Erntegespräch

Regenreicher Sommer lässt Landwirte bangen

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Michael Ammich
am Donnerstag, 22.07.2021 - 06:01

Die Verbindung von Ökologie und Ökonomie ist eine Herausforderung für die bäuerlichen Familien. Das wurde beim Erntegespräch des BBV Neu-Ulm deutlich.

Neu-Ulm Manfred Prestele ist ein experimentierfreudiger Landwirt, aber heuer hatte er einfach nur Pech: das Knoblauchfeld zu vier Fünfteln hinüber und die Kirchererbsen Anfang Juli noch nicht einmal in der Blüte. Beim Erntegespräch des AELF Krumbach seinem Betrieb in Vöhringen-Thal zeigte sich, dass das trockene und sehr kalte Frühjahr und der regenreiche Sommer für die Landwirte Monate des Bangens waren und noch sind.

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„Jahrhunderte lang war die Landwirtschaft vor allem für die Ernährung der Bevölkerung zuständig, dann kamen Aufgaben in der Energieproduktion und im Umweltschutz dazu“, stellte Dr. Reinhard Bader eingangs fest. „Aber immer noch gilt, dass die bäuerliche Arbeit effizient sein muss“, so der Bereichsleiter Landwirtschaft am AELF Krumbach-Mindelheim. Nachhaltig zu wirtschaften bedeute in erster Linie so viel zu verdienen, dass Betrieb und Familie davon leben können. „Wenn die Gesellschaft und der Markt Biobetriebe einfordert, dann wird es künftig auch nur Biobetriebe geben.“ Allerdings bewege sich der Anteil der konsumierten Biowaren derzeit erst bei rund zehn Prozent.

Bader zufolge ist die Verbindung von Ökologie und Ökonomie eine große Herausforderung für die bäuerlichen Familien und die Gesellschaft. Dabei dürfe allerdings ein Problem nicht übersehen werden: „Wir ökologisieren die landwirtschaftlichen Nutzflächen, kaufen dann aber die Lebensmittel preisgünstig im Ausland ein, wo weit weniger ökologisch gewirtschaftet wird.“ Stattdessen komme es darauf an, den Kreislauf zu schließen und Nahrungsmittel dort zu produzieren, wo sie konsumiert werden.

Heimisches Eiweiß

Ein Weg zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft sei, so Bader, beispielsweise der vermehrte Anbau von heimischem Eiweißpflanzen, wie ihn der Betrieb Prestele praktiziert. Von seinen 68 ha Nutzfläche entfallen 26 ha auf Grünland – darunter eine 2,5 ha große Streuobstwiese – und 42 ha Ackerland. Im Laufstall stehen 35 Milchkühe, nebenher wird eine kleine Bullenmast betrieben. „Bei mir kommt kein Kalb weg“, betont Prestele.

Auf seinem Ackerland stehen 10,5 ha Silomais, 9,5 ha Weizen, 8,4 ha Wintergerste, 7,6 ha Raps, 2,7 ha Kleegras, 1,2 ha Luzerne, 1 ha Kichererbsen, 0,5 ha Knoblauch, sowie jeweils 0,1 ha Kartoffeln und Ackergras. Mit seiner fünfgliedrigen Fruchtfolge, dem Leguminosenanbau und den Zwischenfrüchten hält Mandfred Prestele einen hohen Standard im konventionellen Ackerbau.

