Projekt

Der Natur Waldflächen zurückgeben

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Toni Ledermann
am Dienstag, 13.04.2021 - 14:15

Im Staatswald Unterallgäu wird auf hohe Einnahmen verzichtet. Ziel ist es, die Wälder sich selbst zu überlassen und Naturwaldreservate zu schaffen.

Zehn Prozent der staatlichen Wälder in Bayern werden nun sich selbst überlassen. Keine Säge, keine Axt wird hier mehr zu hören sein. Bayernweit wurden schon seit den siebziger Jahren die ersten Naturwaldreservate benannt, um natürliche Lebensräume zu erhalten und in denen Wild und Pflanzen ungestört wachsen können.

An die Kleinstlebewesen gedacht

Einer dieser „Urwälder“ liegt unweit von Schöneschach und das Waldstück eignet sich offenbar sehr dazu, das neue Programm zu erklären. Die ersten jetzt zu sehenden Ansätze haben kürzlich Leitender Forstdirektor Rainer Nützel, Leiter des Mindelheimer Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der Leiter des Ottobeurer Staatsforstbetriebs Dr. Hermann S. Walter sowie die Forstreferendarin Frauke Holland erklärt. Hohe Höhlenbäume, ein abgestorbener Baum für die Kleinsttiere oder ein massiver, flach liegender Buchenbaum, der schon Moos angesetzt hat, zeigen, dass auch schon früher an die Kleinstlebewesen gedacht wurde.

Totbäume im Landkreis Unterallgäu

„Noch haben wir natürlich keinen Urwald. Bei den Naturwaldreservaten handelt es sich bei uns um alte, schon geraume Zeit aus der Nutzung genommene Waldflächen“, erklärt Nützel. Dies sind im Unterallgäu 89 Hektar – alle im Staatswald, zum Beispiel die „Rohrhalde“ mit Buchen und Fichten, Tannenwälder mit Edellaubholz im oberen Günztal, die Krebswiese im Schönegger Forst und eines bei Legau mit Namen Rotensteiner Rhain an der Iller. „Dazu sind nun vor etwa drei Monaten weitere 20 Hektar hinzugekommen“, sagt Nützel, und Dr. Walter erläutert, dass natürlich ein hoher Totholzanteil in diesen Naturwäldern vorhanden ist. Darunter geborstene und freiliegende sowie stehende Baumkörper, die für Fledermäuse und viele Insekten und Kleintiere geradezu einen Hotspot darstellen.

Die Forstleute vermuten, dass mit diesem jüngsten „Urwald“-Schritt dieses Projekt nicht abgeschlossen ist, sondern punktuell weitere Flächen hinzukommen, da dies auch von der Gesellschaft so gewollt sei. „Es werden aber nicht hunderte von Hektar hinzukommen“, sagt Nützel, „wenn man so will, ist dies ja auch ein symbolischer Akt“. Damit solle auch das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ vom Staat umgesetzt werden.

Dazu kommt: „Der Staat will keine großflächig stillgelegten Flächen. Wir wollen die Flächen bewirtschaften und gleichzeitig die Dinge, die für den Naturschutz wichtig sind, aufwerten. Dies ist effektiver für den Wald, als große Flächen zu Naturschutzgebieten heranzuziehen“, erklärt Nützel. Dr. Walter ergänzt: „Punktuelle Ergänzungen ja, aber es wird keine erdrutschartigen weiteren 20 Hektar geben. Zumal jetzt schon wertvolle Waldflächenteile in dieser Schutzkategorie eingereiht sind.“ Nützel verweist auch darauf, dass der jetzt zum „Urwald“ bestimmte Forst überhaupt erst durch sorgliche staatliche Forstbewirtschaftung entstanden ist.

Naturschutz kostet Geld

Auf wie viel Einnahmen verzichtet der Staat durch die Nichtbewirtschaftung dieser Naturschutzflächen? „Schwer zu kalkulieren, aber Naturschutz kostet Geld, dies ist gar keine Frage“, erklären die Forstleute. Dann rechnen sie doch den Einnahmeverlust durch: „Wenn bei diesen 20 Hektar Naturschutzflächen 300 Festmeter an Holz nicht entnommen werden, ergibt dies 6000 Festmeter Holz. Wenn im Schnitt derzeit von 50 € erntekostenfreiem Erlös ausgegangen wird, dann ergibt dies einen Wert von 300 000 €, die wir aus der Nutzung genommen haben.“

Wie sieht es bei den Naturwäldern bezüglich der Sicherheit aus? Zumal ja jeder Waldbesitzer durch die Verkehrssicherheitspflicht auch dafür verantwortlich ist, dass niemand im Forst durch Holzbruch zu Schaden kommt? Die Forstleute weisen darauf hin, dass dieses Risiko in jedem Wald besteht, beispielsweise durch herabfallende Totäste, unabhängig von der Bewirtschaftung. Sie ergänzen aber, dass sie und ihre Forstmitarbeiter natürlich ein waches Auge auf Naturwaldflächen haben, von denen eine gewisse Gefahr ausgehen könnte.

Eine Beschilderung des Naturwaldes zur Orientierung der Bevölkerung sei derzeit nicht vorgesehen. Wer es aber genau wissen will: Im Bayern-Atlas im Internet sind alle Naturwälder fixiert. Wer allerdings vom Weg aus in die naturbelassenen Wälder mit besonders dichtem Bestand blickt, der stellt unschwer fest, dass dichtes Unterholz, hohe Höhlenbäume oder umgestürzte und verfaulende Bäume deutlich signalisieren, dass dieser Teil des Forstes nicht mehr bewirtschaftet wird.