Investition

Der Natur unter die Arme greifen

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Toni Ledermann
am Mittwoch, 12.05.2021 - 07:17

Familie Miller aus Günz ist zufrieden mit der Technik ihrer Heutrocknung. Im Juni 2018 war Baubeginn.

Günz/Lks. Unterallgäu Zieht bei bestem Heuwetter ein Gewitter auf, so geht der Blick des Landwirts mit Sorge gen Himmel. Schaffe ich es noch rechtzeitig? Mehr oder weniger entspannt bleibt hingegen der Kollege, der ein Heutrocknungssystem zuhause hat. Wie Familie Miller, die südlich von Günz eine Heutrocknungshalle errichten ließ und nun, nach der zweiten Trocknungssaison, eine erste, zufriedenstellende Bilanz ziehen kann.

Umstellung auf Bio

Von 68 ha (34 ha sind in Eigenbesitz, der Rest in Pacht), die bewirtschaftet werden, sind 45 ha Grünland, der Rest Ackerflächen mit derzeit 6 ha Wintergerste, 3 ha Winterweizen, 3 ha Ackerbohnen und 3 ha Hafer sowie Kleegras und Luzerne. Im Stall stehen 60 Fleckviehkühe mit Nachzucht. Die Milchleistung lag im vergangenen Jahr bei 7400 Liter bei 4,3 % Fett und 3,8 % Eiweiß. Die Milch geht an die „Allgäu-Milch-Käse eG“ nach Kimratshofen.

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Mit der Fläche befindet sich der Hof seit 1. Mai 2020 in der Umstellung auf Bio. Bei den Kühen folgte dies jetzt zum 1. Mai. Dazu wird allerdings ein neuer Laufstall benötigt, da als Bio-Neueinsteiger Weidehaltung Pflicht ist. Der Bau eines neuen Laufstalls war unumgänglich, da am aktuellen Standort mitten im Dorf kein Weidegang möglich war. Beim Melksystem hat sich die Familie für das automatische Melken entschieden.

Auf Heumilch wurde Manfred Miller bereits 2016 aufmerksam. Damals aber war seine Molkerei mit dieser Spezialmilch ausreichend beliefert. Das hat sich inzwischen geändert: Molkerei-Geschäftsführer Hubert Dennenmoser hat bei Familie Miller angefragt und den Bedarf an mehr Heumilch signalisiert. Daraufhin besichtigten die Millers die Betriebe und die Technik von anderen Heumilchproduzenten. Auch die Zuschusssituation wurde 2017 mit dem Landwirtschaftsamt besprochen.

Neue Halle musste her

Damals wurde in Erwägung gezogen, die bestehende Lagerhalle am Hof zur Heutrocknung umzubauen, was jedoch an der Größe scheiterte. Schnell war klar: Für eine funktionierende Heutrocknung musste eine neue, größere Halle her. 2017 war zudem in Günz ein ganzer Betrieb mit 20 ha zu pachten – was letztlich ganz entscheidend war, denn mit der damals bewirtschafteten Fläche und dem vorhandenen Viehbesatz hätte sich die Heutrocknung nicht gerechnet. Mehrere Hallen mit Heutrocknung hat sich Manfred Miller daraufhin angeschaut. Sie sollten über Dachabsaugung und einen Kondensattrockner verfügen, denn nur mit diesem Trocknungsverfahren konnte die nötige Schlagkraft von 20 ha pro Charge gesichert werden.

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Georg Ohmayer und Konrad Gruber vom AELF Kempten erarbeiteten für den Betrieb ein Energiesparkonzept und zudem ein Förderkonzept, welches auch tragfähig war. Gebremst wurde das Vorhaben zwischenzeitlich, weil es sich um eine Bundesförderung handelte. Und die lag zu dem Zeitpunkt auf Eis, da nach der Bundestagswahl die Regierungsbildung nicht vorwärts kam und deshalb nichts entschieden werden konnte. Manfred Miller blickt zurück: „Wir wussten damals nicht, ob man weitermachen kann oder nicht.“ Letztlich aber kam im Mai 2018 von der Förderstelle grünes Licht und sogar ein vorgezogener Baubeginn war nun möglich. Die Bauherren hatten die Wahl, ob sie sich für eine maximal 100 000 €-Förderung entscheiden oder für 20 % der Bausumme. Dann jedoch hätte die Ausschreibung EU-weit erfolgen müssen – was die Millers nicht wollten.

Firmen aus Österreich

Im Juni 2018 war Baubeginn: Eine heimische Firma übernahm den Unterbau, eine österreichische Fachfirma lieferte das gesamte Dach in Fertigelementen. Die Firma brachte das gesamte Baumaterial mit und stellte zwei Fachleute. Von den Millers kamen weitere Kräfte. Entscheidend ist, dass die Heuhallen hermetisch abgedichtet werden. Deshalb wird jede OSB-Platte luftdicht verklebt.

