Bauprojekt

Auf Messers Schneide

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Dr. Josef Hiemer
am Donnerstag, 11.03.2021 - 10:13

Als Andreas Kössel, Zell-Eisenberg, 2019 mit dem Neubau eines Milchviehstalles „auf der grünen Wiese“ beginnt, ahnt er nicht, welche nicht vorsehbare Herausforderungen auf ihn zukommen würden. Der Untergrund ist nicht tragfähig.

Die Suche nach einem geeigneten Standort für den neuen Milchviehstall von Familie Kössel in Zell-Eisenberg gestaltet sich schwierig und langwierig. Die eigenen Flurstücke sind zu klein. Ein Flächentausch kommt zunächst nicht zustande. Das ins Auge gefasste Grundstück liegt in einem exponierten Gebiet von außerordentlicher landschaftlicher Schönheit, südlich der beiden markanten Burgruinen. Dann ein Lichtblick: Das Landratsamt stimmt dem Standort schließlich unter Auflagen zu:

  • Erstellung eines Freiflächenlandschaftsplanes für das Vorhaben
  • Dachplatten für die Dacheindeckung, kein Blechdach
  • Keine Wandverkleidungen aus Blech
  • Ausgleichsflächen: auf einem aufgelassenen, mittlerweile bewaldeten Torstich sind die Bäume zu entfernen. Durch den verstärkten Lichteinfall soll die biologische Vielfalt der Pflanzen steigen
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Für Andreas Kössel waren die Informationen aus dem Baukreis beim AELF Kaufbeuren – er besuchte diesen zwei Jahre lang –, der Austausch mit anderen Bauwilligen und die Besichtigungen neuer Stallbauten eine wichtige Hilfe für die Umsetzung seines Vorhabens. Nicht minder wichtig waren seine Erfahrungen als Bauhelfer beim Stallbau von Berufskollegen. Er fühlt sich deshalb verpflichtet, seine Erfahrungen beim Stallbau auch anderen Berufskollegen zur Verfügung zu stellen.

Vater Martin Kössel überließ die Entscheidungen beim Stallbau seinem Sohn Andreas. Vor Baubeginn übergab er deshalb im Alter von 60 Jahren den Betrieb, ohne sich aus dem Betrieb zurückzuziehen. Während der Bauphase erledigte er alle täglichen Arbeiten im Stall und auch heute ist er noch eine wichtige Stütze im Betrieb.

Die Dorferneuerungwar ein Glücksfall

Baubeginn war im August 2019, in der Phase der Dorferneuerung in Zell. Dadurch konnten die Erschließungskosten für Wasser und Strom niedrig gehalten werden. Die Gemeinde legte das Wasser bis an die Grundstücksgrenze. Für den Strom fiel nur das Material an. Die Leitungen konnten in den offenen Graben gelegt werden. Die 200 m von der Straße zum Stall wurden in Eigenleistung mit einem Minibagger verlegt.

Schock beim Baubeginn: Untergrund aus Seeton

Bereits vor dem Baubeginn standen auf dem Grundstück eine Güllegrube und ein Fahrsilo, abgestimmt auf den zukünftigen Standort des Stalles. Mit Beginn des Aushubes stand auch schon der Kran. Nach Entfernen der Humusauflage kam dann der Schock: Der Untergrund bestand aus Seeton.

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Das sind verfestigte Tonmineralien, die weich und unbeständig sind, feine Ablagerungen der Eiszeitgletscher. Ein herbeigerufener Geologe bestätigte nach Schürfungen, dass der Untergrund eine zu geringe Tragfähigkeit hat. Folge: Drei Wochen Stillstand auf der Baustelle. Um das Vorhaben überhaupt noch realisieren zu können, muss der Stall 60 m nach Süden verschoben werden. Dann stünde ein Teil auf den Flächen des Feldnachbarn. Sollte die langjährige Planung, Erschließung und das bereits gebaute Fahrsilo und die Güllegrube umsonst gewesen sein? Das ganze Vorhaben stand auf des Messers Schneide, die Nerven der Familie lagen blank.

