Wirtschaftlichkeitsberechnungen und die Erarbeitung eines Leitfaden spielen dabei eine große Rolle.
Unser Allgäu: Die Verbraucher wehren sich zunehmend gegen die Kälbertransporte in EU-Länder, die oft bis zu 20 Stunden dauern. Das ist nicht tierwohlgerecht. Und schadet dem Ruf des Ökolandbaus. Warum gibt es im Allgäu immer noch keine Kälbermastbetriebe?
Reisacher: Ich sehe es nicht als reines Verbraucherthema. Viele Bauern und vor allem Bäuerinnen leiden ja ebenfalls unter dieser Realität. Wir brauchen Änderungen im „System Bio-Milch und Bio-Fleischerzeugung“ und ein Umdenken z.B. in der Milchvieh-Hochleistungszucht. Dazu braucht es mutige Vordenker bei den Bauern, im Handel und vor allem Kunden, die bereit sind, den Weg mit uns zu gehen.
Es stimmt so nicht, dass es keine Kälberaufzuchtbetriebe im Allgäu gibt. Das Bewusstsein in der Region für überzähligen Kälber hat nicht zuletzt durch unser Projekt zugenommen. Es finden sich heute immer wieder Betriebe die abgesetzte Bio-Fresser aus der Milchviehhaltung abnehmen, selbst alle Tiere aufziehen und mästen oder generell Interesse daran haben in solch ein System einzusteigen.
Das Problem dabei ist einfach der hohe Preis unserer Absetzer. Den bekommt ein Mäster, wie z. B. der ehemalige Landtagsabgeordnete Uli Leiner, nur dann wieder raus, wenn er das Fleisch der Tiere Direktvermarktet oder einen höheren Schlachtpreis z. B. durch den „Allgäuer Hornochsen“ generieren kann.
Viele Jahre wurden Betriebe die mit der Milchwirtschaft aufhören wollten, generell dazu beraten auf Mutterkuhhaltung umzustellen. Das ist an und für sich ja eine feine Sache. Allerdings wird so Bio-Rindfleisch zusätzlich von Tieren erzeugt, die es sonst nicht geben würde und unsere Bio-Milchviehkälber müssen in die konventionelle Intensivmast verkauft werden. Da braucht es seitens der Beratung ein Umdenken. Weg von der Mutterkuhhaltung, hin zur Aufzucht von den Geschwistertieren.
Ein weiteres Problem ist natürlich auch, dass auch im Bio-Bereich die Kühe immer leistungsbetonter gezüchtet werden und die Kälber nicht mehr mastfähig sind. Hier sollten die Bauern unbedingt wieder in Richtung Zweinutzungstypen denken und züchten, wenn sie ihre Kälber in der Region lassen wollen.
Unser Allgäu: Was hat das Projekt Allgäuer Hornochse damit zu tun und wie kommt es voran?
Reisacher: Das Projekt wurde ins Leben gerufen damit wir uns der Thematik männliche Bio-Milchviehkälber annehmen. Das allergrößte Hindernis in diesem Projekt ist wirklich der hohe Preis unserer Kälber mit drei Monaten. Durch den guten Bio-Milchpreis sind unsere Kälber und dadurch unsere Ochsen und Färsen in der klassischen Bio-Rindfleischschiene aktuell nicht konkurrenzfähig. Das muss man ganz klar so sagen. Genau aus diesem Grund haben wir ja die Marke „Allgäuer Hornochse“ entwickelt um unsere Tiere und die Geschichte dahinter für den Verbraucher begreifbar zu machen.
Das Projekt und auch die Produkte finden einen wahnsinnig guten Anklang bei Verbrauchern. Wir haben mittlerweile nicht nur Rindfleisch im Angebot sondern auch reine Bio-Rinderwurst-Produkte entwickelt. Unter anderem wurde unser „Allgäuer Ur´Gselchtes“ mit der Silbermedaille bei Bayerns besten Bioprodukte 2020 ausgezeichnet. Auch der Handel zeigt inzwischen großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns. Durch die Corona-Krise sind jedoch aktuell leider ziemlich viele Aktivitäten auf Eis gelegt und wir müssen uns etwas in Geduld üben. Interview: Susanne Lorenz-Munkler