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Bauernkundgebung

Oberschwabenschau und Agraria: Das Experiment ist geglückt

Es gehört zum jahrelangen Brauch, dass die Jungbauern darauf hinweisen, wo dringende Verbesserungen durchgeführt werden müssen. Als Dank erhielt der heimische EU-Abgeordnete Norbert Lins (2. v. l.) ein religiöses Motivbild für sein Brüsseler Büro.
Toni Ledermann
am Freitag, 25.11.2022 - 08:38

Oberschwabenschau: Jungbauern wehren sich gegen überbordende Bürokratie

Ravensburg/Oberschwaben Die Ravensburger Messegesellschaft RAG wagte in diesem Jahr ein ungewöhnliches Experiment: Zwei zeitlich versetzte Messen, einmal wie gewohnt die Oberschwabenschau, und am Mittwoch darauf die Eröffnung der Agraria, die Landwirtschaftsschau mit großer Bauernkundgebung, diesmal allerdings in der Halle des Grünen Pfads.

Zum Schlussbild stellten sich die Hauptakteure der Bauernkundgebung, der heimische EU-Abgeordnete Norbert Lins (4. v. r.) und der Vorsitzende im Bauernverband Allgäu-Oberschwaben, Franz Schönberger (4. v. l.) zusammen, umrahmt von königlichen Häuptern.

Auf der Kundgebung kritisierte Franz Schönberger, Vorsitzender im Bauernverband Allgäu-Oberschwaben, die Tierwohllabels, vor allem wenn ausländische Ware in den heimischen Supermärkten zu finden ist. Seine Forderung: „Was wir brauchen, ist eine klare Kennzeichnung der Haltungsform und der Hinweis, woher die Produkte kommen und wo sie verarbeitet wurden!“ Zur ausufernden Forderung nach Landschaftsschutzgebieten fragte er kategorisch, wo denn bitte ein Betrieb in Zukunft noch planen könne, wenn wahllos Schutzgebiete ausgewiesen würden. Zumal in der Region viele Flächen Schutzstatus genießen. Beifall der Bäuerinnen und Bauern gab es auch für Statements wie: „Wir sind es gewohnt, unsere Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen.“ Die Bauern müssten Teil der Energiewende sein, sagte Schönberger. Er sei dagegen, dass Investoren Flächen kaufen – und nicht Landwirte, die die Flächen als Lebensgrundlage benötigen.

Die Inhaltsstoffe der Gülle sind laut Schönberger ein „Wahnsinnspotential“. Das gehe soweit, dass damit auch der öffentliche Nahverkehr gespeist oder Regionalstrom für Privathaushalte geliefert werden könne. An diesen Themen müsse gearbeitet werden, auch wenn sich derzeit so mancher Ansatz noch als Problem darstelle.

Christa Fuchs, Vizepräsidentin des Frauenverbands im Landesverband Württemberg-Hohenzollern, sprach sich energisch gegen die laufend steigenden Betriebskosten aus. Leider sähen so manche Verbraucher nur die gestiegenen Preise und nicht, was davon beim Produzenten tatsächlich ankommt. 84 Mio. Verbrauchern stünden wenige hunderttausend Bauern gegenüber. In diesem Ungleichgewicht habe man es schwer.

Kritische und engagierte Landjugend

Traditionell zeigen Mitglieder der heimischen Landjugend in einem Sketch auf der Bühne, wo sie der Schuh drückt. Diesmal hielten sie selbst gemalte Plakate in die Höhe, die darauf hinwiesen, wie wichtig die Arbeit der Landwirte für unsere Ernährung ist. Auch auf das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage gingen die jungen Männer ein.