Groß war die Erleichterung, als der Nachbar einem flächengleichen Grundstückstausch zustimmte. Ein beispielhafter Vorgang für gelebte Nachbarschaft und Solidarität unter den Landwirten.

Nach der Verzögerung konnte es mitten in den großen Ferien mit dem Unterbau losgehen. Gebaut werden soll:

  • ein dreireihiger Laufstall (Gebäudehülle von Fa. Hörmann, Buchloe) für Kühe mit einer Jungviehseite mit Liegeboxen mit einer Größe von 48 x 28 m für 71 Liegeplätze. Auf der Jungviehseite sind 40 wandständige Liegeboxen. Die letzten beiden Bund werden auf der Jungviehseite als Zwischenlager für Heu benutzt. Sie sind aber für die Nutzung durch Jungvieh vorbereitet.
  • Ein offener, 60° steil gestellter 2 x 11 Swing-over Melkstand im Stall, zur besseren Tierkontrolle.
  • Ein 12 x 14 m großer Anbau mit zwei Tiefstreubuchten und Platz für je zehn Tiere und neun Kälberboxen. Durch den direkt an den Melkstand angrenzenden Kälberstall ergeben sich kurze Wege. Über Teilen des Kälberstalles und der Nebenräume kann Stroh gelagert werden. Über eine Brücke können die Boxen von oben direkt eingestreut werden. Unter dem Vordach des Melkstandes können weitere Iglus aufgestellt werden.
  • In dem Anbau befinden sich auch das Stallbüro, der Technik- und der Tankraum. Die Kühlung in dem groß dimensionierten, gebraucht gekauften 3500-l-Tank bringt die Milch schnell auf die Lagertemperatur.
  • Ein Laufhof mit stallwandständigen überdachten 21 Liegeboxen und Fressplätzen mit den Maßen 30 x 7 m.
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Andreas Kössel entschied sich bewusst für Spaltenböden in den Laufgängen nach negativen Erfahrungen mit planbefestigten Laufgängen im alten Stall. Die Güllekanäle ergaben - geländebedingt - 400 m³ Güllelagerraum. Sie ersparten den Bau einer extra Grube. Mit einer Grube von 800 m³ am Stall und 500 m³ an der alten Hofstelle als Reserve steht ausreichend Güllelagerraum zur Verfügung.

Der Spaltenboden am Fressgang ist mit einer Gummimatte belegt. Andreas Kössel hat beobachtet, dass die Kühe zum größeren Teil auf dem gummibelegten Spaltenboden rindern.

Die Gebäudehülle ruht auf Stahlstützen. Das nicht isolierte, nur verschalte Dach ist als Koppelpfettenkonstruktion ausgeführt und hat eine Schneelast von 580 kg zu tragen. Die Sparren auf den Koppelpfetten erlauben eine durchgängige Hinterlüftung ohne querliegende Hindernisse. Die Außenwände auf der südlichen Kuhseite bestehen aus Curtains, auf der nördlichen Jungviehseite aus Hubfenstern über einer Bretterschalung. Die geöffneten Curtains geben einen spektakulären Blick auf die Pfrontener Berge frei. Firsthaube, Curtains und Hubfenster sind temperatur- und windabhängig elektronisch gesteuert.

Die Kühe im Stall liegen in Tiefstreuboxen. Material für eine großzügige Einstreu ist von den 8 ha Streuwiesen reichlich vorhanden. In den Außenboxen und beim Jungvieh liegen Gummimatten. Überzeugt ist Andreas Kössel von der Kristen BK-Box, die den Kühen bestmögliche Bewegungsfreiheit biete.

Die Futtertische bei den Kühen, beim Jungvieh und den Kälbern ließ Andrea Kössel mit einem so genannten PMMA-Harz (Fa. Saliplan) beschichten. Das Zweikomponentenharz ist lebensmittelrechtlich zugelassen, durch eine Quarzbeimischung extrem abriebfest. Durch die Beimischung von Kunststoffchips erhält der Belag eine gewisse Rutschhemmung. Der Belag ist nach wenigen Stunden mechanisch und chemisch belastbar. Im Falle einer Beschädigung kann er einfach überarbeitet werden.

