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Milcherzeuger

Milchmarkt: Viel wurde getan, manches erreicht

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Michael Ammich
am Montag, 06.04.2020 - 11:59

BBV-Präsident Walter Heidl bei der Jahresversammlung der MEG Augsburg-West.

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Biburg/Lks. Augsburg Was tun, wenn sich die Medien, die Politik und der Mainstream gegen die konventionelle Landwirtschaft und Tierhaltung richten? Was tun, wenn der Lebensmitteleinzelhandel immer höhere Anfordungen an sie stellt? Und was tun, wenn der Gesetzgeber die Produktion mit immer strengeren Auflagen verknüpft? Sehenden Auges in den Strukturbruch und einen sich abzeichnenden verschärften Strukturwandel zu laufen, kommt für den Bauernverband nicht infrage, stellte BBV-Präsident Walter Heidl auf der Jahresversammlung der MEG Augsburg-West in Biburg klar. „Die Bauern können den Bauernverband schimpfen, dass er zu wenig erreicht hat, aber nicht, dass er zu wenig getan hat.“

Molkereien und Handel machen Druck

Zur Eröffnung der Versammlung berichtete auch MEG-Vorsitzender Reinhold Mayer, dass es immer schwieriger werde, sich gegen die Forderungen der Molkereien und des Handels durchzusetzen, die wenig Rücksicht auf die einzelbetrieblichen Zwänge nehmen. Zuweilen fehle es aber auch an der Solidarität der Milchbauern und ihrer Erzeugergemeinschaften untereinander, um ihren Abnehmern wirksam Grenzen aufzuzeigen.

Dieses Problem hatte auch Walter Heidl im Blick, als er sich auf die Verträge der Molkerei Zott bezog, in denen zwischen Laufstall- und Anbindehaltung differenziert wird. Die Hälfte der 30 000 bayerischen Milchviehbetriebe hält ihre Kühe in Anbindehaltung, das sind 30 % aller Milchkühe. Diese 30 % liefern wiederum ein Viertel der im Freistaat produzierten Milch. Bei den Anbindebetrieben handelt es sich folglich eher um kleinere und weniger intensiv wirtschaftende Höfe, stellte Heidl fest. „Das sind also genau jene Betriebe, die sich die Gesellschaft wünscht.“ Eine Befristung der Anbindehaltung, wie sie von einem Teil der Grünen gefordert wird, lehnt der BBV-Präsident kategorisch ab. „Wir müssen einen Weg finden, der auch den Anbindehaltern eine Zukunft gibt.“ Für die Gestaltung der Übergangsphase biete sich ein Kombimodell mit Anbindehaltung, Weide oder Freilauf an. In diesem Punkt säßen die Molkereien jetzt mit im Boot.
Bayern biete, so Heidl, beste Standortvoraussetzungen für die Milchwirtschaft. Es wäre daher ein großer Fehler, sie zurückzudrängen. Wie sollten etwa die eine Million Hektar bayerisches Grünland verwertet werden, wenn es keine Kühe mehr gibt? Zudem sei die bayerische Milchwirtschaft im Hochpreissektor unterwegs, der Tourismus als bedeutender Wirtschaftsfaktor profitiere von der vielfältigen Kulturlandschaft, die zu einem großen Teil von der Rinderhaltung geprägt wird. Diese werde wiederum von bäuerlichen Familienbetrieben bestimmt.

Kein großer Run auf Milchalternativen

Das Interesse der Verbraucher an Alternativprodukten zur Milch halte sich in engen Grenzen, sagte Heidl. „Die Verbraucher werden weiterhin unsere Qualitätsprodukte kaufen.“ Das gelte es aktiv zu nutzen. Hier erinnerte Heidl an den Verein „Unsere bayerischen Bauern“, der mit großem Einsatz die hochwertigen Erzeugnisse und das nachhaltige Wirtschaften der Betriebe bewirbt. Der Verein verfüge über einen Haushalt von jährlich 1,8 Mio. €, der überwiegend von der Landwirtschaft selbst finanziert wird. Diese Mittel seien gut eingesetzt, der Verein erkläre der breiten Bevölkerung die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern auf realistischer Basis und ohne „Bilderbuch-Philosophie“. Er bilde damit ein Gegengewicht zu den NGO´s, die den Verbrauchern vor allem das erzählten, was gut für ihre Spendenkonten ist.

Die große Mehrheit der Bevölkerung stehe hinter ihren Bäuerinnen und Bauern und habe keineswegs nur die Skandalbilder im Kopf, betonte Heidl. Von daher lohne es sich für den Bauernverband auf jeden Fall, sich aktiv zu positionieren und die Auseinandersetzung anzunehmen. „Wir dürfen nicht zulassen, dass politische Entscheidungen auf der Basis des Zeitgeists getroffen werden“, erkannte der BBV-Präsident. Schon allein mit Blick auf die Topografie Bayerns werde es dort niemals eine groß strukturierte Landwirtschaft wie beispielsweise in Ostdeutschland geben können.
Bayern sei, so Heidl, bundesweit ein „Leuchtturm“, wenn es um die Ausstattung der zweiten Säule und damit die Honorierung von Zusatzleistungen durch die Landwirte geht. Von der EU wiederum wünscht sich Heidl einen Ausbau der besonderen Förderung der ersten Hektare. Diese komme nämlich vor allem den kleineren Betrieben zugute und stärke damit auch die Akzeptanz der Direktzahlungen insgesamt. Weiter forderte Heidl die Intensivierung der branchenübergreifenden Kommunikation zwischen Milcherzeugern, Molkereien und Handel.

