Ernte 2020

Pflanzen ins Maul geregnet

Michael Ammich
am Donnerstag, 02.07.2020 - 10:15

Im Kreis Dillingen erwarten die Landwirte eine gute Ernte von ihren Feldern

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Regen gut, alles gut. Sah es im April noch so aus, als müssten die Bauern aufgrund der extremen Frühjahrstrockenheit mit starken Ertragsverlusten rechnen, so hat sich das Blatt spätestens im Juni gewendet. „Den durstigen Pflanzen hat es ins Maul geregnet“, stellte Kreisobmann Klaus Beyrer beim Erntepressegespräch des Dillinger Bauernverbands auf dem Betrieb der Familie Dirr in Hettlingen fest. Der viele Regen sorgte dafür, dass die Landwirte in der Region auf eine gute Ernte hoffen dürfen.

Das bestätigte auch Martin Wimmer, Pflanzenbauexperte am AELF Wertingen. Zwar habe das trockene Frühjahr das Wachstum der Ackerpflanzen nach ihrem guten Auflaufen deutlich gebremst, doch die Juni-Niederschläge hätten ihnen einen erneuten Wachstumsschub beschert. Die Wasservorräte in den Böden wurden aufgefüllt und abgesehen von der Wintergerste, für die der Regen zu spät kam, stehen jetzt alle Kulturen recht ansehnlich da. Sowohl bei Weizen, Dinkel und Mais als auch Kartoffeln und Zuckerrüben seien mindestens zufriedenstellende Erträge zu erwarten. Zudem sei es im Landkreis Dllingen heuer kaum zu Frostschäden gekommen.

Gute Ertragsaussichten

So kann auch Anton Dirr nicht über die Ertragsaussichten klagen. Gemeinsam mit seiner Frau Marie-Christine bewirtschaftet der Ortsobmann in Hettlingen einen Ackerbaubetrieb mit Hähnchenmast. Im Stall sind derzeit rund 56 000 Mastplätze belegt. Die Familie Dirr treibt 85 ha Acker- und Grünland um: 21 ha Mais, 35 ha Winterweizen, 8 ha Dinkel, 7 ha Raps und 4 ha Zuckerrüben. Außerdem gehören zum Betrieb 18 ha Wald. „Bei der Arbeit im Forst ist mir allerdings jede Freude vergangenen“, sagte Anton Dirr mit Blick auf die massiv gefallenen Holzpreise.

„Nordschwaben, und damit auch der Landkreis Dillingen, ist eine echte Gunstlage“, bezog sich Kreisobmann Klaus Beyrer auf die guten Ertragsaussichten. In anderen Teilen Deutschlands, besonders im Norden und Osten, habe es deutlich weniger geregnet, so dass die dortigen Bauern mit erheblichen Ernteverlusten rechnen. „Im Kreis Dillingen ist die Versorgung mit qualitativ hochwertigen Agrarprodukten jedenfalls gesichert.“
Beyrer verwies überdies auf die hohe Biodiversität in der nordschwäbischen Kulturlandschaft. „Bei uns gibt es keine Monokulturen, sondern eine Vielfalt an Kulturen.“ Für den Kreisobmann ist es selbstverständlich, dass sich die Landwirtschaft an die gesellschaftlichen und umweltpolitischen Rahmenbedingungen anpasst.

Bauern machen einen guten Job

Freilich müssten die entsprechenden Entwicklungen auch wissenschaftlich unterfüttert sein. Da bringe es nur wenig, wenn sich ein großer Teil der Bevölkerung als Agrarexperten versteht, obwohl er wenig bis keine Ahnung von der Landwirtschaft hat. So gebe es Flächen, die sich für eine extensive Bewirtschaftung eignen, ebenso aber auch Flächen mit hervorragenden Böden, auf die sich die Produktion konzentrieren müsse. Und dies funktioniere nun einmal nicht ohne chemischen Pflanzenschutz und Düngung. „Erst die intensive Landwirtschaft hat den Hunger aus Europa vertrieben“, betonte Beyrer. „Unsere Bauern machen einen guten Job.“

Der Bauernverband verschließe sich nicht den Forderungen nach einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, so der Kreisobmann. Deshalb habe der Verband eine eigene Ackerbau- und Klimastrategie entwickelt, die ökologische Forderungen in einem hohen Maß berücksichtigt. Dabei gelte es immer auch den ökonomischen Aspekt mitzubedenken. Was jedoch das Bundesumweltministerium fordere, sei „nichts Anderes als die sozialverträgliche Abwicklung der Landwirtschaft“.
Beyrer erinnerte an den Raps als „herausragende Kultur für den Boden und die Bienen“. Die Trockenheit im Frühjahr habe dem Raps zwar Probleme bereitet, nach den Regenfällen im Juni entwickle er sich aber jetzt recht gut, so dass mit einer durchschnittlichen Ernte zu rechnen sei. Allerdings gehe der Rapsanbau in Deutschland seit Jahren kontinuierlich zurück, ohne dass zugleich der Erzeugerpreis gestiegen wäre. Diese Entwicklung führte der Kreisobmann zum einen auf die starke Konkurrenz durch importiertes Palmöl und zum anderen auf den Mangel an zugelassenen Pflanzenschutzwirkstoffen zurück.

