Land schafft Verbindung

Die Protestwelle rollt – aber wohin?

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Toni Ledermann
am Montag, 30.03.2020 - 11:44

Sebastian Dickow von Land schafft Verbindung steht den Landwirten Rede und Antwort.

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Sulzberg/Lks. Oberallgäu Fast die gesamte Palette der aktuellen Probleme die die Bauern im Allgäu bewegt, standen im Gasthof zum Hirsch (Sulzberg) zur Diskussion. Treffend dazu das Motto „Die Protestwelle rollt – wohin? Unter der Moderation des Wildsteiger Bürgermeisters und Landwirts Josef Taffertshofer, erläuterten Sebastian Dickow von Land schafft Verbindung (LsV)Bayern und Manfred Gilch, Landesvorsitzender des BDM Bayern die Situation und mögliche Lösungen.
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Unschwer war an den vielen Fragen an Dickow festzustellen, dass die Bauern vor allem an seiner Meinung interessiert sind. Dies ist auch nicht verwunderlich, da die LsV es in kürzester Zeit schaffte, sich aus dem Nichts zu einem wichtigen Ansprechpartner der Bauern und der Politik hochzuarbeiten – und dies organisatorisch fast ausschließlich mit Hilfe der sozialen Medien, um die vielbeachteten Traktor-Demonstrationen auf die Beine zu stellen. Darauf ging auch Dickow in seinem Eröffnungsstatement ein: „Ich finde es gut, wenn Bauern auf ihre Situation aufmerksam machen. So ist die Gülleverordnung der Grund für viel Ärger und meiner Meinung nach ist sie nicht zu Ende gedacht – oder ist dies mangelnde Wertschätzung der Gesellschaft gegenüber der Bauern?“

Steigende Auflagen, sinkende Preise

Auch ärgerte sich der Landesvorsitzende, dass die Bauern sich in dem aktuellen Dilemma mit steigenden Auflagen befinden – aber immer günstiger produzieren sollen. Der Strukturwandel zeige das gesamte Dilemma auf. „Können wir es uns leisten alle Auflagen abzulehnen, wir können das, aber es geht nicht zum Nulltarif.“ Auch warf Dickow die Frage auf, ob der Einzelhandel schuld an der schlechten Situation der Agrarier ist, oder er geschickt die derzeitige Situation ausnützt? Er warf auch die Frage auf: „Handeln wir Bauern beim Einkauf unserer Betriebsmittel nicht anders als die Discounter, in dem wir hart verhandeln?“ Ernst warf der bayerische LsV-Vorsitzende die Frage auf, welche Verantwortung die Bauern an der aktuellen Situation haben, um selbst darauf zu antworten: Haben wir zulange mitgemacht oder andere machen lassen ohne zu hinterfragen?“ Die Situation sei ein Zusammenspiel vieler Vorkommnisse. Deshalb muss analysiert und Lösungen gesucht werden, um voran zu kommen.

Der erste Vorstand des BDM Oberallgäu Markus Böckler warf ein, dass der BDM die Arbeit der Organisation „Land schafft Verbindung“ unterstützt, da der BDM im Lauf der Jahre viele Erfahrungen sammeln konnten, von denen die Neuen nun profitieren können. „Reden wir miteinander statt übereinander, denn gemeinsam sind wir stark, so sein Credo.“

Zu Beginn erläuterten mehrere junge Allgäuer Landwirte und eine Landwirtin welche Sorgen die Bauern umtreiben: Einer monierte, dass es nicht sinnvoll ist, 300 Kilogramm Stickstoff abzufahren – aber im Gegenzug nur 170 g an organischem Stickstoff düngen zu dürfen und die restliche Menge zukaufen zu müssen. Weiter wurde die Abstandsregelung zu Gewässer thematisiert und auch zu viele Impfungen würden die Tiere enorm belasten.

