Vegane Ernährug

Milchimitate nicht immer umweltfreundlich und gesund

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Susanne Lorenz-Munkler
am Montag, 19.10.2020 - 08:37

„Sind Sojadrinks und Co wirklich Alternativen zur Kuhmilch?“ Mit diesem Thema beschäftigte sich der Fachvortrag von Jutta Jung.

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Jung ist Käse- und Gewürzsomeliere und Referentin im Schulungszentrum Oberallgäu der Käserei Champignon. Sie sprach vor den Mitgliedern des vor einem Jahr gegründeten „Verein der Käsesommeliers“.

„Vegane Lebensweise ist kein Modetrend mehr. Es ist eine expandierende Philosophie, die wir ernst nehmen müssen. Wir werden uns in Zukunft damit auseinandersetzen müssen“. Und auch die zunehmende Lactose-Intoleranz sei keine Mode-Diagnose, meint sie. Tatsächlich hätten zwischen 12 und 22 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen diese Intoleranz. Weltweit sind es sogar 75 Prozent der Menschen, denen das Enzym Laktase fehle, beziehungsweise deren Körper das Enzym abbaue. Zudem gebe es auch die Milcheiweißintoleranz. Zahlreiche Ersatz-Getränke seien heute schon auf dem Markt und erlebten teilweise einen richtiggehenden Boom. Es lohne sich aber, genau hinzusehen.

Weg vom Schwarz-Weiß-Denken

Aufgrund fehlender wissenschaftlicher Expertisen hat sich die Vereinsvorsitzende Jutta Jung sehr lange und intensiv mit den Inhaltstoffen und der Ökobilanz dieser Getränke auseinandergesetzt. „Es ist für mich ein Zukunftsthema. Wir müssen wegkommen von dem Schwarz-Weiß-Denken. Deswegen sind wir Käsesomeliers ja da. Um uns mit dem neuen Trend auseinanderzusetzen und uns weiterzubilden. Denn wir sind Multiplikatoren nach draußen. Wir wollen die Verbraucher richtig informieren“.

Milchalternativen oft nicht so natürlich wie vermutet

Milchinhaltsstoffe

Viele der pflanzlichen Milchalternativen seien nicht so natürlich, wie man auf den ersten Blick vermuten möchte.

Jutta Jung hat verschiedene Milch-Alternativen unter die Lupe genommen: Sojadrink, Mandeldrink, Haferdrink, Hanfdrink, Lupinen- und Reisdrink. „Als Milchersatzprodukte werden umgangssprachlich Nahrungsmittel bezeichnet, die geschmacklich oder optisch sowie vom Fett- oder Eiweißgehalt her Milch oder Milcherzeugnissen ähneln, ohne aus dieser hergestellt zu sein“, erklärte sie. Weitere Alternativen würden aus anderen Getreide- und Nussorten hergestellt. Dazu zählten unter anderem Dinkel, Quinoa, Hirse, Buchweizen, Amarant, Cashew, Haselnuss und Macadamia sowie Kokos, Lupinen und Erbsen.

Jung kommt zu folgendem Ergebnis

Der Sojadrink:

Vielen Soja Drinks würden noch Mineralstoffe, vor allem Kalzium, Vitamine oder oft auch Zucker oder Geschmacks-Aromen zugesetzt. Sojadrink eigne sich für Menschen mit Laktose- oder Milcheiweißintoleranz. Auch Glutenallergiker hätten mit dem Getränk keine Probleme. Als hochwertiger Lieferant von ungesättigten Fettsäuren und als Proteinquelle helfe Soja dabei, die Versorgung mit diesen Nährstoffen sicherzustellen. Auch das Fehlen von Cholesterin wirke sich bei Menschen mit diesen Problemen positiv aus. Allerdings könne Soja Allergien und Blähungen auslösen.

Der Mandeldrink:

Dem Mandeldrink würden oft Zucker, Honig oder Agavendicksaft zugefügt. Mandeln seien sehr kalorienreich. Der Vorteil des Mandeldrinks: Er ist mehr oder weniger frei von potenziell allergenen Stoffen, er enthält keine Laktose, kein Milcheiweiß und kein Gluten. Aber die Milch-Alternative aus Mandeln enthalte in der reinen Form durch die Verarbeitung kaum noch Nährstoffe.

Der Haferdrink:

Haferdrink ist aus Haferflocken und Wasser hergestellt. Der Milchersatz aus Getreide sei ein echter Energielieferant. Der Drink enthält keine Laktose, kein Milcheiweiß, dafür aber relativ viele Ballaststoffe. Haferdrink sei aber glutenhaltig. Dem industriell hergestellten Milchersatz würden oft viel Zucker, Emulgatoren oder Zusatzstoffe zugesetzt, die den Milchersatz schnell ungesund machen.

