Biolandtagung

Ökolandbau: Schau hin, denk nach und handle

Luft durch Öffnung
Margarete Schreyer
am Donnerstag, 21.01.2021 - 07:34

Die Biomilchviehtagung Süd von Bioland konnte mit sehr umfangreichen und praxisgerechten Informationen punkten.

Auf einen Blick

  • Kühe brauchen sechs „Freiheiten“: Ruhe und Raum, Luft und Licht, Wasser und Futter.
  • Das Stallklima lässt sich oft schon durch ganz einfache Maßnahmen und wenig Investitionen entscheidend verbessern.
  • Kuhgebundene Kälberhaltung ist viel diskutiert. Allerdings muss die Umsetzung einzelbetrieblich optimiert werden.

Diskussion und Fragen im Chat

Manser

Die Biomilchviehtagungen Süd, Nordbayern und Oberbayern fanden heuer online statt. Wenn auch verschiedene Referenten, Organisatoren und Teilnehmer bedauerten, dass heuer coronabedingt keine direkten Kontakte möglich sind, konnten die drei Veranstaltungen doch mit sehr umfangreichen und praxisgerechten Informationen punkten. Die Diskussions- und Fragemöglichkeiten im Chat wurden rege genutzt. Sehr positiv war zudem, dass sich durch die digitale Version auch Landwirte und Bäuerinnen aus anderen Regionen in die Fachtagungen einwählen und bequem von zu Hause aus die Themen mitverfolgen konnten.

Bei der Tagung Süd stand der tiergerechte Stall im Mittelpunkt der Vorträge. Christian Manser vom Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen übersetzte in seinen Ausführungen die Signale der Kuh in unsere Sprache und zeigte auf, wie auf die Bedürfnisse der Tiere, oft auch kostengünstig, im Stall reagiert werden kann.

Im Stall die Weide so gut wie möglich nachbilden

„Schau hin, denk nach und handle, denn die Kühe geben ständig Signale ab, aus denen sich zahlreiche Informationen über ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit ableiten lassen“, machte Manser zu Beginn deutlich. Weil das Rind kein Höhlenbewohner, sondern ein Steppentier ist, gehöre es von Natur aus auf die Weide. Ist dies nicht möglich, sollten sich die Rinderhalter möglichst stark am Prinzip der sechs Freiheiten der Weide orientieren, nämlich: Ruhe und Raum, Luft und Licht sowie Wasser und Futter.

Gutes Stallklima ist besonders wichtig

Außenfressplatz

Maßgebend für die notwendigen Ruhephasen im Stall sind vor allem tiergerechte Liegeboxen mit genügend Schwungraum, passenden Abtrennungen und einer weichen und doch griffigen Liegeunterlage.

Besonders wichtig sei ein gutes Stallklima. Wer durch Öffnungen Licht in den Stall bringt, verbessere gleichzeitig auch die Luftqualität, „denn Frischluft ist gratis und sollte der Kuh immer zur Verfügung stehen“.

An vielen Beispielbildern zeigte der Berater, dass dies nicht nur in einem gut geplanten Neubau möglich ist, sondern auch bestehende Ställe ein großes Potenzial für Optimierungen haben. „Dabei müssen die Lösungen nicht immer perfekt sein, aber sie müssen funktionieren“, machte er deutlich.

Sehr kostengünstig kann eine Luftzirkulation bereits durch geöffnete Fenster, Türen und Scheunentore oder durch nachträgliches Öffnen von Seitenwänden erreicht werden. „Das ist auch an kalten Wintertagen kein Problem, denn die optimale Temperatur für Rinder liegt im Bereich von minus zwei bis plus zehn Grad“, so Manser. Sein Rat lautete deshalb: „Zuerst entfernen, was nicht mehr gebraucht wird, und erst danach kaufen oder bauen, was neu benötigt wird“.

Manser ist nicht nur ein großer Verfechter von Ventilatoren im Stall, für ihn sollten die Lüfter auch 365 Tag im Jahr laufen. „Denn durch die zusätzliche Luftzufuhr können die Milchkühe im Sommer ihre Körpertemperatur besser regeln und im Winter bringt ein richtig platzierter Lüfter mehr Frischluft dorthin, wo sie die Kuh dringend braucht, nämlich an die Nase“.