Die Wände in der Milchkammer wurden ebenfalls mit dem Harz beschichtet. Im alten Stall war die Milchkammer gefliest. Schwachpunkt waren die Fugen. Im Laufe der Jahre sammeln sich in ihnen Staub, Schimmel und Bakterien an. Bei der Reinigung mit dem Hochdruckreiniger bröckeln sie. Durch eine Beimischung von Quarzmehl sind die PMMA beschichteten Wände Hochdruckreiniger fest. In den Bodenbelag der Milchkammer wurde Quarzsand eingearbeitet. Dadurch ergibt sich die hier besonders notwendige Rutschsicherheit.

Mit dem Futterverteilwagen wird das Heu der alten Hofstelle zum Stall gebracht, dort mit Grassilage und Kleie ergänzt und vorgelegt. Die Grassilage ist eine Mischung 2/3 vom ersten und 1/3 vom 5. Schnitt. Das Futter nachschieben übernimmt ein Roboter von GEA .
Im Stall hängen zwei Kraftfuttersilos für die beiden Futterautomaten. Die Kühe erhalten an jeder Station je nach Leistung eine Energiemischung aus 70 % Mais und 30 % Trockenschnitzel und ein 19/4er Milchleistungsfutter, max. 7 kg / Tier u. Tag.
Liegt es am neuen Stall oder an der Futterqualität? Die Milchleistung ist seit dem Umzug etwas gesunken. Oder liegt es daran, dass im Betrieb Kössel Jungkühe ohne Spitzenleistung eine zweite Chance erhalten, bewusst die Leistungsreserven nicht voll ausgeschöpft werden und alte Kühe mit geringerer Leistung nicht gleich ihren letzten Gang gehen? „Leistung steht nicht über allem, es muss gut gehen“ und „mit alten Kühen kann man Geld verdienen“, ist Andreas Kössel überzeugt.
Die Versorgung der Kälber ist Aufgabe von Vater Martin. Sie erhalten die ersten sechs Wochen angesäuerte Vollmilch, die nächsten 7 - 8 Wochen Milchaustauscher, je nach Gewichtsentwicklung. Das Melken dauert eine gute Stunde, die regelmäßige Stallarbeit insgesamt zwei Stunden je Mahlzeit. Darin enthalten ist auch das Füttern aus dem Fahrsilo.

Elektronische Helfersind unverzichtbar

Nicht missen möchte Andreas Kössel die elektronischen Helfer im Stall. Der Melkstand ist mit Stimulation, Milchmengenmessung, Abnahmeautomatik und Messung der Leitfähigkeit der Milch ausgerüstet. Erfasst wird auch die Aktivität der Kühe als Hinweis auf eine Brunst. Die Informationen über das Wiederkauen und die Fresszeiten sind frühzeitige Signale für eine potenzielle Erkrankung. Eine Kamera über der Abkalbebox kann den Stall erfassen und den einen oder anderen Kontrollgang in dem 600 m von der Wohnung entfernten Stall ersetzen.
Und wo liegen die Kosten? Je Liegebox fielen Investitionskosten von etwa 11 000 € an. Darin sind auch die Erschließungskosten enthalten. Zu berücksichtigen ist der umfangreiche Einsatz von Bauhelfern. Beim Unterbau z. B. stellte die Baufirma nur zwei Facharbeiter.
Das Bauvorhaben brachte die Familie Kössel an die körperliche und seelische Belastungsgrenze. Momentan ist deshalb erst einmal Durchatmen angesagt. Beruhigend ist, dass der Stall wie geplant „funktioniert“, Baufehler sind nicht erkennbar.
Kurzfristig steht auf der Wunschliste ein Spaltenroboter. Andreas Kössel ist sich aber noch nicht sicher, ob diese Maschinen bei der starken Einstreu der Liegeboxen auch zufriedenstellend arbeiten. Im Hinterkopf haben die Kössel’s zudem eine Halle und auch ein Wohnhaus beim neuen Stall. Schön wäre es, eines der Kinder würde in der ferneren Zukunft als Nachfolger einsteigen. „Zwingen“ werde man aber niemanden, sagen die Eltern.