Der Hanfdrink:

Punkten konnte bei der Referentin der Hanfdrink. Der rein pflanzliche Milchersatz sei frei von Laktose, Milcheiweiß, Soja, Cholesterin und Gluten und somit eine gute Alternative für Menschen mit Lebensmittelallergien. Hanfsamen enthielten neben Omega-3-Fettsäuren auch Gamma Linolensäure und eine Omega-6-Fettsäure. Aber es fehle das Kalzium! Bei veganer Ernährung sollte die Versorgung über andere Kalziumquellen sichergestellt werden

Der Lupinendrink:

Die Milchalternative aus Lupinen sei eine sehr hochwertige Eiweißquelle bei veganer Ernährung. Der Drink sei geeignet für Allergiker, da er weder Gluten, noch Laktose, Milcheiweiß oder Soja-Proteine enthalte. In dem Samen steckten darüber hinaus Mineralstoffe wie Kalium, Magnesium, Kalzium und Eisen.

Bei den untersuchten Alternativen schneide die Sojamilch in Sachen Nährwert am besten ab. Mandel- und Reisdrink und Kokosmilch dagegen hätten zu wenig Nährstoffe, um als vollwertiger Milchersatz durchzugehen.

Milch enthält Vitamine, Mineralstoffe, Proteine, Fette und Kohlenhydrate

Das Fazit von Jutta Jung: „Die Kuhmilch ist immer noch einen wichtigen Lieferant für die Vitamine B2 und D und Mineralien wie Kalzium. Sie ist eine ausgewogene Quelle für Proteine, Fette und Kohlehydrate.“

Wer statt Kuhmilch eine Alternative verwende, sollte – zumindest bei größeren Mengen- auf einen ausgewogenen Mix setzen um ausreichend Nährstoffe zu erhalten oder sich darüber informieren, wie man diese auf anderem Wege zu sich nehmen kann.

Gravierende Unterschiede in der Ökobilanz

Umweltbilanz

Gravierende Unterschiede fand Jutta Jung bei der Ökobilanz der einzelne Milchersatzgetränke. Etwa beim Mandeldrink. „Eine einzige Mandel verbraucht bis zur Reife etwa vier Liter Wasser. Die Hauptanbaugebiete liegen in trockenen, von Dürre bedrohten Regionen. 80 Prozent der weltweiten Mandelernte stammt aus Kalifornien. Veganer, die Mandelmilch als Milchersatz konsumieren, sollten sich bewusst sein, dass für die Mandelproduktion im industriellen Maßstab Bienen als Nutztiere eingesetzt werden. Die Transportwege sind durch die Konzentration der Anbaugebiete meist relativ lang. Monokulturen, die angelegt werden, um die steigende Nachfrage zu befriedigen, wirkten sich negativ auf die Umwelt aus.

Hafer dagegen werde als altes Kulturgetreide überall in Europa angebaut. Theoretisch wären also kurze Transportwege und regionale Produktion möglich. Bei der industriell hergestellten Hafermilch aber stammen die Sorten oft aus Schweden.

Eine schlechte Ökobilanz habe der Reisdrink. Denn Reisfelder benötigen viel Wasser. Der Nassreisanbau erzeuge eine Menge Treibhausgase, unabhängig davon ob bio oder nicht. Diese beiden Faktoren lassen die Bilanz schlecht ausfallen.

In Sachen Nachhaltigkeit punkteten also der Hanfdrink und der Lupinendrink auf ganzer Ebene. Wegen seiner hohen Schädlings-Resistenz und Anspruchslosigkeit könne der Hanf fast überall ohne Probleme angebaut werden.

Die Milchalternative Lupinen überzeuge in Sachen Nachhaltigkeit. Lupinen seien völlig anspruchslos und garantiert gentechnikfrei und würden in der Regel in Deutschland angebaut. Auch der Verarbeitungsprozess der Lupinen sei vergleichsweise umweltverträglich. Die ganz persönliche Umweltbilanz von Jutta Jung:

Klima-Retter-Effekt durch Milchverzicht relativ gering

Eine Person in Deutschland hat im Schnitt einen C02 Abdruck von 7,9 Tonnen im Jahr, also täglich etwa 21,6 kg CO2. Wer von Kuhmilch auf Haferdrinks wechselt, spart nur drei Prozent ein. „Der Klima-Retter-Effekt hält sich also sehr in Grenzen“.

Eine abschließende Verkostung durch die Sommeliers mit geschultem Gaumen konnten die Milchersatzdrinks kaum punkten. Keine komme an den Geschmack der echten Milch heran, meinten sie unisono.

Auf Öko setzen

Dass man den Trend zu Bio vor allem in Bayern nicht unterschätzen dürfe, untermauerten die Referenten Robin und Jürgen Würth und Maximilian Fischer von der „Jürgen Würth Lebensmittel Großhandels e.K.“.

Beim Klimaschutz könne bio jedenfalls punkten. Insgesamt produzierten Ökolandwirte 15 bis 20 Prozent weniger Treibhausgase. Auch komme der Ökolandbau komme mit deutlich weniger Stickstoff aus. Die Biomasse von Regenwurmpopulationen sind im Durchschnitt um 78 bzw.94 Prozent höher. Erfreulich sei, dass der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland kontinuierlich steige. Waren es im Jahr 2000 noch 2,1 Milliarden Euro, so waren es 2019 11,97 Milliarden. Und 2019 habe die deutsche Biofläche die 10 Prozent Marke geknackt. Dabei habe Bayern die größten Öko-Anbau-Flächen Deutschlands. Aktuell etwa 12 Prozent. Bis 2030 soll diese auf 30 Prozent ausgedehnt werden.