Nitratbelastung

Messstellen: Landwirte extrem verärgert

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Michael Ammich
am Mittwoch, 03.06.2020 - 09:27

Nitrat: Reicht eine einzige Nitrat-Messtelle für Bewirtschaftungseinschränkungen aus?

Kann es sein, dass eine einzige, oberflächliche Wasserquelle im Wald einen massiven Einfluss darauf hat, dass eine Fläche von mehr als 15.000 ha zum Roten Gebiet erklärt wird, obwohl die Trinwassergewinnungen in diesem Gebiet eine gute bis hervorragende Wasserqualität aufweisen? Ja, das kann durchaus sein, wie das Beispiel der Höhsackgrabenquelle bei Wortelstetten zeigt.

Der Unmut der Bauernschaft ist gewaltig, haben sie doch dieser einen Messstelle zu verdanken, dass sie mit erheblichen Einschränkungen in der Bewirtschaftung ihrer Felder rechnen müssen.

Ortstermin mit Landtagsabgeordneten

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Bei einem Ortstermin des Dillinger Bauernverbands mit dem Landtagsabgeordneten Johann Häusler von den Freien Wählern verschafft sich der Ärger aus der Landwirtschaft Luft. Weder für den BBV noch den Parlamentarier ist es nachvollziehbar, dass das Donauwörther Wasserwirtschaftsamt trotz der massiven Proteste an der Höhsackgrabenquelle als Messstelle festhält.

Grundlage dieser Entscheidung ist die Vorgabe, dass ein Roten Gebiet ausgewiesen werden muss, wenn an einer oder mehreren Messstellen im Grundwasserkörper der Nitratgrenzwert von 50 mg/l überschritten wird. Beim Grundwasserkörper „Vorlandmolasse Wertingen“ ist dies der Fall. An der Höhsackgrabenquelle bei Wortelstetten ergaben die Messungen durch das Wasserwirtschaftsamt einen Nitratgehalt von 60 bis 70 mg/l.

In einem weiteren Schritt wird geprüft, ob der von der Überschreitung des Nitratgrenzwerts betroffene Flächenanteil mehr als 20 % des Grundwasserkörpers umfasst.

Bauern stufen Messstelle als nicht repräsentativ ein

Immer wieder hat sich der Bauernverband in den vergangenen Jahren bemüht, den zuständigen Politikern und Experten aus der Wasserwirtschaft klar zu machen, warum sich aus den an der Höhsackgrabenquelle gemessenen Nitratwerten nicht auf die Landwirtschaft als Verursacher schließen lässt.

Zum einen liege die Quelle in einem Waldgebiet, wo sich ein Einfluss der Landwirtschaft auf die Wasserqualität nur schwer nachvollziehen lasse. Zum anderen stelle die Quelle eine offene Oberflächenmessstelle dar, die nicht gefasst ist. Deweiteren sei das Umfeld der Quelle durch einen ehemaligen Schutt- und Ablageplatz vorbelastet.

Aus diesen Gründen könne die Messstelle nicht als repräsentativ für den Zustand des gesamten Grundwasserkörpers gelten. Das treffe umso mehr zu, als sich bei weiteren Brunnen in umittelbarer Nähe der Nitratwert jeweils deutlich unter dem Grenzwert von 50 mg bewege.

Die Argumente des Bauernverbands stoßen beim Wasserwirtschaftsamnt bislang auf taube Ohren. „Was in der Düngeverordnung festgelegt ist, das ist das Eine“, sagt der Dillinger Kreisobmann Klaus Beyrer. „Was man daraus macht, ist das Andere.“

Die Messwerte der Höhsackgrabenquelle rechtfertigten in keiner Weise die Ausweisung eines Roten Gebiets und die damit verbundenen Restriktionen für die Landwirtschaft. „Ein solches nicht vollziehbares Vorgehen gefährdet die Existenz zahlreicher Betriebe.“

Die Probestelle bei Wortelstetten sei weder zertifiziert noch bilde sie den Zustand des gesamten Grundwasserkörpers ab. Die Messergebnisse seien schon deshalb nicht repräsentativ, weil die Höhsackgrabenquelle nur einmal jährlich vom Wasserwirtschaftsamt beprobt werde.

Bauern machen mit, wenn Besserung erforderlich ist

Selbstverständlich seien die Landwirte bereit, an der Verbesserung der Grundwasserqualität mitzuwirken, wo sie nachweislich als Verursacher eines schlechten Zustands ermittelt werden, betont Beyrer. Dabei gelte es aber immer auch andere mögliche Verursacher in den Blick zu nehmen. Bei der Suche nach Lösungsansätzen dürfe nicht über den Kopf der betroffenen Landwirte hinweg entschieden und ihnen einseitig die Verantwortung zugeschoben werden. „Der Dialog am Tisch ist der Königsweg.“

Beyrer kann kein Verständnis für die Überzeugung des Wasserwirtschaftsamts aufbringen, dass eine Messstelle wie die Höhsackgrabenquelle den Gesamtzustand eines Grundwasserkörpers gut abbildet. Nachdem in Bayern die Ergebnisse aus einer einzigen Messstelle im Durchschnitt Einfluss auf eine Fläche von 110.000 ha haben, müsse die Auswahl der Messstellen gut überlegt sein.