Landwirtschaft ist systemrelevant

Der drei Monate währende Lockdown in der Coronakrise habe der Bevölkerung gezeigt, dass die Landwirtschaft durchaus systemrelevant ist, stellte BBV-Kreisgeschäftsführer Eugen Bayer fest. Die Landwirtschaft habe bewiesen, dass sie auch in einer solchen Situation die Versorgung mit Lebensmitteln gewährleisten kann. Nach und nach scheine diese Erkenntnis jedoch wieder in Vergessenheit zu geraten, bedauerte Bayer. Politik und Verbraucher lebten weiterhin ihre Doppelmoral: Öko fordern, dann aber an der Ladentheke preisgünstige, aus Ländern mit geringen Standards importierte Produkte kaufen.

Auf der Welt gibt es laut Bayer 13 Mrd. ha Land, das sich landwirtschaftlich nutzen lässt, davon jedoch nur 1,5 Mrd. ha als Ackerland. Dieses müsse intensiv bewirtschaftet werden, um die stetig wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können.
Wie Magnus Mayer, der Leiter des AELF Wertingen, erklärte, beläuft sich die landwirtschaftliche Nutzfläche im Kreis Dillingen auf 45 000 ha. Mehr als vier Fünftel davon sind Ackerland. 20 % der Nutzfläche dienten der Erzeugung von Energiepflanzen, weitere 30% der Futterproduktion. Die Viehdíchte bewege sich landkreisweit bei durchschnittlich einer Großvieheinheit pro Hektar.

Wachsen oder Weichen - die Diskussion treibt die Bauern um

„Die Diskussion um Wachsen oder Weichen treibt die bäuerlichen Familien um“, sagte Kreisbäuerin Annett Jung. In Bayern seien die Betriebsstrukturen immer noch kleiner als in anderen deutschen Regionen. Der BBV habe sich von jeher dagegen gewandt, nur noch großen und schlagkräftigen Betrieben eine Zukunft zu geben. Stattdessen setze die bayerische Landwirtschaft stark auf Zusammenarbeit, beispielsweise über die Maschinenringe oder in Maschinengemeinschaften. „Auf diesem Weg haben wir es geschafft, dass es in Bayern auch heute noch viele Familienbetriebe gibt.“ Überschaubare Betriebsgrößen hätten den Vorteil kleinerer Viehbestände und des geringeren Bedarfs an Fremdarbeitskräften. Dennoch ernähre heute auch ein bayerischer Bauer rund 150 Menschen.

Mit Stefan Ortner, dem Verwaltungschef des Bezirkslagerhauses Wertingen, begannen die Statements des Landhandels. In Wertingen sei man gut vorbereitet in die Coronakrise gegangen, betonte Ortner. „Unsere Lager waren voll.“ Zusätzlich gestärkt werde das Bezirkslagerhaus durch die Fusion mit der Raiffeisenbank Aschberg, die ihrerseits drei Lagerhäuser betreibt. Wie Markus Schubert, Produktmanager Getreide bei der BayWa in Rain, bestätigte, ist heuer fast durchweg mit einer guten Ernte zu rechnen, weltweit sogar mit einer „Mega-Ernte“ im Getreidebereich. „Es ist also genug Ware da.“
Landhändler Georg Tausend aus Lauingen mochte sich auf eine Preisprognose gar nicht erst einlassen. „Die Preise, die ich heute nenne, können in vierzehn Tagen schon wieder Makulatur sein.“ Nach der Frühjahrstrockenheit mögen zwar die Erträge in Europa geringer sein, doch die Weltgetreideernte dürfte sehr gut ausfallen. „Und diese Ware drückt auf den europäischen Markt.“ Lediglich bei der Wintergerste rechnet Tausend in der Region mit einem Ertragsrückgang um 10 bis 15 %. Für Dinkel gebe es nach wie vor eine starke Nachfrage.

Frostschäden bei Zuckerrüben

Ein wenig Verluste gab es im Keis Dillingen dann aber doch. So hat der Wittislinger Ackerbauer und Hähnchenmäster Georg Zimmermann nach dem Frost Mitte April einen Teil seiner Zuckerrüben nachsäen müssen. „Dem Dinkel und dem Raps hat der Frost ebenso wehgetan.“ Dennoch erwartet auch Zimmermann eine durchschnittliche Ernte bei Raps und Dinkel.

„Die Stadt Wertingen ist stolz auf ihre Landwirte“, bekundete Markus Müller, Bezirksgeschäftsführer des schwäbischen Bauernverbands und Referent für Landwirtschaft und Ländliche Entwicklung im Wertinger Stadtrat. Die bäuerlichen Familien pflegen und erhalten die Kulturlandschaft, produzieren hochwertige Nahrungsmittel und Energie, sie investieren in der Region, so Müller. Außerdem seien sie vielfach in Vereinen und Pfarreien ehrenamtlich aktiv. Die 80 bäuerlichen Betriebe im Stadtgebiet stellten einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar, die Bevölkerung schätze das Angebot der Bioläden und anderer Direktvermarkter. An den Betrieben, dem AELF Wertingen, der EG Franken-Schwaben, am Bezirkslagerhaus, den Futtermittel- und Landtechnikunternehmen im Stadtgebiet hängen viele Arbeitsplätze, sagte Müller.
Landrat Leo Schrell fand es gut, dass sich die Gesellschaft in steigendem Maß mit der Landwirtschaft auseinandersetzt, auch wenn sie an der Ladentheke die Ökologie und das Tierwohl häufig ausblende. Allerdings sollten die Diskussionen weniger von Emotionen und dafür mehr von wissenschaftlichen Erkenntnissen geprägt sein. „Ich bin froh, dass sich die Bäuerinnen und Bauern diesen Diskussionen stellen“, versicherte Schrell. Nun gelte es für Gesellschaft und Politik, die Debatte über die Landwirtschaft zu versachlichen.