Entwicklung

Massiver Flächenverbrauch gefährdet Familienbetriebe

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Anja Kersten
am Donnerstag, 08.07.2021 - 11:15

Der BBV Schwaben macht auf die dramatische Entwicklung aufmerksam. Die Zukunft der Landwirtschaft stehe deshalb auf dem Spiel.

Die geplante ICE Trasse von Augsburg nach Ulm, der Ausbau der B12 und B10, Umgehungsstraßen, Maßnahmen im Hochwasserschutz, Gewerbegebiete und Neubauten – (nicht nur) in ganz Schwaben wird geplant und gebaut. Und zwar so viel, dass der Bauernverband angesichts des massiven Flächenverbrauchs an landwirtschaftlicher Nutzfläche Alarm schlägt. „Der Flächenverbrauch gefährdet Familienbetriebe“, schimpft der Bezirksgeschäftsführer des BBV Schwaben, Markus Müller, bei einer Pressekonferenz und schildert die dramatische Entwicklung. „Die Zukunft der Landwirtschaft steht auf dem Spiel“, sorgt sich auch Schwabens Bezirksbäuerin Christiane Ade.

Dem Nachwuchs fehle angesichts mangelnder Entwicklungsmöglichkeiten der Betriebe und immer höherer Pachtpreise die Zukunftsperspektive. Denn die Existenzgrundlage jedes bäuerlichen Betriebes wäre nun mal der Boden. Nehme man den Landwirten Acker- und Weideland weg, sei das so, als würde man einem Handwerker sein Werkzeug wegnehmen, sagte die Bezirksbäuerin.

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Seit 1960 seien in Bayern mehr als 840 000 ha Felder und Wiesen unter Teer und Beton verschwunden, nennt der schwäbische BBV-Bezirkspräsident Alfred Enderle konkrete Zahlen. Das entspreche den landwirtschaftlichen Flächen von Schwaben und Unterfranken zusammen. Aktuell verschwindet laut Statistik alle zwei bis drei Tage ein durchschnittlicher bayerischer Bauernhof. Und ein Ende des Flächenverbrauchs sei nicht in Sicht, das zeige die Statistik des Bayerischen Landesamtes.

Die Siedlungs- und Verkehrsfläche steige in Bayern Jahr für Jahr, denn viele Regionen wachsen aufgrund ihrer Wirtschaftsstärke weiter. Bahntrassen, Bundes- und Landstraßen, Autobahnen sowie Umgehungsstraßen für mehr Mobilität, Wohngebiete, denn, wo Menschen arbeiten wollen sie auch wohnen, Industriegebiete mit den zugehörigen Auf- und Abfahrten, aber auch Gasleitungen, Hochwasserschutzmaßnahmen und Kiesabbau, nicht zu vergessen der vorgeschriebene naturschutzfachliche Ausgleich – all das bedeutet Flächenverbrauch.

Die Menge ist entscheidend

Auch wenn jede Maßnahme für sich vielleicht gar nicht so viel Fläche verbraucht, die Menge mache das Gift, betonte Enderle. Jede Gemeinde plane so vor sich hin, sehe nur ihre Interesse und nicht das Ganze. Er nannte als Beispiel Gewerbegebiete, die jede Gemeinde auch deshalb ausweise, weil das sehr lukrativ sei. Hier plädiere der Bauernverband für mehr Zusammenarbeit der Gemeinden untereinander und eine entsprechende Verteilung der Gewerbeeinnahmen.

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„Wir als BBV sind nicht gegen jede Entwicklung“, betont Markus Müller, aber manche Maßnahmen müssen angesichts der Dimensionen schon kritisch hinterfragt werden. So zum Beispiel der geplante Ausbau der B12 von Buchloe nach Kempten, den der BBV in der aktuellen Form ablehne. Hier müsse man sich neben dem Bedarf auch die Frage stellen, warum mit Straße, Randstreifen sowie zusätzlich einem vier Meter breiten Mittelstreifen auf 60 km Strecke so überdimensioniert geplant werde, meint Müller.

Der BBV Schwaben fordert deshalb eine Priorisierung bzw. Reduzierung der Maßnahmen und die Prüfung, ob die Dimensionen wirklich angemessen seien. Auch den ökologischen Ausgleich für ökologische Maßnahmen, wie zum Beispiel für eine ICE-Strecke oder Windräder, sieht der BBV kritisch. Es sei nicht verständlich, warum man für eine ökologisch begründete Maßnahme nochmals einen ökologischen Ausgleich brauche, meint Müller.

Aktuelle Maßnahmen hinterfragen

Im Zusammenhang mit Ausgleichsflächen rege der BBV an, sich über sinnvolle Ausgleichsmaßnahmen Gedanken zu machen und, überspitzt ausgedrückt, nicht Obstbäume in wertvolle Ackerfläche zu pflanzen oder ein Biotop anzulegen, einfach nur um eine Ausgleichsfläche zu haben. Bestehendes aufzuwerten, statt ständig Neues auszuweisen und die Landwirtschaft in die Ausgleichsfläche miteinzubeziehen, sodass die Flächen in der Nutzung bleiben, müsse hier Ziel sein.

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Artenschutz, Biodiversität, Klimaschutzmaßnahmen und Wasserschutz – es sind immer höhere Anforderungen, die Gesellschaft und Politik an die heimische Landwirtschaft stellen. Aber sie gehen nur mit unversiegeltem Lebensraum, stellte Enderle klar. „Wenn Artenvielfalt, regionale Lebensmittel und Bauernhöfe in Schwaben eine Zukunft haben wollen, müssen landwirtschaftliche Flächen wesentlich mehr geschützt, geschont und der Flächenverbrauch reduziert werden“, erklärte Schwabens BBV-Bezirkspräsident.

„Wir können nur regionale Lebensmittel produzieren, wenn wir dafür auch Grund und Boden haben“, machte Christiane Ade nochmals klar. Auf diese unauflösbaren Widersprüche weise der Bayerische Bauernverband schon seit Jahren hin. „Das ist ein Thema, das uns auf der Seele brennt“, so die schwäbische Bezirksbäuerin, und aufgrund der Komplexität nur in Zusammenarbeit mit Politik, Verwaltung und Planungsverbänden zu lösen. Der Bezirksverband Schwaben des BBV, Bezirksbäuerin, Bezirkspräsident und alle schwäbischen Kreisbäuerinnen und Kreisobmänner haben bei Politik und Verwaltung deshalb eine ressortübergreifende Verhältnismäßigkeitsprüfung beantragt und regen einen runden Tisch mit allen Beteiligten an.

Bei vielen Planfeststellungsverfahren fehle die ganzheitliche Betrachtung, setzt Ade hinzu. Die Vorgaben seien starr und oft weit weg von der Praxis. Doch Patentrezepte gebe es angesichts der Komplexität der Themen, den vielen Beteiligten und unterschiedlichen Interessen nicht, waren sich die Beteiligten einig. Aber, so Müller, „die Landwirte können und müssen Teil der Lösung sein“.