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Förderprinzipien

Ökosystem-Leistungen honorieren

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Susanne Lorenz-Munkler
am Mittwoch, 19.08.2020 - 10:05

Andreas Täger, WBV Westallgäu, wünscht sich ein Umdenken in der Förderpolitik

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Die waldbauliche Förderung von Privatwaldbesitzern, die von den Februarstürmen 2020 getroffen wurden und unter dem Zusammenbruch des Holzmarkts leiden, ist derzeit gut. Darin sind sich die Geschäftsführer aller forstlichen Zusammenschlüsse im Allgäu einig. Lediglich die De minimis-Regelung für die Förderung der WBVen und FBGen, mit der diese zur Erfüllung ihrer satzungsgemäßen Aufgaben unterstützt werden, sorgt für Unmut, weil die die Fördersumme von 200 000 € innerhalb von drei Jahren nicht überschritten werden darf.

Da die forstlichen Zusammenschlüsse im Allgäu sehr aktiv sind, haben sie diese Grenze bereits erreicht. Daher können beispielsweise Projekte, die helfen sollen, die Strukturnachteile des Kleinprivatwaldes zu überwinden, nicht verwirklicht werden. Nachdem die Einnahmen der WBVen großteils aus der Holzvermarktung generiert werden und der Holzmarkt aktuell am Boden liegt, fehlt es jetzt an Geld. Und auch dem Waldbesitzer selbst bleiben – wenn er Glück hat – pro Festmeter verkauften Holzes nur wenige Euro übrig. Wir sprachen darüber mit Andreas Täger, Geschäftsführer der ältesten forstlichen Vereinigung von Privatwaldbesitzern im Allgäus, der WBV Westallgaeu.

Unser Allgäu: Wie groß ist der Schaden, den die Februarstürme im Westallgäu angerichtet haben?

Täger: Erheblich. Wir hatten rund 60.000 fm Windwurfholz. Das entspricht gut unserer Jahresvermarktungsmenge. Das Sturmholz ist weitestgehend aufgearbeitet, ein Teil konnte bereits in die Sägewerke gefahren und ein Teil musste in Trockenlagern zwischengelagert werden. Nur ein geringer Anteil des Schadholzes wurde als ultima Ratio mit Insektiziden gegen den Borkenkäfer behandelt.
Knapp 47.000 fm Holz konnten wir bisher zu einem Durchschnittspreis von rund 30 €/fm für das Leitsortiment abrechnen, auch dank unserer guten Kontakte zu Sägern im Vorarlberg und unserer Netzwerke wie der Holzhandelgenossenschaft „inSilva“. Der Rest befindet sich noch in Abrechnung und rund 150 bis 200 fm liegen noch in Trockenlagern. Bis Mitte September wollen wir auch dieses Holz abgefahren und verkauft haben.
Der Anteil an Weißtannen beim Sturmschadholz war relativ hoch, nachdem die Tannen teils durch den Tannenkrebs vorgeschädigt waren. So hatte das Orkantief „Sabine“ leichtes Spiel. Tannen sind in der Vermarktung eine Herausforderung, weil es nur wenige Sägewerke gibt, die ihr Holz wollen und zu schätzen wissen. Die Sägeindustrie meidet die Tanne, da sie längere Trocknungszeiten als die Fichte hat und die Betriebsabläufe bei den größeren Sägereien durcheinanderbringt. Zudem braucht sie aufgrund ihres großen Umfangs eine Starkholzlinie. Davon gibt es jedoch nur wenige.

Waldumbau ist einem zunehmenden Kahlflächen-Management gewichen

Unser Allgäu: Wie ist aktuell die Stimmung in ihrer kleinen, aber schlagkräftigen Waldbesitzervereinigung?

