Verständigung

Müssen weltweit konkurrieren

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LM
am Mittwoch, 15.04.2020 - 08:40

Lebhafte Diskussion am AELF Kempten zwischen Studierenden der Landwirtschaftsschule und Gymnasiasten des Hildgardisgymnasiums.

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Kempten - Zum zweiten Mal trafen sich Studierende des 3. Semesters der Landwirtschaftsschule Kempten mit Zehntklässlern des wirtschaftswissenschaftlichen Zweigs des Hildegardisgymnasiums, um über aktuelle Themen aus der Landwirtschaft zu diskutieren.

Und wie im Vorjahr schlugen sich die jungen Männer mit Bravour, zeigten gute rhetorische Fähigkeiten und enorme Schlagfertigkeit. Ferdinand Brams und Alexander Schön übernahmen die Moderation und zeigten mit 17 anderen Klassenkameraden, dass sie rhetorisch jeder Diskussion gewachsen sind. Mit mehreren Impulsvorträgen stellten sie den Alltag eines Allgäuer Landwirtes vor und stellten sich den Fragen der Gymnasiasten.

Zuerst waren die jungen Landwirte dran

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Doch zunächst fragten die jungen Landwirte die Gymnasiallehrer, welchen Stellenwert das Thema auf den Lehrplänen des Gymnasiums hat. Grundsätzlich werde das Thema im Lehrplan eher oberflächlich behandelt, bedauerte Geografie-Lehrerin Maren Brandenburg. In der 5. Klasse besuchten die Schüler einen Bauernhof, in der 7. Klasse stehe europäische Landwirtschaft auf dem Lehrplan. Speziell der Heimatraum werde aber nicht so intensiv behandelt. Im Vorfeld dieser Diskussion allerdings habe man sich natürlich mit der Landwirtschaft im Allgäu beschäftigt.

Die Impulsvorträge der Studierenden beschäftigten sich mit der Milchviehhaltung im Allgäu gestern und heute. Alexander Schön erläuterte zudem die Ausbildung an der Landwirtschaftsschule, unterstützt von den künftigen Hofnachfolgern aus acht biologisch und neun konventionell wirtschaftenden Betrieben.

Michael Frehner aus Benningen und Michael Lechleiter aus Oy-Mittelberg stellten ihren Betrieb detailliert vor und auch den Alltag eines Bauern im Verlauf der Jahreszeiten. Sie gaben Einblick in einen konventionellen Betrieb mit 50 Kühen im Laufstall mit Ackerbau und einem Bio-Heumilchbetrieb mit zwei Ferienwohnungen.

Markus Lang und Maximilian Keck erklärten die Diskrepanz von Landidyll und Wirtschaftsbetrieb: Keck anhand eines Biobetriebs mit 40 Milchkühen und 30 ha Grünland, Lang anhand eines Milchviehbetriebs mit 70 Kühen und 10 ha Ackerbau.

Bevölkerungszahl nimmt zu

„1950 ernährten wir 2,53 Milliarden Menschen und heute 7,771 Milliarden“, erklärte Keck. Landwirtschaft müsse deshalb immer effizienter werden, um die Lebensmittelsicherheit auf der Welt zu gewährleisten. Dabei würde die Anzahl der Betriebe immer weniger, bei steigender Fläche.

Keck: „2009 hat uns dabei die Erzeugung eines Liters Milch 38,9 Cent gekostet. Der Auszahlungspreis lag bei 25,8 Cent. Mit dem Erlös wurden also gerade mal 67 Prozent der Kosten gedeckt.“ Das gelte bis heute. Die Erzeugungskosten seien gestiegen auf 44,28 ct, die Auszahlung liege bei 33,9 ct. So seien jetzt 77 % der Erzeugungskosten gedeckt.

Viele Betriebe versuchten aus der Falle herauszukommen durch Spezialisierung etwa durch Heumilchproduktion, Urlaub auf dem Bauernhof, Direktvermarktung oder landschaftspflegerische Leistungen. „Oder wir müssen eben billig produzieren. Wachstum senkt die Produktionskosten, wie es der Einzelhandel erfordert“ betonte Markus Lang.

Hohe Produktionskosten

In der Diskussion fragte ein Schüler, ob die Bauern noch mehr staatliche Zuschüsse bräuchten. „Wenn wir vernünftige Preise bekommen würden, dann bräuchten wir gar keine Unterstützung. Aber dann dürften die Verbraucher auch kein billiges argentinisches Rindfleisch mehr kaufen. Wir müssen mit der ganzen Welt konkurrieren, aber das können wir nicht, weil wir in Deutschland die höchsten Standards und Produktionskosten haben“, so Markus Lang.

Ob es schwer sei, die staatlichen Vorschriften einzuhalten, wollte ein anderer Gymnasiast wissen. Dazu Maximilian Keck: „Wenn ich planen kann, wie die Vorschriften sind, dann kann ich mich drauf einstellen. Meist sind aber größere Investitionen notwendig. Das Problem ist: Keiner weiß was die EU-Vorschriften bringen, selbst die Bundesregierung nicht. Wir haben wenig Planungssicherheit.“

Kemptens 3. Bürgermeister, Josef Mayr, der als Ehrengast geladen war, fragte: „Eine Allianz zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern ist notwendig. Was habt ihr diesbezüglich vor?“ Alexander Schön betonte: „Wir machen schon viel: Kindergarten auf dem Bauernhof, Pressearbeit, Diskussionen wie heute.“

Massentierhaltung und Umweltschutz

Ein Schüler wollte wissen, wie problematisch die Konkurrenz mit extremen Großbauern mit Massentierhaltung für die Allgäuer Bauern sei. Lang erwiderte: „Wenn ich hundert Tiere halte und diesen geht es gut, dann ist das für mich keine Massentierhaltung im negativen Sinn.“

Auch Alexander Schön meinte. „Man muss das differenziert sehen. Es gibt überall die schwarzen Schafe.“

Nicht so einfach hatten es die Landwirte mit der Frage, ob Landwirtschaft per se schlecht für die Umwelt sei. Schön erklärte: „Man muss immer wissen, dass wir eine CO2-bindende Produktion betreiben, auch wenn Gülle Ammoniak-Emissionen zur Folge hat. Wir binden dafür CO2 aus der Luft, indem wir Weizen, Gerste anbauen oder Grünland und Wälder pflegen.“

Und Maximilian Keck ergänzte: „Was würde passieren, wenn man die Landschaft nicht mehr pflegt. Biodiversität würde ohne Landwirtschaft nicht gehen. Alle Kreaturen, die das Licht brauchen, würden sterben.“

Selbstdarstellung in den Medien

„Betreibt Ihr Kommunikation in den sozialen Medien, um die jungen Leute zu erreichen?“, wollte ein anderer Schüler wissen. Ferdinand Brams antwortete: „In der Schule lernen wir die Grundsätze guten Marketings. Viele von uns sind auch in den sozialen Medien sehr aktiv.“ Eine andere Frage lautete „Was macht ihr für Vogel- und Insektenschutz?“. Da konnten die Landwirtschaftsschüler Einiges vorweisen. Z. B. das Projekt „Wir wirtschaften bienenfreundlich“, Blühflächen, Sammeln und Aussäen von autochthonen Saatmischungen.

Wie gefiel den Lehrern die Diskussion? Josefine Gutte, Lehrkraft Rhetorik am AELF Kempten: „Angesichts der wenigen Stunden Rhetorik und Moderation waren unsere Jungs überragend gut. Gabi Pfefferle Mitglied der Direktion des Hildegardisgymnasiums: „Unsere Schüler waren leider etwas zurückhaltend. Die Landwirtschaftsschüler aber waren sehr souverän, authentisch und überzeugend.