Bei der Trocknungstechnik entschied sich Familie Miller für das Unternehmen HSR-Trocknungstechnik aus Österreich, das sich schon seit langem mit Heutrocknung beschäftigt und über viel Erfahrung verfügt, von der die Kunden profitieren. Es handelt sich dabei um die Verdampfertechnik. Der Chef Sepp Reindl ist selbst auch Landwirt und hat natürlich eine Heuhalle in Betrieb. Hohe Schlagkraft bei niedrigem Energieverbrauch von bis zu 1,5 ct/kg Heu zeichnet diese patentierte Luftentfeuchtertechnik aus. Das System ist für alle Betriebsgrößen und jede Trocknungsart – ob Rundballen-, Lose-, Kräuter- oder sogar Hopfentrocknung – anwendbar.

Die mit braunem Trapezblech verkleidete Heuhalle hat die Maße von 16 x 42 m. Darin befinden sich vier Heuboxen . Das Innenmaß der größten Box beträgt 15 x 12 m, die nächste ist 13 x 12 m groß und die zwei restlichen Boxen haben 15 x 6 m. Die Höhe beträgt jeweils sechs Meter. Das gesamte Boxenvolumen beläuft sich so auf 3100 m³. Wird überlagert, was möglich ist, so beträgt der Lagerraum 4600 m³. Investiert wurden in die Halle mit Unterbau 390 000 € brutto. Die Technik mit Kran belief sich auf 156 000 €.

HSR stellt im Internet die verschiedenen Systeme – Umluftbetrieb mit Luftentfeuchter und reiner Anheizbetrieb durch einen Ofen – gegenüber.

Verschiedene Systeme

Bei einem Ofen müsse durchgehend Außenluft angesaugt und angewärmt werden. Sehr feuchte Außenluft und 13 Grad Celsius Außenlufttemperatur oder weniger seien oft der Fall. 15 Grad Celsius Anwärmung der Außenluft auf 28 Grad Celsius Trocknungsluft benötige mit einem Ofen 200 kW Heizleistung für eine 90 m² große Heubox (= 10m³/s). Beim Luftentfeuchter spare man sich die ständige Anwärmung (Heizleistung) der Außenluft von beispielsweise 13 Grad auf 28 Grad Celsius. Die Umlufttemperatur von 28 Grad Celsius (oder mehr) werde vom Luftentfeuchter in der Aufheizphase einmalig aufgebaut.
Nur mit einem Luftentfeuchter könne die bereits feuchte und angewärmte Innenluft durch Kondenswasserausscheidung wiederverwendet werden. Die angewärmte Innenluft könne so 20 bis 40 Mal pro Stunde im Kreis geführt werden. Das Kondenswasser werde kalt ausgeschieden und die darin enthaltene Restwärme dem Luftkreislauf wieder zugeführt. Je nach Auslegung des Entfeuchters werde die Umluft um weitere 7 Grad Celsius bis 15 Grad Celsius erhöht. HSR bietet im Internet auch einen „Heublog“ an, in dem sich Nutzer informieren können.

Anfangs Lehrgeld bezahlt

Vom Hersteller wurde Familie Miller ausführlich in die Trocknungstechnik eingewiesen, was aber nicht verhindert hat, dass doch etwas Lehrgeld gezahlt werden musste, wie Junior Kevin Miller zugab: Beim erstmaligen Füllen der Boxen im Jahr 2018 ist der erste Schnitt besonders groß ausgefallen. In der Folge wurde die Anlage mit zu viel Masse befüllt. In der Regel dürfte jede Box nur bis zu einer Höhe von drei Metern aufgefüllt werden. Die zu große Füllung hatte zur Folge, dass die Trocknungsluft, die von unten in die Boxen strömt, nicht mehr voll durch das Material dringen konnte. „Wir mussten das Grüngut von einer Box in die andere verlagern, um es wieder aufzulockern“, erinnert sich Miller. Jetzt weiß man Bescheid: Von großen Schnitten müssen mehrere Chargen gemacht werden, damit die Füllhöhe nicht überschritten wird.

Ganze Familie gefordert

Gab es bei der reinen Heuernte Umstellungen auf die neue Trocknung? „Nein, wir mähen weiter mit unseren normalen Mähwerken“, erklärt Manfred Miller und fügt hinzu: „Aber jetzt für 2021 ist geplant, einen Lohnunternehmer mit Aufbereiter mähen zu lassen, um die Wachsschicht des Grases zu unterbrechen und somit schneller trocknen zu können. Allerdings muss nun die ganze Familie bei der Ernte helfen, da nun kein Lohnunternehmen mehr die Futterbergung übernimmt.“