Kuhgebundene Kälberhaltung

Als „Startup-Thema“, das in den Medien in den letzten Jahren immer mehr Beachtung bekam, bezeichnete Bioland-Berater und Moderator des Tages Martin Hermle die kuhgebundene Kälberhaltung. Dr. Kerstin Barth vom Thünen Institut für Ökologischen Landbau, Trenthorst, referierte über die verschiedenen Möglichkeiten und wissenschaftlichen Erkenntnisse der kuhgebundenen Aufzucht von Kälbern.
Laut Barth entspringt die Motivation für diese Haltungsform aber nicht nur einem vermehrten Verbraucherwunsch. Nach Aussagen von 60 befragten Betrieben erhoffen sich die Bäuerinnen und Bauern davon vor allem mehr Tierwohl, Arbeitseinsparung und bessere Kälbergesundheit. Für Barth ist die Thematik nicht neu, denn sie beschäftigt sich schon seit 2002 damit. „Doch ein Standardverfahren für die kuhgebundene Kälberaufzucht gibt es bisher nicht“, machte sie deutlich.
Jeder Landwirtschaftsbetrieb müsse das für seinen Betrieb passende Vorgehen selber entwickeln. Deshalb sei die Bandbreite der Haltungsformen auch ziemlich unterschiedlich. Als erstes müsse geklärt werden, ob die Aufzucht durch die Mutter oder durch Ammen erfolgen soll, zu welchem Zeitpunkt die Kälber abgesetzt werden, die Häufigkeit des täglichen Kontaktes oder der nötige Platzbedarf.
Kälberschlupf

Manche Betriebe bauen Selektionstore ein, durch welche die Kälber nur zu bestimmten Zeiten zu ihren Müttern kommen. Andere halten sie in zwei nebeneinander liegenden Boxen mit einem Kälberschupf, der den Kleinen jederzeit Zugang zur Milchquelle gewährt. Auch eine saisonale Weidehaltung der Gruppen ist möglich.

Barth machte deutlich, dass für eine erfolgreiche Aufzucht die Kälber zusätzlich mit Wasser, Kraftfutter und Grobfutter als Heu oder Silage versorgt werden müssen. Weitere Anforderungen sind ein ungestörtes Abliegen, eine entsprechende Laufflächengestaltung und Separationsmöglichkeiten für Behandlungen und Kontrolle. Versuche zeigten, dass eine durchschnittlich Zunahme von 1100 g/Tag von Kälber, die permanent bei ihren Müttern oder Ammen sind, erreicht werden kann. „Diesen Wert erzielt man jedoch auch mit 16 Liter Vollmilch pro Tag am Tränkeautomat, wenn die Bedingungen passen“, so Barth. Was die Kälber dabei aber nicht lernen, sei die soziale Erziehung durch die Kühe. Zudem wirke sich das vermehrte Platzangebot und die erhöhte Bewegung positiv auf den Knochenbau aus.

Zwei Firmen für ökologische Ställe

Am Nachmittag stellten die beiden Allgäuer Stallbaufirmen Hörmann und Kristen ihre Lösungen für die ökologische Milchviehhaltung, Kälberaufzucht und Mast vor. Da bei einer Umstellung auf den Ökolandbau oft der Platzbedarf des bestehenden Stalles nicht ausreicht, zeigten die beiden Firmen vor allem Vorschläge für Erweiterungen. So stellte Christian Warkus von der Firma Hörmann aus Buchloe verschiedene Varianten der Kälberhaltung in Laufboxen vor, mit schwenkbaren Toren zum Ausmisten und angegliedertem Auslauf.

Um für Jungvieh und Kühe im Stall mehr Platz zu schaffen, zeigte Warkus Beispiele mit Außenboxen, Außenfutterplätzen und großzügigen Laufhöfen. Beeindruckend waren die Bilder eines mehrhäusigen Kompostierungsstalles für 75 Milchkühen, 60 Jungtieren und Ammenhaltung. Auf die Frage, ob es schon Erfahrungswerte bezüglich Saugrobotern zum Sauberhalten der Innen und Außenlaufflächen gibt, sagte Warkus: „Sie hinterlassen im Sommer ein sauberes Bild, können im Winter aber schon Probleme machen, da sie mit Wasser laufen“.
Hell und luftig zeigten sich die Beispielställe von Kristen aus Ollazried, die Geschäftsführer Ralf Schreyögg vorstellte. „Wir betonieren in der Regel nur Wände im Bereich von Tränken, sonst lassen wir so viel wie möglich offen, bzw. verschließen die Seiten mit Curtains“, machte er deutlich. Wichtig bei der Planung von Doppelboxen ist für ihn ein großer Kopfkasten, damit die Tiere viel Freiheit beim Aufstehen und Abliegen haben.
Schreyögg riet, bei Erweiterungen alte Stallgebäude mit zu integrieren. Als ideales Konzept für Erweiterung empfahl er das BK-Dachbox Stallkonzept. Es sei wirtschaftlich, an die Bedürfnisse der Tiere angepasst, und durch seine einfache Bauweise schnell und in unterschiedlichen Versionen realisierbar, da es ohne aufwendige Fundamentierung auskommt.
Für ein gutes Stallklima stellt die Firma auch Lichtfirste mit flexiblen Öffnungs- und Schließmöglichkeiten sowie Hubfenster, auch für Türen und Toren, her. Bei den Fressgittern werde nicht nur auf Funktionalität Wert gelegt. „Wir versuchen auch immer, den Geräuschpegel möglichst niedrig zu halten“, sagte Schreyögg.
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