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Frost

Obstbauern zittern vor Minusgraden

Apfelbluete-Frost-Neuschnee
Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Dienstag, 05.04.2022 - 12:44

Im Allgäu und in Lindau am Bodensee fallen die Frostschäden nach den vergangenen Nächten geringer aus, als ursprünglich befürchtet. Doch Durchschnaufen können die Obstbauern noch lange nicht.

Mindelheim/Lindau Für einige Obstbauern in Allgäu und am Bodensee waren es bange Stunden: Es wurde dieser Tage nochmals richtig kalt. Die Frostnächte und Temperaturen unter der Null-Grad-Marke bedrohten die Obsternte. Der kürzliche Wintereinbruch sei für die Obstbäume schon gefährlich, warnt der Pomologe Anton Klaus, der als „schwäbischer Apfelpapst“ gilt. Der Allgäuer muss es wissen: In seinem Obstgarten in Oberneufnach im Unterallgäu wachsen mehr als 500 Apfel- und 150 Birnensorten.

Nach wochenlangem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen von 15 bis 18 Grad in der vergangenen Woche sei die Blütenentwicklung teilweise schon weit fortgeschritten, erklärt Anton Klaus, warum die Kälte gerade jetzt große Sorgen bereitet. „Wenn die Temperaturen die nächsten Tage unter 5 Grad minus sinken würden, könnten auch geschlossene Blüten geschädigt werden.“ Offene Blüten werden ab -2 Grad geschädigt. Birnen Aprikosen, Süßkirschen und Zwetschgen seien besonders gefährdet – sie sind teilweise schon in Vollblüte und damit besonders empfindlich. In Erwerbsobstanlagen könne durch Frostberegnung bis zu einer gewissen Grenze entgegengewirkt werden, im Hausgarten sei das aber nicht möglich.

Frost-Apfelbluete

Von „ganz ordentlichen Schäden“ bei Aprikosen und Pfirsichen berichtet Martin Nüberlin, der ehemalige Vorsitzende der Erzeugergemeinschaft Lindauer Obstbauern. Die Blüten der Apfel- und Birnbäume haben dagegen die vergangenen Tage gut überstanden. „Hier konnten wir bislang keine nennenswerten Schäden feststellen“, sagt Nüberlin. Die Frostschäden seien geringer ausgefallen, als zunächst befürchtet.

Vorerst Entwarnung gibt auch Philip Erletz vom Obstgut Erletz im Lindauer Ortsteil Schönau. Bei ihm hört sich das Resümee ähnlich an: „Die Temperaturen waren nicht so kalt, wie sie vorhergesagt wurden.“ In Lindau sei das Thermometer nie unter minus 2 Grad gesunken. „Zum jetzigen Entwicklungsstadium der Blütenknospen haben die Minusgrade bei den Apfelbäumen keine Schäden angerichtet“, erklärt der Agraringenieur, der auf knapp 30 ha vorrangig Äpfel und Wein anbaut. Die Apfelbäume und Birnen hätten so bislang keinen Schaden genommen. „Auf Nummer sicher“ ging er in der Nacht von Montag auf Dienstag bei den Kirschbäumen: „Die sind weniger resistent gegen Kälte, weshalb ich sie für eine Nacht beheizt habe.“

Banges Hoffen bis Mitte Mai

Das Schlimmste scheint überstanden. Ganz durchschnaufen kann Erletz jedoch nicht: „Wir sind zwar vorerst über den Berg, aber es ist noch nicht Mai. Es kann also noch etwas passieren.“ Gerade später im April, wenn das Entwicklungsstadium der Blüten weiter fortgeschritten sei, könnten kalte Temperaturen großen Schaden anrichten. Das Risiko, dass kalte Nächte die Blüten beschädigen, steigt erst einmal.

Ernte-Apfel-Bodensee

Martin Nüberlin nennt den Klimawandel das große Problem. „Wir haben eine immer frühere Blüte. Da sind wir im Vergleich einige Wochen eher dran.“ Und gerade das berge die große Gefahr, schließlich seien die Blüten empfindlich. Ein Vorteil in diesem Jahr sei, dass die kalten Nächte die Blüte bislang zurückgehalten haben. Nüberlin selbst bewirtschaftet seine etwa 20 ha am Bodensee mit Äpfel, Birnen, Kirsche und Erdbeeren sehr seenah, was sich ebenfalls auswirke: „Der See verzögert den Fortgang der Blüten und bricht die Extremspitzen bei Kälte.“

Bis Ende April bestehe noch die Gefahr, dass eisige Temperaturen die Obstbauern gehörig ins Schwitzen bringen. Die Furcht vor der Kälte ist groß. Vorerst sieht die Lage aber entspannt aus: Die Temperaturen steigen wieder, sagt der Deutsche Wetterdienst. Doch wie sich die Lage noch entwickelt, das sei unklar, sagt Nüberlin. „Bis Mitte Mai sind es noch einige Tage.“

Was passieren kann, haben die Obstbauern im Allgäu und in Lindau am Bodensee schon häufiger erlebt. Zuletzt vor zwei Jahren, als der Kälteeinbruch Ende April große Schäden anrichtete. Extrem waren die Ausfälle auch 2017, erinnert sich Nüberlin. Der Frost vernichtete damals mancherorts einen großen Teil der Ernte. Im Bodenseekreis erhielten 444 Obstbauern Frosthilfen in Höhe von 14,3 Mio. € für die Ernteausfälle ausgezahlt. Die Obstbauern hoffen, dass sich das nicht mehr wiederholt – und sie von Frostnächten verschont bleiben. Nüberlin bleibt zuversichtlich: „Wenn alles gut geht, erwarten wir in diesem Jahre eine schöne Blüte!“

Im Jahr 2017 standen Kirsche, Apfel, Erdbeere und Birne schon in voller Blüte - und dann kam der Frost. Ein Foto des Blütenmeeres von Obstbau Nüberlin sehen Sie hier: