Personalie

Der Milchwirtschaft bleibt er weiter verbunden

Dr. Valentin Sauerer
Anja Worschech
am Donnerstag, 15.04.2021 - 18:40

Dr. Valentin Sauerer, Leiter des Lehr-, Versuchs- und Fachzentrums für Molkereiwirtschaft in Kempten, geht in Ruhestand. Welche Meilensteine es gabund wie er über die Zukunft der Milchwirtschaft denkt.

Im Büro von Dr. Valentin Sauerer steht eine große, blaue Regentonne neben der Tür. Nicht etwa weil es im Gebäude des Lehr-, Versuchs- und Fachzentrums für Molkereiwirtschaft (LVFZ) in Kempten reinregnet, sondern weil im Laufe der Jahre viel Unterrichtsmaterial zusammengekommen ist, das der 65-jährige nun kurz vor seinem Ruhestand aussortiert. Am 1. April übernimmt hat der 50-jährige Dr. Tobias Langer, ebenfalls promovierter Agrarwissenschaftler, dessen Nachfolge angetreten.

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Das LVFZ Kempten ist Teil der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, und Aus-, Fort- und Weiterbildungsstandort für die Molkereiwirtschaft in Bayern. Hier findet die überbetriebliche Ausbildung für die Auszubildenden im Ausbildungsberuf Milchtechnologe und Milchtechnologin aus ganz Bayern statt. Und die angeschlossene Staatliche Fach- und die Staatliche Technikerschule für Agrarwirtschaft – Fachrichtung Milchwirtschaft und Molkereiweisen führen zum Molkereimeister bzw. zum Molkereitechniker. Das LVFZ arbeitet dabei auch sehr eng mit der Berufsschule Kempten zusammen.

Dr. Valentin Sauerer ist der Einrichtung - abgesehen von einer zweijährigen Unterbrechung - bereits seit 1992 als Lehrer verbunden. Seit fast zehn Jahren hat Valentin Sauerer die Geschicke der „Molkereischule“ Kempten mit ihren 45 Mitarbeitern und jährlich gut 400 Auszubildenden und Schülern gelenkt und geleitet.

Die Landwirtschaft übte schon immer eine gewisse Faszination auf den gebürtigen Oberpfälzer aus, der auf dem Land groß geworden ist. Vor allem begeisterten ihn die Technik und die Technologien, die zum Einsatz kommen, um aus dem Rohstoff Milch Produkte wie Käse herzustellen. Bei seinem agrarwissenschaftlichen Studium an der Technischen Universität München-Weihenstephan gefielen ihm ebenso wie später an der Molkereischule in Kempten die Vielfalt aus Technologie, Betriebswirtschaft, Chemie, Physik sowie Mikrobiologie. Besonders bei Letzterem freute er sich über die Reaktionen der Studierenden, wenn ihnen bewusst wurde, wie bedeutend die Mikroorganismen für die Säuerungs- und Reifungsvorgänge bei Käse sind.

Sauerer stand er immer gern vor seinen Schülern und gab sein Wissen weiter. Normalerweise in den Klassenzimmern und im Labor, zuletzt auch vor der Kamera für den Online-Unterricht. Besonders gefreut hat ihn der Kommentar eines Studierenden in einem der jährlichen Evaluationsbögen: „Sie gehen mit den Studierenden auf Augenhöhe um.“ Seinem Gegenüber mit Respekt zu begegnen und ihn unabhängig von seinem Altern ernst zu nehmen, gehört zu Sauerers sehr geschätzten Prinzipien.

Obwohl seine Liebe dem Bergkäse und dem Emmentaler gilt, kann sich Sauerer noch gut an ein besonderes Käseprojekt erinnern. Zusammen mit Studierenden der Technikerschule widmete er sich 2015 intensiv dem Weißlacker. Denn der halbfeste Schnittkäse, der so typisch für das Allgäu ist, sei sehr arbeits- und pflegeintensiv und nicht unbedingt einfach in der Produktion. „Das Wissen über seine Herstellung darf nicht verloren gehen“, war Sauerers Ansatz. Und so stellte das LVFZ Kempten in einem Schülerprojekt den scharf-würzigen Allgäuer Käse selbst her. Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen, so sein Urteil.