Fehlende Planungssicherheit bei Bauvorhaben

Ein Jungwirt sorgte sich um fehlende Planungssicherheit durch Bauvorschriften, gerade beim kostenintensiven Viehbetrieb. Auch ist derzeit nicht bekannt, wie lange die Anbindehaltung genutzt werden darf. Ein weiterer Bursche ärgert der „nicht zufriedenstellende Bio-Milchpreis, so dass unter Wert vermarktet werden muss. Dem stehen höhere Produktionskosten und Auflagen dagegen.“ Weiter ein dicker Dorn im Auge eines Jungbauern sind die „selbsternannten Kontrolleure“, die sogar in Ställe einbrechen. „So kann nicht mit uns umgegangen werden, folgerte er.“

Taffertshofer beschäftigt sehr, dass es immer weniger Bauern gibt, „da sie eine wichtige Säule in unseren Dörfern sind und sich auch im Ehrenamt bewähren. Sie sind da, wenn sie gebraucht werden. Nicht zuletzt profitieren viele von der Arbeit der Landwirtschaft.“ Sorgen bereiten dem Lokalpolitiker auch der zunehmende Leerstand in den Dörfern, der sie ausbluten lässt. Teilweise sei es auch schwierig diese Hofstellen aufzukaufen, um sie neu zu nutzen, da nicht an die Eigentümer heranzukommen ist. Aktuell würden Betriebe mit Anbindehaltung und die Auflagen zur bodennahen Ausbringung im Grünland viele Höfe das Genick brechen.
Dickow betreibt Bullenmast, Ferkelaufzucht und ist an vier Biogasanlagen beteiligt. Er erläuterte die schwierige Situation der Landwirtschaft von denen jede Landwirtschaftsform betroffen ist. Die neue Form der Schlepperdemos sei Grundlage gewesen, auf der man nun aufbauen kann. Die Solidarität die sich darauf hin gebildet habe, sei vorher nicht abzuschätzen gewesen.
Er sprach auch an, dass viele Fragen auf die Landwirtschaft einprasseln, auf die vernüftige Antworten gefunden werden müssen. Dies sei aber schwer, da von der Politik fast nie Antworten kommen, zumal die Landwirtschaft facettenreich und auch kompliziert ist. Viele Auflagen würden die Kleinbauern mutwillig kaputt machen. „Deshalb ist jeder Landwirt wichtig, der Aktionen fährt und wichtig für LsV, da dadurch die Schlagkraft erhöht wird.“ Der bayerische LsV-Vorsitzender erläuterte auch die jüngste ALDI-Protestaktion. „Dies ist wichtig gewesen, da er oft derjenige ist, der uns in die Misere reinreitet. Wichtig ist, die Landwirtschaft muss geschlossen auftreten und mit einer Stimme sprechen. Schlecht ist auch, wenn der Ball zwischen der EU und dem Bund hin und her geschoben wird, zu Ungunsten der Bauernschaft,“ rief Dickow aus.
Der BDM-Landesvorsitzender Manfred Gilch freute sich über die Vielzahl der Themen die angesprochen werden. Er zollte dem LsV Respekt für die durchgeführten Demos, die die Politik aber auch die Bauern „wachgerüttelt“ habe und dadurch Landwirtschaft zur Chefsache geworden ist, da so viele Bauern sich daran beteiligt haben. Generell sei wichtig bei allen politischen Gespräche die bäuerlichen Forderungen voranzubringen.

Wie geht es nach dem Brexit weiter?

Taffertshofer warf die Frage auf, wie es nach dem Brexit weitergeht, da ja ein wichtiger Beitragszahler wegfällt und wie dessen Gelder wohl ausgeglichen werden können? Dickow sagte dazu, dass sich viele EU-Länder gegen einen Etat-Aufstockung wehren, um das Defizit ausgleichen zu können. Er hege deshalb großes Zweifel ob die EU einen vernünftigen Ausgleich erhalten wird? Er sieht die ganz große Gefahr bei den Herausforderungen und Belastungen die die Landwirtschaft jetzt schon habe, ob ein politisches System gefunden wird, das für alle tragfähig ist?

Taffertshofen wies darauf hin, dass GAP oft unterschätzt wird. Das Wichtigste an diesem System ist die Zielsetzung, dass man die Milchbauern fit machen will, dass sie am Weltmarkt agieren können. Danach kämen Freihandelsverträge, die Handel ohne Beschränkungen zulassen. Dies sei zu hinterfragen und notwendig sei eine Richtungsänderung. Andererseits muss die Marktordnung der EU genutzt werden, da sie ein extrem starkes Gewicht habe. Zumal die EU den Weltmarktpreis dominiert und deshalb große Verantwortung habe.
Gilch griff den Komplex auf und äußerte sich kritisch zu der Aussage, die Milchbauern für den Weltmarkt fit zu machen. „Gerade in Zeiten von Corona benötige der vom BDM schon lange geforderte, freiwilligen Milchlieferverzicht, da Angebot und Nachfrage den Preis beeinflussen.“

Vollkostendeckende Preise wichtig

Dazu wandte Dickow ein, dass bei solch einer Aktion wohl nicht alle Milchbauern Flagge zeigen würden. Notwendig wären am Markt vollkostendeckende Preise zu erzielen, um die Stellung der Bauern zu verbessern, die gelte es zu erwirtschaften. Klar sprach er sich gegen den Verkauf unter Einstandspreise aus. „Wenn man die Anzeigen und Flyer der Lebensmittelhändler anschaut, dann ist klar, wir müssen eine Richtung finden, dass Landwirte zu einer Art „Agentur im Einzelhandel“ werden.