Von zwei Früchten hat sich der Landwirt jedoch wieder verabschiedet: Seine Ackerbohnen, die er gern in das Kraftfutter für die Rinder gemischt hätte, waren in den vergangenen Jahren regelmäßig teilweise oder sogar komplett vertrocknet und für seine Sojabohnen fand er in der Region erst nach langer Suche ein Unternehmen, das sie für ihn getoastet hat. Eine Wegstrecke von 90 km zur nächsten größeren Trocknungsanlage für Sojabohnen im Kreis Aichach-Friedberg ist Prestele zu weit. „Für den Anbau von Sojabohnen fehlt bei uns einfach die Infrastruktur.“ Die Landwirt bräuchten aber auch mehr Bildung, Forschung und Beratung, um den Anbau von speziellen Kulturen voranzubringen, stellt Prestele fest.
Als Alternative zur Acker- und Sojabohne baut er eiweißreiche Luzerne an, um möglichst nachhaltig wirtschaften zu können.
Für den menschlichen Verzehr bestimmt sind die Kichererbsen und der Knoblauch, die Prestele heuer erstmals kultiviert. Er hat schon von jeher Gemüse im kleineren Maßstab angebaut. Dass der Knoblauch im Juni-Starkregen massiv ab- und zugeschwemmt wurde, stimmt den Landwirt schon ein wenig traurig. Schließlich hat er allein für das Pflanzgut viel Geld ausgegeben. Neben dem heftigen Regen haben dem Knoblauch das trockene Frühjahr und die späten Fröste zugesetzt. Lediglich ein Fünftel des angepflanzten Knoblauchs war bis Anfang Juli noch erntefähig. „Aber so schnell gebe ich nicht auf“, macht sich Prestele Mut. Schließlich gebe es eine starke Nachfrage nach heimischem Knoblauch. Neben der Gartenbauzentrale in Gundelfingen hat er auch Supermärkte in der Region als Abnehmer gewinnen können.

Als einziger Kichererbsen

Besser sieht es auf dem Kirchererbsenfeld aus. Auch hier war das Saatgut recht teuer, aber die Pflanzen haben sich immerhin entwickelt. Die Kichererbse liebt Wärme, verträgt also keinen Frost. Deshalb hat sie Prestele erst im Mai ausgesät,. Die Kultur benötigt weder Pflanzenschutz noch Dünger, gedroschen wird im August. Derzeit ist Prestele der einzige Landwirt in den Kreisen Günzburg und Neu-Ulm, der Kichererbsen anbaut. Geht es nach ihm, wird aus den eiweißreichen Samen in einer Molkerei im Allgäu, in der sein Sohn als Käsermeister, arbeitet, Hummus produziert. In Nordafrika und im Nahen Osten gilt Hummus – pürierte Kichererbsen – als eine Art Nationalspeise.
Ursprünglich wollte Presteles Sohn auf dem elterlichen Milchviehbetrieb in Thal eine Hofkäserei einrichten und Frischkäse herstellen – eine wertschöpfende Alternative zur Abgabe der Milch von den 35 Kühen an eine Molkerei. Doch die Familie Prestele kann ihren Betrieb aufgrund seiner dörflichen Lage weder erweitern noch auf den ökologischen Landbau umstellen. „Unter diesen Bedingungen kamen wir zum Schluss, dass eine Hofkäserei nicht wirtschaftlich zu betreiben ist.“
Auf Nachhaltigkeit ist auch der Neu-Ulmer Kreisobmann Andreas Wöhrle bedacht. Er würde gern seinen Pflanzenschutz noch weiter reduzieren, „aber ich muss ja auch den Ertrag im Blick haben.“ Werden die Anforderungen an die Landwirtschaft im Umwelt-, Klima-, Natur- und Tierschutz immer weiter hochgeschraubt, hätten die deutschen Bauern kaum mehr eine Chance, sich im globalen Wettbewerb zu behaupten. „Dann kommen die Lebensmittel billig aus dem Ausland und machen die heimische Landwirtschaft und ihre Vilefalt kaputt.“ Höhere Anforderungen bedingten deshalb stets einen besseren Außenschutz, gibt Wöhrle zu bedenken.
Klartext redet der Kreisobmann, wenn es um dem wachsenden Druck aus Richtung Lebensmitteleinzelhandel geht. „Hier müssen die großen Strukturen zerschlagen werden. Sie sind nicht nur für die Bauern ein Nachteil, sondern für die gesamte Bevölkerung.“ Der Druck auf die Landwirte führe zu immer größeren Produktionseinheiten und genau diese lehne die Gesellschaft ja bekanntermaßen ab.