Hauptredner war der heimische Europa-Abgeordnete Norbert Lins, Vorsitzender des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung des Europäischen Parlaments. Er referierte zum Thema „Agrarpolitik in der EU – Europas Zukunft für starke Bauern“. Er bedankte sich zunächst bei der Landjugend für ihr engagiertes Auftreten: „Ihr habt wieder bewiesen, wie kreativ Ihr seid, wenn es gilt, den Finger in die Wunden zu legen. So stell ich mir die Landjugend vor.“ Es sei viel für die Jungbauern getan worden bei der Ausgestaltung der neuen GAP. Drei Prozent der Finanzmittel aus der Ersten Säule seien für Bäuerinnen und Bauern bis 40 Jahre eingeplant. „Ich weiß, dass das nicht ausreicht. Aber dennoch ist es ein klares Zeichen in Richtung Zukunft“, meinte Lins.

Kleinere Betriebe brauchen mehr Hilfe

Im „Grünen Pfad“ in der Halle 9 (Bild) wollen die Veranstalter mehr Verständnis in der Gesellschaft für die Landwirtschaft entwickeln. Hier geht es auch um Biodiversität. Und da dies nur gemeinsam geht, lautet das Motto „Biodiversiät in Oberschwaben – Vielfalt geht nur miteinander“.

Von dem Budget von 50 Mrd. € der GAP von 2023 bis 2027 flössen 6,3 Mrd. € allein nach Deutschland. Das ist seiner Meinung nach ein gutes Ergebnis. „Es hätte schlimmer kommen können“ , meinte Lins. Der russische Angriff in der Ukraine habe politische Entscheidungen wieder in Frage gestellt – dies gelte auch für die GAP. Deutlich sprach der Politiker aus, wie bedrohlich der Klimawandel für die Gesellschaft und die Artenvielfalt ist. Es dürfe nicht sein, dass die landwirtschaftliche Produktion abwandert. EU-Kommissionspläne dürften nicht dazu führen, dass immer mehr Höfe schließen müssen. Lins ist strikt gegen die geplanten 10 % Stilllegungsflächen, da dies die Nahrungsmittelherstellung negativ beeinflussen würde. Ebenso wies Lins darauf hin, wie wichtig der Erhalt von kleineren Strukturen ist. Da bekanntlich kleinere Höfe – gegenüber größeren wie es sie in Mecklenburg-Vorpommern gibt – höhere Kosten haben, müssen sie auch besser unterstützt werden. „Dass ich daran bedeutenden Anteil geleistet habe, nehme ich in Anspruch“, sagte Lins unter Beifall der Gäste.

Der Referent wies darauf hin, dass der Deckel bei Biogas gehoben wird, um diesen Rohstoff breiter nutzen zu können. „Dies ist ein großer Erfolg – doch es besteht durch die Übergewinnsteuer große Gefahr. Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, aber bei 23 Cent anzusetzen, wie vorgesehen, macht dann so gar keinen Sinn!“ rief der Referent.

Traktor mit Antrieb für Biogas in Serie

„Kraftstoff aus der Natur“ schluckt dieser Traktor „T 6. 180 Methan Power“ von New Holland.

Neben der Oberschwabenschau hatten die Aussteller im Rahmen der Agraria wieder ihre Technik aufgefahren. Zwei echte Innovationen zeigt Neyer Landtechnik. Der Methangas-Traktor von New Holland sei der erste Serientraktor, der mit Biomethan betrieben wird. Sprich: Biogasanlagen-Betreiber können eigenes Biogas dafür aufbereiten. Der Traktor bringe dieselbe Leistung und Drehmomente wie Traktoren mit vergleichbarem Diesel-Antrieb. Weiter war von Neyer ein Elektro-Hoflader zu sehen. Am Landtechnikstand von Zürn konnte man unter anderem die neuen John-Deere-Traktoren der Serie 6R kennenlernen: Mit kurzem Radstand agil auf der Straße und sparsam im Verbrauch, wie es hieß. John Deere verbaut hier auch sein System 1-Click-Go. Damit lassen sich Einstellungen für Traktoren und Anbau-Geräte schneller und leichter vornehmen. Als Neuheit wurde auch der Deutz-Fahr 6135C TTV präsentiert, ein Traktor, der mit seinem Getriebe punktet. Es sei einzigartig innerhalb seiner Leistungsklasse, dass der Traktor mit bis zu 50 km/h schnell unterwegs sein kann. Die Vorderachse ist gefedert.