Tradition

Der nasseste Alpsommer

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Susanne Lorenz-Munkler
am Mittwoch, 22.09.2021 - 17:51

Die Witterung kann auch für das Vieh gefährlich werden. Die nassen Böden führten in diesem Jahr zu etlichen Unfällen und Verletzungen. Das Wochenblatt traf sich zum Gespräch mit Dr. Michael Honisch, Geschäftsführer des Alpwirtschaftlichen Vereins Allgäu.

Wochenblatt: In wenigen Tagen beginnt der Alpabtrieb, wegen der Pandemie im 2. Jahr ohne Publikum. Sind die Älpler deshalb enttäuscht?

Honisch: Seit jeher wird das Ende des Alpsommers gefeiert. Ein schöner Alpzug in Tracht, mit Schellen, geschmückten Vieh und Kranzrind gehört zur Allgäuer Hirtentradition und ist Ausdruck der Dankbarkeit für einen gesund und erfolgreich überstandenen Alpsommer. Ohne die Aufmerksamkeit des Publikums ist dies in der Tat nur halb so schön. Der Viehscheid ist jedoch weit mehr als nur Bier und Blasmusik im Festzelten für die angereisten Gäste von nah und fern. Schließlich geht es auch um die Wertschätzung, für die geleistete Arbeit, da will man sich nicht verstecken. Die verteilten Termine machen es auch schwer, die Tiertransporte mit Lastwägen zu organisieren.

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Das Ausbleiben der offiziellen Viehscheide, sehr zum Schaden der Touristikbranche, hat aber vielleicht auch etwas Gutes. Es fehlt etwas in der Region. Und man spürt, was alles mit der Alpwirtschaft zusammenhängt. Im Übrigen hat der Ausschluss des Publikums auch einen erheblichen Vorteil in Bezug auf Verkehrssicherheit und Haftungsproblematik. Umstehende Menschenmassen können das Verladen der Tiere zum Teil erheblich behindern und führen zu Gefahrenmomenten. Insbesondere auch die Tierbesitzer wissen den ruhigen Ablauf des Scheids ohne Menschenmassen sehr zu schätzen.

Wochenblatt: Der Sommer 2021 war durchgehend nass und kühl: Wie hat sich das auf die Alpwirtschaft ausgewirkt?

Honisch: In diesem Jahr setzte der Alpsommer aufgrund der späten Schneeschmelze später ein als sonst. Kälte und Niederschläge Mitte Mai sorgten für Schneefall bis auf 1000 m. Der Alpsommer war auch im weiteren Verlauf recht kühl – und vor allem sehr nass. Der Futteraufwuchs war insgesamt zufriedenstellend, aber die kalte Witterung, auch später wieder im August, hätte es nicht gebraucht, hier kam das Graswachstum deutlich ins Stocken. Ende August gab es den ersten Schnee auf 2000 m. Der blieb aber nicht liegen. Sicherlich war es der nasseste Alpsommer in den letzten zehn Jahren. Für das Vieh und die Hirten eine Herausforderung. Die warme Witterung der letzten zwei Wochen hat jedoch wieder sehr gut getan. Die Tiere sind jetzt wesentlich ruhiger und genießen wieder die Sonne. Vorteil der nasskalten Witterung: es gab allgemein weniger Ungeziefer.

Wochenblatt: Hat das nasse Wetter die Arbeit der Beschläger erschwert und den Alpweiden geschadet?

Honisch: Gerade im Monat August, wenn dann das Vieh in den höchsten Steillagen weidet, regnete es wahnsinnig viel. Die Koppeln mussten oft gewechselt werden, da die Weiden so nass waren. Insbesondere auf Böden im Flyschgebiet und auf lehmig-mergeligen Standorten kam es zu Trittschäden. Hiervon profitieren auch zahlreiche Unkräuter, die in der Folge bekämpft werden müssen.

Wochenblatt: Führten nasse Böden zu mehr Knochenbrüchen, Abstürzen oder sonstigen Unfällen?

Honisch: Ich habe noch keinen kompletten Überblick, aber es sind schon etliche Rinder verletzt oder verunglückt. Tatsächlich kann insbesondere bei knapper Futtersituation das Unfallrisiko steigen. Man denke nur an die steilen Hänge bei Oberstdorf oder Bad Hindelang und wie gefährlich es bei Nässe dort fürs Vieh werden kann.

Wochenblatt: Gab es Verletzungen wegen der vielen Gewitter mit Blitzeinschlägen?

Honisch: Vereinzelt ja, aber keine größeren Verluste ganzer Gruppen.

Wochenblatt: Wie sah es in diesem Jahr mit Krankheiten aus?

Honisch: Die nasse Witterung ist problematisch in Bezug auf Klauenerkrankungen. Die Folge sind vor allem Panaritium (der Wilder), eine entzündliche Klauenkrankheit, die behandelt werden muss. Dauerhaft nasse Stellen auf der Viehweide begünstigen auch die Infektion mit Leberegel. Vereinzelt traten, bedingt durch die Kälte, Lungenentzündungen auf. Augenentzündungen werden durch Insekten verursacht, da gab es dieses Jahr weniger Probleme.

Wochenblatt: Viele Alp-Wege wurden aufgrund der Starkregenereignisse total zerstört. Wer kommt für die Schäden auf?

Honisch: Viele Alpwege wurden in der Tat sehr in Mitleidenschaft gezogen durch Erosion, Ausspülungen, Setzungen oder Überschüttung mit Erd-und Geröllmaterial. Neubau und Sanierung von Alpwegen können über das Bergbauernprogramm gefördert werden, kleinere Ausbesserungen jedoch nicht. Der Fördersatz beträgt 50 % auf die Nettokosten, ist jedoch gedeckelt. Aufgrund der schwierigen geologischen Situation und der hohen Niederschläge wurde dem Alpwegebau im Allgäu schon immer eine höhere Aufmerksamkeit gewidmet. Viele Wege sind daher mit einer Spritzdecke versehen oder geteert, wodurch witterungsbedingte Schäden minimiert werden können. Wir rechnen mit zunehmenden Starkregen, bedingt durch den Klimawandel, daher dürfen wir den Alpwegebau nicht vernachlässigen.

Wochenblatt: Der Wolf war in diesem Sommer kein Thema mehr. Herrscht also Ruhe nach dem Sturm?

Honisch: In der Tat war es in diesen Sommer überraschend ruhig. Angrenzende Länder im Alpenraum hatten da weniger Glück, denn das Wachstum der Wolfsbestände hält unvermindert exponentiell an. Jüngst hat das die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes ihre Statistik über vom Wolf verursachte Schäden aktualisiert. Demnach wächst die Anzahl der Risse in Deutschland exponentiell. Derzeit gibt es in Deutschland 2019/20: 175 Wolfsterritorien mit 128 Rudeln (vier davon in Bayern), es kam zu über 4000 Nutztierrissen.