Waldschutz

Natürliche Waldverjüngung bringt viel

Vereinigung
BBV Augsburg
am Donnerstag, 28.11.2019 - 08:57

Eine Naturverjüngung von Buchen, Weißtannen und Fichten kann ohne Forstschutzzaun glücken, wenn die Jagd auf die Bedürfnisse des Waldes abgestimmt ist.

Pfronten/Lks. Ostallgäu - Da staunten die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften in Schwaben bei ihrer Exkursion zu Verjüngungsflächen im Wald des Rechtlerverbandes Pfronten: Auf ebenen Flächen und selbst auf felsigen Steilhängen üppige Naturverjüngung von Buchen, Weißtannen und Fichten – und weit und breit kein Forstschutzzaun. Wie geht das?

Das geht so: Die Eigenjagdfläche des Rechtlerverbandes mit 3.500 ha wird seit dem Jahr 2007 nicht mehr an Jagdpächter verpachtet, sondern in Eigenregie von jagdrechtlich angestellten Jägern bejagt. Christian Neutzner, 1. Vorstand des Rechtlerverbandes Pfronten, nennt den Charme dieses Systems: Der Rechtlerverband gibt vor, wie, wo, wann und auf was zu jagen ist. Die Jäger setzen die Bejagungskonzepte um. Das ermöglicht, den Wildbestand zu steuern und an den jeweiligen Zustand der Waldverjüngung anzupassen. Dieses dynamische System richtig eingesetzt führe zwangsläufig zu einer natürlichen Waldverjüngung. Seit 2007 werde nicht mehr gepflanzt. 

Eigenjagd macht immer das Rennen

Die Exkursionsteilnehmer rechneten sofort nach: Selbst wenn die Eigenbewirtschaftung gegenüber der Verpachtung der Jagdreviere wegen eines höheren Aufwandes ein Minusgeschäft wäre – der monetäre Wert der Naturverjüngung ist um ein vielfaches höher als ein mögliche Risiko geringerer Überschüsse aus der Jagdnutzung. Die Eigenbewirtschaftung gewinnt mit weitem Abstand immer, wenn die Naturverjüngung mitbewertet wird, so das eindeutige Ergebnis.

Vorstand Neutzner nennt noch eine besondere Aufgabenstellung in der Eigenjagd des Rechtlerverbandes: Die zunehmende Freizeitnutzung, auch zu Unzeiten und quer durch die Natur, beunruhigt das Wild, erschwert die Jagdausübung und zunehmend die Waldarbeiten. 

Alois Hartmann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften in Schwaben, wies bei der Tagung im Vilstal in Pfronten auf ein besonderes Anliegen hin: die vom Landwirtschaftsministerium geforderten Leitlinien für Jagdbezirke in „dauerroten Gebieten“ zu entwickeln. In „dauerroten Gebieten“ wurde seit 2006 die Verbissbelastung als „zu hoch„ oder „deutlich zu hoch“ bewertet. Die Leitlinien sollen unter Leitung der Unteren Jagdbehörde mit dem Jagdbeirat und unter Hinzuziehung eines von den forstlichen Zusammenschlüssen gemeinsam mit der ARGE Jagdgenossenschaften vorgeschlagenen örtlichen Experten aus der Forstwirtschaft bis zum Ende des Jagdjahres 2019/2020v erarbeitet werden. Ziel ist es, die Situation der Waldverjüngung in den betroffenen Hegegemeinschaften zu verbessern. 

Die Jagdgenossenschaft entscheidet

„Die Jagdgenossenschaft hat die Möglichkeit, eine natürliche Waldverjüngung durch einen angepassten Rehwildbestand vorzubereiten.“ Damit stellt Forstamtsrat Martin Epp vom AELF Kaufbeuren als neuer Verbindungsmann zwischen Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften in Schwaben und der Bayerischen Forstverwaltung die Bedeutung der Jagdgenossenschaften in den Mittelpunkt.

Die Jagdgenossenschaft hat durch ihre Entscheidungen Einfluss auf das Landschaftsbild und auf den Lebensraum für Mensch und Tier. Ein artenreicher Wald ist auch gut für das Wild. Viele Zäune im Wald behindern den Lebensraum des Rehwildes, das als ist Fluchttier auch auf Fluchtdistanzen angewiesen ist. Mit Revierbegängen und Weiserflächen ließe sich das Potential der Naturverjüngung aufzeigen. 

Jagd hat einen Nutz-, Schutz- und Regulationscharakter

Etwa 60 Jagdgenossenschaften in Eigenbewirtschaftung gibt es in Schwaben, in Bayern aktuell etwa 301 Jagdgenossenschaften, berichtet Philip Bust vom Referat Bauernwald und Jagd im Generalsekretariat des Bayerischen Bauernverbandes. Der Schalenwildbestand sei heute so hoch wie noch nie, es gebe immer noch Streckenzuwächse. Der hohe Zuwachs bei Rehwild sei auch darauf zurückzuführen, dass Zwillingskitze bald die Regel seien, es gebe auch immer mehr Drillingskitze. Das liege am guten Ernährungszustand der Wildpopulationen.

Die im Waldgesetz vorgeschriebene Regelung Wald vor Wild habe seine Ursache im Waldverjüngungsziel, der Waldpakt der Staatsregierung setze ebenfalls auf den Vorrang des Waldes vor dem Wild. Der Waldbau solle ohne Zaun möglich sein. Bei 47 % der Jagdgenossenschaften in Bayern sei nach der letzten Verbissinventur die Verbissbelastung hoch oder sehr hoch. Seit 2006 sei in 23 % der Hegegemeinschaften der Verbiss durchgehend zu hoch. Für diese „dauerroten“ Hegegemeinschaften hätten die Unteren Jagdbehörden nach Vorgaben der Obersten Jagdbehörde Leitlinien für die Ausübung der Jagd aufzustellen. In „dauerroten Gebieten“ sei die Abschussvorgabe aus der Empfehlung des forstlichen Gutachtens zur Waldverjüngung als Mindestabschuss festzulegen. 

Datenschutzbeauftragter in Jagdgenossenschaften

Ulrich Hins von der Arbeitsgemeinschaft macht nochmals darauf aufmerksam, dass aufgrund der EU-Datenschutzgrundverordnung in den Jagdgenossenschaften Datenschutzbeauftragte zu bestellen sind. Es sei möglich, dass mehrere Jagdgenossenschaften eine Person zum Datenschutzbeauftragten benennen, der Datenschutzbeauftragte müsse nicht Jagdgenosse sein. Zur Entsorgung von Fallwild merkt er an, dass Fallwild vom Grundstückseigentümer zu entsorgen ist, falls der Jagdpächter dafür nicht aufkomme.