Gesundheit

Nahrungsergänzungsmittel sind im Trend

Nahrungsergänzungsmittel in einem Discounter
Anja Kersten
am Mittwoch, 09.06.2021 - 08:10

Nahrungsergänzungsmittel sind stark im Kommen. Aber brauchen wir sie überhaupt?

Sie sollen die Knochen stark machen, vor Erkältungen schützen, uns gesünder und fitter machen – für Nahrungsergänzungsmittel geben die Deutschen viel Geld aus. Vor allem ältere Menschen versprechen sich von diesen Mitteln ewige Jugend und Vitalität bis ins hohe Alter.

Die Industrie befeuert mit dem Argument der „ausgelaugten, nährstoffarmen Böden“ dieses Geschäft und lässt viele Menschen glauben, sie wären nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Ob und wann es Sinn macht, Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen und worauf es bei einer ausgewogenen Ernährung ankommt, darüber informierte Bettina Dörr, Diplom-Ökotrophologin, bei einer Online-Veranstaltung des AELF Kaufbeuren im Rahmen von Netzwerk Generation 55plus.

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Im Alter verändert sich der Körper. Die Fettmasse nimmt zu, die Muskel- und Knochenmasse nimmt ab. Weil der Muskel Energie verbraucht, verbrauchen wir auch weniger Kalorien. Und wenn man sich dann noch weniger bewegt, sinkt der Kalorienbedarf nochmals. Der Nährstoffbedarf aber bleibt gleich. „Die gleiche Nährstoffmenge muss also in weniger Menge stecken“, erklärte die Ökotrophologin. Damit müssen Lebensmittel ausgewählt werden, die nährstoffreich sind.

Da ist es natürlich verlockend anstatt dessen ein paar Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen, auch um bezüglich der Nährstoffversorgung auf der sicheren Seite zu sein. Von den 65- bis 80-Jährigen nehmen 45 % der Frauen und 30 % der Männer Präparate ein, zeigte Bettina Dörr eine Statistik, wobei Calcium, Magnesium, Vitamin C und Vitamin E am beliebtesten sind.

Kein Zulassungsverfahren erforderlich

Oft werden Nahrungsergänzungsmittel, wie Arzneimittel, in Form von Pillen, Kapseln, Pulver, Tabletten angeboten. Sie sind aber keine Arzneimittel, sondern gehören zu Lebensmitteln, betonte Dörr und erklärte den Unterschied. Nahrungsergänzungsmittel unterliegen dem Lebensmittelrecht und brauchen kein Zulassungsverfahren.

Bevor ein Arzneimittel in den Verkehr gebracht wird, muss es ein behördliches Zulassungsverfahren durchlaufen. Bei diesem muss die Wirksamkeit, die Qualität und die Unbedenklichkeit nachgewiesen werden. Bei Nahrungsergänzungsmitteln gibt es dieses Zulassungsverfahren nicht. Für die Sicherheit und die gesundheitliche Unbedenklich ist der Hersteller verantwortlich.

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Nahrungsergänzungsmittel dienen ausschließlich dazu, dem Körper zusätzliche Nährstoffe zuzuführen. Sie haben lediglich ernährungsspezifische beziehungsweise physiologische Wirkungen, aber keine arzneiliche/therapeutische Wirkung. Daher dürfen sie auch nicht den Eindruck erwecken, sie wären zur Therapie oder Vorbeugung von Krankheiten geeignet. Aussagen zu Krankheitsbeseitigung, Krankheitslinderung oder Krankheitsverhinderung sind verboten.

Was aber unter anderem auf der Verpackung von Nahrungsergänzungsmittel auf jeden Fall stehen muss, ist die Bezeichnung „Nahrungsergänzungsmittel“ und der Name der enthaltenen Stoffe, wie Omega-3-Fettsäuren oder Vitamin C. Darüber hinaus muss die empfohlene Verzehrmenge aufgeführt werden (z. B. 1 Kapsel pro Tag).

In Anbetracht der riesigen Auswahl an Pulvern, Kapseln und Tabletten mit Vitaminen, Mineralstoffen, Fettsäuren könnte man meinen, Deutschland sei ein „Vitaminmangelland“, so Bettina Dörr. Das aber sei nicht der Fall. „Die Nährstoffversorgung ist größtenteils gut.“ Auch der Verweis auf „ausgelaugte Böden, die einen geringeren Nährstoffgehalt“ verursachen würden, sei laut Untersuchungen nicht haltbar. Eine ausgewogene Ernährung und der regelmäßige Aufenthalt im Freien würden den Menschen mit ausreichend Nährstoffen versorgen. Für gesunde Menschen seien deshalb Nahrungsergänzungsmittel überflüssig.

Es gibt allerdings Ausnahmen für bestimmte Gruppen, bei denen man aus Studien weiß, dass sie nicht so gut mit bestimmten Nährstoffen versorgt sind. Das sei Vitamin D bei Menschen, die sich selten im Freien aufhalten, Calcium bei älteren Menschen, B-Vitamine und Vitamin C bei Pflegeheimbewohnern, Folat in fast allen Bevölkerungsgruppen und Jod, wenn kein Jodsalz verwendet wird.

Die Ursachen für den Nährstoffmangel können vielfältig sein, wie eine einseitige Lebensmittelauswahl, zum Beispiel bei Veganern, eine zu geringe Nahrungsmenge, Probleme des Verdauungstraktes, chronischer Alkohol- und Zigarettenkonsum oder ein erhöhter Bedarf, wie in der Schwangerschaft und Stillzeit, und bei Erkrankungen, erklärte Dörr.

Für verschiedene Gruppen empfohlen

Nahrungsergänzungsmittel werden deshalb auch verschiedenen Gruppen empfohlen. Neugeborene bekommen Vitamin K, Säuglinge Vitamin D und Fluorid. Frauen mit Kinderwunsch wird Folsäure empfohlen, Schwangeren und Stillenden Jod, gegebenenfalls Eisen, Menschen, die selten im Freien sind Vitamin D und der Gesamtbevölkerung die Verwendung von jodiertem und fluoridiertem Speisesalz und damit hergestellten Lebensmitteln, zählte die Ökotrophologin auf.

Weil aber, anders als bei der Ernährung, bei Nahrungsergänzungsmittel die Gefahr einer Überdosierung mit negativen Folgen und eine mögliche Wechselwirkung mit anderen Medikamenten durchaus gegeben sein könnten, hätten Nahrungsergänzungsmittel eher Risiken als Nutzen. Die Präparate sollten auf jeden Fall nur nach ärztlicher Rücksprache genommen werden. Eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn- und Milchprodukten, Fisch, mäßig Fleisch, täglich 1,5 l energiearme Getränke und Bewegung bleibe die beste Maßnahme für die eigene Gesundheit.