Auch für Kreisbäuerin Annett Jung wirft das Festhalten des Wasserwirtschaftsanmts an der Höhsackgrabenquelle als Messstelle Fragen auf. „Die Lage der Quelle lässt keine Rückschlüsse auf einen Einfluss der Landwirtschaft auf die Wasserqualität zu. Trotzdem sind mit den Messergebnissen harte Auflagen für die Wirtschaftsweise der Bauern verbunden.“ BBV-Kreisgeschäftsführer Eugen Bayer versichert die Bereitschaft der Landwirte, an der Verbesserung der Grundwasserqualität mitzuwirken, wo sie mitursächlich in der Verantwortung stehen.

Mindestkriterien für Messstellen und Messnetze in Vorbereitung

Messstellen, die nicht als repräsentativ für den Zustand eines ganzen Grundwasserkörpers und schon gar nicht für eine grundwasserbelastende Wirtschaftsweise der bäuerlichen Betriebe gelten können, gebe es auch an anderen Orten in Schwaben, wie BBV-Bezirksgeschäftsführer Markus Müller betont. „Unsere BBV-Kreisverbände haben solche Messstellen massiv kritisiert und beim Umweltministerium deren Überprüfung eingefordert. Aufgrund dieser Forderung werden jetzt von der Bundespolitik Mindestkriterien für Messstellen und Messnetze erarbeitet.“

Eine einzelne Messstelle könne stets nur einen Trend aufzeigen, tauge aber niemals für eine einzelbetriebliche Düngeplanung, so Müller. Das zeige sich schon daran, dass eine nur einen Kilometer vom Höhsackgraben entfernte Quelle einen deutlich geringeren Nitratwert aufweise. Alternativ zur Höhsackgrabenquelle ließe sich diese ebenso gut für die Beurteilung des Grundwasserkörperzustands heranziehen.

Bei Nachweis eine Befreiung gefordert

Vor diesem Hintergrund ist es für Müller nur schwer nachvollziehbar, dass auch in den Landkreisen Augsburg, Aichach-Friedberg und Donau-Ries sowie in Teilen der Landkreise Ost- und Unterallgäu einzelne, unzureichende Messstellen zu einer großflächigen Ausweisung von Roten Gebieten führten.

Der Bezirksgeschäftsführer fordert für Betriebe, die sich nachweislich an die gute fachliche Praxis halten, eine Befreiung für die in den Roten Gebieten vorgesehenen Auflagen. Solche Ausnahmen könnten beispielsweise bei einer ausgeglichenen Bilanzierung, bei regelmüßigen Nmin-Proben, Kooperationen mit Wasserversorgern oder bei der Teilnahme an Agrarumweltprogrammen gelten.

Messtellen sind vielfach nicht akzeptabel

Kopfschütteln auch bei Johann Häusler. „Bei der Höhsackgrabenquelle werden keine fairen Regeln eingehalten“, wundert sich der Landtagsabgeordnete.12 % der bayerischen Messstellen betrachtet er als „inakzeptabel“ und 33 % zumindest als „kritisch“.

Das sähen auch die bayerische Ministerien für Umwelt und Landwirtschaft nicht anders, so Häusler. Deshalb sei zusammen mit anderen Bundesländern eine Arbeitsgruppe gebildet worden, die ein gemeinsames Konzept mit schlüssigen Kontrollbedingungen und Anforderungen an die Messstellen ausarbeiten.

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber habe zugesichert, so Häußler weiter, dass alle Messstellen noch einmal evaluiert würden. Er selbst gehe davon aus, dass dann die Höhsackgrabenquelle als Messstelle entfallen wird.

Bei der Evaluierung sollen auch die Wasserwirtschaftsämter mit ins Boot geholt werden. Derzeit gelten 21 % des Freistaats als Rotes Gebiet, obwohl nur 3 % der Trinkwasserquellen kritische Nitratwerte aufweisen. Umso notwendiger sei es, eine Binnendifferenzierung vorzunehmen.

Leguminosenanbau gefährdet

„Unsere Kulturlandschaft wird sich verändern, wenn in den Roten Gebieten die bisherigen Ausnahmeregelungen für die Landwirtschaft nicht mehr gelten“, befürchtet der Abgeordnete. So werde es beispielsweise kaum mehr einen Leguminosenanbau geben, nachdem diese Früchte Stickstoff sammeln.

Die Existenz zahlreicher bäuerlicher Betriebe wäre bedroht. Das gelte sogar für Biobetriebe, die viele Leguminosen in ihrer Fruchtfolge haben. Außerdem gebe es bereits Kritik aus den Mühlen, die sich Sorge um die künftige Beschaffung von Qualitätsweizen machen und auf Importe angewiesen sein werden. In der Folge denken die Mühlen darüber nach, ihre Investitionen in der Region zurückzufahren.

Mit dieser Befürchtung steht Häusler nicht allein. Auch Kreisbäuerin Annett Jung gibt zu bedenken, dass viele Betriebe noch mehr Futterweizen produzieren, wenn sie keinen Qualitätsweizen mehr erzeugen können. „Das trägt wiederum dazu bei, dass die Viehbestände weiter ausgebaut werden.“ Für die Grundwasserqualität muss das jedoch nichts bedeuten. „Wo in Schwaben eine intensive Viehhaltung betrieben wird, zeigen sich seltsamerweise keine auffälligen Nitratwerte im Trinkwasser“, bestätigt Johann Häusler.