Viele Herausforderungen gemeistert

In seiner Laufbahn als Leiter des LVFZ Kempten begegneten Dr. Valentin Sauerer auch einige Herausforderungen - menschlich wie fachlich. Die Balance zu finden zwischen „dickes Fell haben“ und Empathie zeigen, sei die große Kunst. „Ich habe als Chef gelernt, nicht in allen Situationen sofort eine Antwort zu geben, sondern auch mal erst eine Nacht darüber zu schlafen.“

Gleich ein Jahr nach seinem kommissarischen Amtsantritt 2011 weihte er den Erweiterungsbau, das Technikum, ein und sagte, dass damit die Molkereischule platztechnisch für die Zukunft gut aufgestellt sei. „Diese Aussage war doch etwas voreilig“, sagt Sauerer. Denn nur wenige Jahre später stieß die Einrichtung erneut an ihre Kapazitätsgrenzen.

Beruf des Milchtechnologen ist gefragt

Der Beruf des Milchtechnologen ist nach wie vor gefragt. In den vergangenen Jahren gab es im Ausbildungsberuf des Milchtechnologen mit teilweise über 130 Ausbildungsverträgen pro Jahr einen wahren Ansturm. Das seien die höchsten Zahlen seit den 90er Jahren gewesen und etwa ein Drittel mehr als in den vorherigen Jahren, so Sauerer. Damit kam das LVFZ Kempten mit seinen Unterrichtsräumen wie auch mit den Unterbringungsmöglichkeiten der Schüler im Internat schnell wieder an seine Grenzen. Ein Erweiterungsbau des Wohnheims durch den Sachaufwandsträger Milchwirtschaftlicher Verein Bayern war die Lösung, ebenso wie eine zusätzliche Stelle für die die überbetriebliche Ausbildung, die das Landwirtschaftsministerium bewilligte.

Herausfordernd war auch die Umstellung der Finanzierungsstruktur. Die Mittel aus dem Sondervermögen der Milch- und Fettwirtschaft in Bayern durften nur für die Ausbildung verwendet werden, nicht aber für die Fortbildung. Das bedeutete für die Molkereischule eine neuartige Situation. Doch das Landwirtschaftsministerium sprang ein und finanziert seit 2017 den Sachhaushalt für Fach- und Technikerschule. Sauerer initiierte ein neues Kostenrechnungssystem, um den Haushalt wirtschaftlich zu verwalten und den Überblick über sämtliche Ein- und Ausgaben zu behalten.

Auch Corona ist heraufordernd und spürbar. Die Pandemie ist schuld, dass es ruhig ist auf den Gängen der Molkereischule. Fast alle Auszubildenden und Studierenden sind zuhause. Der Unterricht fällt aber keineswegs aus. Das Lehrpersonal hat auf Online-Unterricht umgestellt und kurzerhand Videos gedreht, um den Lernenden die Milchtechnologie auf digitalem Wege näherzubringen und sie auf die Zwischen- und Abschlussprüfung vorzubereiten. „Die Prüfungsergebnisse sind erfreulich gut ausgefallen“, freut sich Sauerer. Dabei lobt er auch die hohe Motivation seines Teams, das schnell auf die digitalen Medien umgestiegen ist. Zudem wurden die Kurse, die anfangs aufgrund der Pandemie ausfallen mussten, einfach auf die Urlaubszeit verschoben. Auch das Zusammenwirken mit der Berufsschule Kempten sei einzigartig und trotz manch unterschiedlicher Auffassungen immer vertrauensvoll gewesen, sagt Sauerer.
Wie es mit der Milchwirtschaft weitergeht, ist die große Frage der Zukunft. Milch-Alternativen wie Hafer-, Dinkel- und Sojamilch drängen auf den Markt. „Wir betrachten diese Entwicklung vorsichtig“, sagt Sauerer. Doch er wisse nicht, ob „wir uns daran nicht mal orientieren müssen“. Mit dieser Frage wird sich wohl auch sein Nachfolger Dr. Tobias Langer beschäftigen müssen. Offen bleiben für neue Entwicklungen und für seine Mitmenschen, gibt Sauerer seinen Schülern wie auch seinem Nachfolger mit auf den Weg.

Viele Aufgaben warten noch

Mit der Milchwirtschaft wird Sauerer trotz seines Ruhestands verbunden bleiben. Wo genau er sich engagieren wird, verrät er noch nicht. „Es warten noch viele Aufgaben und ich habe ja auch noch einige Funktionen, die nicht mit meinem Ruhestand erlöschen.“ Außerdem arbeitet er an einem Buchprojekt mit. Jetzt freut er sich aber erstmal darauf, in seiner Freizeit das Allgäu auf dem Rad zu erkunden und sich in Ehrenämtern zu engagieren. Bei der Brotzeit darf dann natürlich der Bergkäse nicht fehlen.