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Stilllegung

Naturwälder in den Staatsforsten: Bindeglieder für die Biodiversität

Im Sulzschneider Forst wurden über 30 Hektar Fläche der Bayerischen Staatsforsten als sogenannter Naturwald ausgewiesen.
Markus Endraß
am Montag, 14.11.2022 - 10:21

80.000 Hektar Naturwald stehen in den Staatsforsten als unangetasteter Lebensraum für Pflanzen und Tiere zur Verfügung.

Johannes Nachbar wacht als Revierleiter darüber, dass der Sulzschneider Forst in seinem jetzigen Zustand erhalten bleibt.

Im Rahmen der Gesetzgebung für mehr Tier- und Pflanzenschutz, die aus dem sogenannten Bienenvolksbegehren hervorgegangen ist, hat sich der Freistaat Bayern zur Ausweisung von fast 80.000 ha Naturwäldern in den Staatsforsten bis zum Jahr 2023 verpflichtet. Eine dieser Flächen liegt im südlichen Landkreis Ostallgäu, im Sulzschneider Forst nahe der Ortschaft Buchach bei Seeg.

Eine große Gruppe mit Vertretern aus den lokalen Forstbehörden, FBGs, Jagdvereinigungen, Naturschutzorganisationen und umliegenden Gemeinden konnte sich beim Ortstermin Mitte Oktober einen Eindruck über die Entwicklung des seit 2019 bestehenden Naturwaldes machen.

Vernetzte Gebiete über ganz Bayern

Jann Oetting ist als Leiter der Staatsforsten Sonthofen für 18 000 ha Wald, davon 1300 ha Naturwald zuständig.

Einführend erklärte Stefan Kleiner vom AELF Kaufbeuren die Unterschiede zu den höherrangigen Schutzgebieten, also dem Naturwaldreservat (z. B. im Senkelewald bei Seeg) und Nationalpark (z. B. Bayerischer Wald). Bei diesen seien die Zielsetzungen und Auflagen ambitionierter als in der neu eingeführten Kategorie Naturwald.

Grundsätzlich gilt im Staatswald das Ziel, zukünftig 10 % der Fläche sich selbst zu überlassen, hier sind die neuen Naturwald-Gebiete als sogenannte Bindeglieder anzusehen, um ein möglichst groß vernetztes Gebiet über ganz Bayern zu schaffen, in dem keine wirtschaftliche Nutzung mehr stattfinden soll. Insgesamt werden in den bayerischen Staatsforsten und anderen kommunalen Liegenschaften fast 80 000 ha Waldflächen ausgewiesen, die als unangetasteter Lebensraum für Pflanzen und Tiere gelten und gleichzeitig als Referenzflächen für die Anpassung an den Klimawandel dienen sollen. Zusätzlich werden diese Gebiete den Menschen als Erholungs- und Erlebnisort zur Verfügung gestellt.

Eingriffe nur bei Käferbefall erlaubt

Der neue Naturwald im Sulzschneider Forst besteht aus zwei Teilflächen mit 1,5 beziehungsweise 30 ha Fläche. Die Ausweisung ist dauerhaft und kann auch im Bayernatlas eingesehen werden, betonte der Leiter des Staatsforstbetriebes Sonthofen, Jann Oetting. In seinem Zuständigkeitsbereich nahe des Alpenrandes von Lindau bis zur oberbayerischen Grenze liegen insgesamt 18 000 ha Wald, davon sind 1300 ha Naturwald.

Vor Ort im Sulzschneider Forst ist Revierleiter Johannes Nachbar für das Gebiet zuständig und wacht darüber, dass die überwiegend mit Spirken (Moorkiefern) bewachsenen Flächen in ihrem jetzigen Zustand erhalten bleiben. Dies könnte vielleicht gar nicht so einfach werden, betonte er. Denn falls in den Randgebieten die Fichten durch Naturverjüngung die selteneren Baumarten verdrängen sollten, ist ein Zurückschneiden nicht erlaubt. Lediglich bei Käferbefall wird die Entnahme zum Waldschutz geduldet.

In die gleiche Argumentation stieg Holger Ginter, der zuständige Leiter der Fachstelle Waldnaturschutz vom AELF, ein. Auch er sah einen Konflikt mit den Zielsetzungen der FFH-Richtlinie (nach EU-Recht) und befürchtet eine passive Verschlechterung der in Deutschland einzigartigen Moorflächen. Sollte diese wirklich eintreten, bedarf es einer weiteren Abstimmung.

Sorgen um seltene Tier- und Pflanzenarten

Ginter verwies auf die Vielzahl seltener Tier- und Pflanzenarten, wie die arktische Smaragdlibelle, den Baumpieper, den gegürtelten Schnellkäfer oder die bereits erwähnten Spirken. Genau um diese machte sich Dr. Ulrich Weiland von der Allgäuer Moorallianz beim gemeinsamen Durchqueren der Naturwaldflächen große Sorgen: Seit ein paar Jahren leiden diese nicht nur unter der extremen Trockenheit, sondern sind auch von der sogenannten Braunfleckenkrankheit befallen. Hervorgerufen wird diese durch einen Pilzerreger, der zuerst zur Braunfärbung der Nadeln und letztendlich zum Absterben der Bäume führt.

Ob der vor ein paar Jahren durchgeführte Aufstau des früher entwässerten Gebietes und die Ausweisung zum Naturwald hier zu Verbesserungen führen können, werden die nächsten Jahre zeigen. Dr. Weiland betonte die Wichtigkeit intakter Moore zur Speicherung von Treibhausgasen und verwies dabei auf die mittlerweile 270 ha Moorflächen, die der Landkreis Ostallgäu angekauft hat, um sie im Rahmen der Moorallianz in einen naturverträglicheren Zustand zu bringen.

Am Ende der Exkursion fand sich die Gruppe an einer renaturierten Moorfläche mit Übergang zum Fichtenmoorrandwald zusammen. Die Vielfalt der Vegetation beeindruckte alle Teilnehmer und aus der Gruppe kam die Frage auf, ob eine zielgerichtete Nutzung dieser Bereiche nicht doch sinnvoll wäre, um ein Zuwachsen durch Fichtennaturverjüngung zu vermeiden.

In den nächsten Jahren wird man hier die Entwicklung nur beobachten können, um dem ausgelobten Ziel der „Nichtbewirtschaftung“ im Naturwald gerecht zu werden, betonten Jann Oetting und Johannes Nachbar. Der interessierten Bevölkerung will man in den nächsten Jahren mittels Exkursionen und Führungen vermehrt die Möglichkeit geben, sich selbst ein Bild von den neuen Naturwäldern zu machen.