Gilch machte darauf aufmerksam: „Die Verbraucher kaufen teure Milch und glauben viel kommt bei den Bauern an, aber den Mehrwert schieben Molkereien in ihre Taschen!“
Er erinnerte auch daran, dass das Kartellamt (Berlin) klar festgestellt habe, dass es ein „massives Marktmachtgefälle zuungunsten der Milch produzierenden Bauern im Rohmilchmarkt besteht.“ Dies sei ein Handlungsauftrag an die, die die Spielregeln setzen, an die Politik, etwas zu tun, da zu viel Macht bei den Handelsketten liegt, die bei übersättigenden Märkten eine gute Postion haben, zumal es bei den Discountern um „knallharte Kaufleute“ handelt, die nach den Spielregeln der Politik arbeiten. „Wichtig ist ein Kriseninstrument zu haben, um die Milch entschädigungslos um zwei bis drei Prozent zurückzufahren. Wir unterstützen dies, um kurzfristig auf die Mengenbremse steigen zu können.“

In der Diskussionsrunde wurden die vorgetragenen Themen diskutiert und neue Fragen aufgeworfen, meist an Sebastian Dickow. So wurden die schlechten Preise, wie vor 30 Jahren, verurteilt, was vor allem die kleinen Betriebe besonders schädigt. Der Landwirt plädierte ebenfalls dafür die Mengen in den Griff zu bekommen. Dickow bestätigte, dass es gut wäre, wenn Verträge über Mengen festgelegt wären – doch wer bestimme dann, wer wie viel liefern kann? Auch gab er zu bedenken, dass Bauern Unternehmer sind: „Wenn viel über Verträge geregelt wird, dann sind wir nur noch Angestellte!“

Er bestätigte, dass die niedrigen Preise viel zu wenig seien. Dies müsse so gestaltet werden, dass mehr an uns Bauern durchgereicht wird. „Doch wir können den Landwirten die Mengen nicht vorschreiben, jeder soll selber entscheiden, was er machen will.“

Genossenschaften sind gefordert

Dazu erläuterte Dickow weiter: „Jeder ist selbst gefragt und kann zu seiner Molkerei oder Genossenschaft gehen. Ich versteh nicht, dass die Genossenschaften nicht mehr eingreifen, egal was bei uns passiert.“ Auch er forderte dass das Bundeskartellamt einschreitet, zumal das Vorgehen der Discounter „nach Absprachen schreit.“ Die Bauern sollen sich nicht alles gefallen lassen. Ein weiterer Bauer warf Aldi und Co. vor, „die verkaufen uns nach Strich und Faden.“ Dickow sagte dazu: Was ist die Alternative zu vernünftigen Gesprächen? Der Bauer ergänzte, dass die Düngeverordnung dazu beiträgt, „dass wir baden gehen!“ Auch wies er darauf hin, dass das einzige gute an Corona ist, dass alle merken wie gut und sicher Regionales ist!

Ein weiterer Landwirt sprach die Unsinnigkeit der festgelegten Düngezeit an. Dies bestätigte Dickow und sprach sich für eine bedarfsgerechte Ausbringung aus, zumal jeder Landwirt großes Interesse hat, seinen Dünger auszubringen, wenn es ihm was nutzt.

Verbraucher mit ins Boot holen

Viele weitere Themen wurden an diesem Abend angesprochen. So sprach sich Dickow für eine verstärkte Verbraucheraufklärung aus. Dies will seine Organisation auch voranbringen. „Die Verbraucher müssen Landwirte statt Veganer als Ansprechpartner haben. Da müssen wir hin, dann sind wir auf einem guten Weg unsere Forderungen durchzubringen. Das geht am besten durch persönliche Kontakte.“

Markus Böckler zitierte Albert Einstein von dem überliefert ist: „Das Wichtigste ist, dass man nie aufhört zu fragen“ - und dem kamen die Bauern an diesem Abend intensiv nach, so dass der große Denker mit dieser BDM/LsV-Veranstaltung sicher zufrieden gewesen wäre!