Täger: Getrübt. Wir haben rund 2.300 Mitglieder. Auch wenn unsere Waldbesitzer im Schnitt nur Waldflächen von 3,7 ha bewirtschaften, ist ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden entstanden. Bei weiter sinkenden Rundholzpreisen werden sie Geld mitbringen müssen, um Käferholz aufarbeiten zu lassen. Da macht dann keiner mehr mit, denn spätestens dann geht es an die Existenz.
Bei den Mitgliedern ist die Stimmung mehr als gedrückt. Mehrere Jahre hintereinander bestimmen Kalamitäten jetzt schon den Kosmos der Forstwelt. Von normaler, geordneter Waldbewirtschaftung ist schon länger nicht mehr die Rede. Aktiver und langfristiger Waldumbau ist einem zunehmenden Kahlflächen-Management gewichen.

Unser Allgäu: Bei der aktuell guten Fördersituation erleiden die Waldbesitzer zumindest keine Verluste. Warum ist die Stimmung dennoch so schlecht?

Täger: Wir sind der Politik und dem Ministerium dankbar für die Anpassung der Förderung an die aktuelle Situation. So werden die Kosten für den gebrochenen Transport des Rundholzes zu Zwischenlagern im Rahmen der insektizidfreien Borkenkäferbekämpfung durch die Förderung abgefangen. Dazu gibt es eine Vielzahl an Fördertatbeständen, mit denen den Waldeigentümern unter die Arme gegriffen werden können.
Dennoch erleiden die Waldeigentümer Wertverluste. Die Eigentümer sorgen mit ihrer Arbeit dafür, dass der Wald Lebensraum für vielzählige Tier- und Pflanzenarten bleibt. Sie sind frustriert, wenn sie nur noch Schäden aufarbeiten müssen. Die Wetterextreme der letzten Jahre haben den Wäldern stark zugesetzt.

Ökosystem-Leistungen der Waldbesitzer müssen honoriert werden

Unser Allgäu: Was lässt sich hier noch tun?

Täger: Die Waldeigentümer müssen ideell und finanziell dabei unterstützt werden, ihre Wälder zu stabilisieren und den Waldumbau voranzutreiben. Bund und Länder müssen dafür sorgen, dass die finanzielle Unterstützung schnell zu den Waldbesitzern gelangt. Dazu sind verschiedene Hürden zu nehmen. Das beginnt mit einer Vereinfachung der Antragstellung, einer schnelleren Notifizierung in Brüssel und der Abschaffung der Deckelung der Gelder für forstliche Zusammenschlüsse.
Langfristig müssten eigentlich die Ökosystem-Leistungen der Waldbesitzer honoriert werden. Ansonsten haben viele von ihnen keine Lust mehr und hören auf. Dann kommt es auch in der Forstwirtschaft zu einem Strukturwandel, wie ihn die Landwirtschaft bereits durchgemacht hat. Das wäre ökonomisch wie ökologisch fatal.

Unser Allgäu: Wie versuchen Sie derzeit, ihre Mitglieder zu motivieren?

Täger: Unsere Waldbesitzer waren immer sehr motiviert, zumal wenn es galt, unsere einzigartigen Plenterwälder in Schuss zu halten. Aber es frustriert langfristig jeden, wenn er über Jahre hinweg nur noch Schäden aufräumt anstatt klimagerechten Waldumbau für die zukünftigen Generationen zu betreiben. Deshalb ist es wichtig, auch die Öko-Systemleistungen vor allem der kleinen Waldbesitzer zu fördern und zu honorieren. Von den Ökosystemleistungen profitiert die Bevölkerung in Form von sauberem Wasser und gesundem Klima. Der Wald ist ein Rohstofflieferant und bietet Flächen für Freizeit und Erholung. Er trägt damit maßgeblich zum physiologischen, sozialen und ökonomischen Wohlbefinden der Menschen bei. Diese Zusammenhänge vermitteln wir auch der Jugend mit unserer „Wald-Klima-Klasse“. Das Projekt gibt den Schülern die Chance, ein Stück grüne Zukunft zu gestalten.Von der sechsten bis zur Abschlussklasse des Lindenberger Gymnasiums und der Realschule kümmern sich die Schüler gemeinsam um den Klima-Wald und werden so zu regionalen Botschaftern in Sachen Wald, Holz und Klimaschutz. Dabei lernen die Schüler praktisch, was Nachhaltigkeit bedeutet.