Die Vorgeschichte zum Bau des neuen Stalles

Andreas Kössel, 34, ist verheiratet mit Andrea und hat vier Kinder im Alter von 7, 5, 3 und 2 Jahren. Nach Abschluss der Technikerschule in Landsberg im Jahr 2008 stellte sich für ihn die Frage, wie es im elterlichen Betrieb weitergehen sollte. Vater Martin hatte an der beengten Hofstelle einen Laufstall für die Milchviehherde und Teile der weiblichen Nachzucht gebaut. Der Anbindestall wurde damals zu einer Liegehalle mit 55 Liegeplätzen umgebaut. In der Untertenne wurden mit einem schmalen Futterband die notwendigen Fressplätze geschaffen. Für das Jungvieh war nach dem Umbau nur noch teilweise Platz. 10 bis 12 Tiere mussten in andere Betriebe ausgelagert werden. Mit 60 Kühen und 20 Stück Jungvieh war der Platz an der alten Hofstelle ausgereizt. Der damals mit dem Baypat-Programm bezuschusste Umbau war zwar kostengünstig, hatte aber auch Nachteile:

  • Die Maße der Laufgänge und Liegeboxen bewegten sich an der Untergrenze
  • Die niedrige, waagrechte Decke im Stall erlaubte weder eine optimale Belüftung noch eine ausreichende Belichtung.
  • Andreas und Andrea hatten zwei Optionen für die Gestaltung ihres Lebensweges:

  • Der Betrieb der Landwirtschaft im bisherigen Umfang an der alten, beengten Hofstelle mitten in Zell; Weiterarbeit von Andrea als Krankenschwester und Nachbarschaftshilfe von Andreas.
  • Die langfristige Aussiedlung des Hofes und Betrieb im Vollerwerb, beginnend mit dem Stallbau. Damit ginge die bereits 1550 erwähnte und 1949 komplett abgebrannte Landwirtschaft an der alten Hofstelle langfristig zu Ende.
  • Der Milchviehbetrieb Kössel in Zell-Eisenberg

    • Andreas Kössel, 34 Jahre, Techniker für Landwirtschaft
    • Andrea Kössel, 34 Jahre, gelernte Krankenschwester, Teilzeitschule Hauswirtschaft, Kempten, Abschluss als staatliche geprüfte Hauswirtschafterin ländliche Hauswirtschaft
    • Martin Kössel, Vater, 65 Jahre
    • Vroni Kössel, Mutter, 62 Jahre
    • 73 ha Dauergrünland, davon 8 ha Streuwiese, 7 ha hügelige Jungviehweiden, 2 ha klein oder schlecht geformte Flächen mit Zweischnittnutzung in maximal 2,5 km Entfernung zum Hof
    • Konventionelle Bewirtschaftung mit Silagewirtschaft, Kulap max. 1,4 GV seit 27 Jahren (Kulap Maßnahme B20), zwei Jahre restlicher Verpflichtungszeitraum
    • Eigenmechanisierung mit den üblichen Maschinen und Geräten zur Grünlandbewirtschaftung
    • 5,5 ha Wald
    • 80 Milchkühe, 40 Stück weibliche Nachzucht plus Kälber; überwiegend Braunvieh, 15 % Schwarzbunte, 1/3 der Kühe wird mit weißblauen Belgiern besamt, Leistung 8500 kg, durchschnittliche Lebensleistung ca. 30 000 kg (viele alte Kühe)
    • Milchlieferung an die Genossenschaft in Rückholz
    • 20 Stück Jungvieh ab 1 Jahr verbringen den Sommer auf 3 Alpen
    • Zwei Ferienwohnungen, mit 4 Sternen bewertet, verpachtet an die Eltern
    • Baubeginn: 16.8.2019
    • Fertigstellung am 14.7.2020.
    • Aufgrund der beengten Hoflage entscheiden sich Kössels zum Bau eines neuen Laufstalles „auf der grünen Wiese“.
    • Umfangreiche Planungen gehen dem Bauprojekt von Andreas Kössel voraus.
    • Am anvisierten Platz ist der Untergrund nicht tragfähig und macht ein Verschieben des Rohbaus um 60 m nötig. Der benachbarte Landwirt gibt die Zusage zum Flächentausch.