Düngeverordnung ist große Baustelle

Ein große Baustelle in der Arbeit des Bauernverbands bleibt die neue Düngeverordnung. Für den Präsidenten ist die seit Jahren laufende Diskussion über die Frage, ob und inwieweit die Messstellen repräsentative Ergebnisse liefern, nicht nachvollziehbar. Wenn schon die Grundlage für die Messungen nicht passt, wie soll dann die Düngeverordnung, die auf ihnen aufbaut, stimmig sein, fragt sich nicht nur Heidl.

Für hohe Nitratwerte im Grundwasser und in Gewässern kämen auch andere Verursacher als die Landwirtschaft in Betracht. Wo es jedoch tatsächlich belastbare Daten gibt, die auf die Landwirtschaft als Verursacher hinweisen, dort müsse diese auch etwas tun. Insbesondere die geltenden Sperrfristen für die Gülleausbringung wirken Heidl zufolge kontraproduktiv, da sie aus pflanzenbaulicher Sicht nicht immer bedarfsgerecht sind. Das betreffe insbesondere das erschwerte Düngen von Zwischenfruchtbeständen.
Weiter störte sich der BBV-Präsident an den verschärften Vorschriften zur Kapazität der Güllelager. Die notwendige Investition in weiteren Lagerraum werde manche Betriebe dazu bringen, aus der Viehhaltung auszusteigen oder den Betrieb gleich ganz aufzugeben. Das betreffe dann wiederum gerade die kleineren, von der Gesellschaft gewünschten Betriebe. Heidl hielt den Politikern vor, bei der erneuten Verschärfung der Düngeverordnung gar nicht erst abgewartet zu haben, wie sich die Verordnung von 2017 überhaupt auswirkt. Immerhin seien in diesen drei Jahren in Deutschland die Tierbestände und der Einsatz von Mineraldünger spürbar zurückgegangen. Zudem ließen sich nicht alle Regionen über einen Kamm scheren. So gebe es bayernweit in Schwaben die besten Trinkwasserqualitäten, obwohl dort die größte Viehdichte besteht. In Franken wiederum seien die Viehdichte, aber auch die Trinkwasserqualität insgesamt am geringsten.

Zweifel an Umsetzbarkeit des Volksbegehrens

Starke Zweifel hat Heidl an der Umsetzbarkeit der Zielvorgabe des Volksbegehrens zur Artenvielfalt von 30 % Biobetrieben in Bayern. Wo sollen diese 30 % herkommen? Bereits jetzt gebe bei den Molkereien Wartelisten für Milchviehbetriebe, die auf den ökologischen Landbau umstellen wollen. Im Übrigen würden die Biobetriebe wohl mit demselben Preisdruck wie die konventionellen Betriebe zu kämpfen haben, wenn zuviel Bioware auf dem Markt ist.

Weiter kritisierte Heidl das Mercosur-Freihandelsabkommen. An den Orten in Südamerika, von denen die importierten Produkte stammen, seien die europäischen und deutschen Standards häufig nicht gewährleistet. Das betreffe beispielsweise eine Vielzahl von Pflanzenschutzwirkstoffen, die in der EU keine Chance auf eine Zulassung hätten. „Beim Mercosur-Abkommen muss nachverhandelt werden“, forderte Heidl.
Der BBV-Präsident erkenne an, dass das Netzwerk „Land schafft Verbindung“ mit seinen Schlepper-Demonstrationen eine große öffentliche Aufmerksam erregt und die Politik aufgeweckt habe. Das Netzwerk ergänze hervorragend die Arbeit des Bauernverbands. Seine Erfolge dürften aber keinesfalls dazu führen, dass ein Keil zwischen das Netzwerk und den Berufsverband und damit in den Bauernstand insgesamt getrieben wird.

Wird es in Zukunft überhaupt noch Viehhaltung geben?

In der Diskussion stellte sich die Frage, ob es in zehn Jahren überhaupt noch möglich sein wird, in Deutschland Viehhaltung zu betreiben. Kritisiert wurde hier auch das restriktive Verhalten der Amtstierärzte mit Blick auf Langstreckentransporte. In diesem Punkt seien die Bestimmungen in anderen EU-Staaten deutlich lockerer, was zu einer Wettbewerbsverzerrung führe.

Was will der Bauernverband bei der Düngeverordnung, insbesondere den Bestimmungen zu den Roten Gebieten denn überhaupt noch erreichen, nachdem hier doch längst entschieden sei, fragte ein Landwirt. Demgegenüber erklärte Heidl, dass es jetzt darum gehe, wenigstens bei der praktischen Umsetzung der Vorgaben Erleichterungen für die Landwirte zu bewirken.

Gropper und Zott sind Abnehmer

Bevor der Leiter der Kemptener VMB-Geschäftsstelle, Jürgen Geyer, einen Blick auf den Milchmarkt warf, gab MEG-Vorsitzender Reinhold Mayer die Zahlen aus dem vergangenen Jahr bekannt. Demnach hatten die 148 Lieferanten der MEG insgesamt 371 649 370 kg Milch angedient. 86 Lieferanten gaben zusammen 356 691 371 kg an die Molkerei Gropper und 43 insgesamt 10 553 668 kg an die Molkerei Zott. 19 Lieferanten bedienten die Molkerei Müller mit insgesamt 4 404 332 kg Milch.

Wir müssen einen Weg finden, der auch den Anbindehaltern eine Zukunft gibt.