Tourismus

Lockdown löst Proteste aus

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Josef Gutsmiedl
am Dienstag, 02.03.2021 - 18:06

Mir Allgäuer beteiligen sich an Demo in Sonthofen zur Öffnung der Beherberbungsbetriebe. Es gehe um Arbeitsplätze und Existenzen.

Ein symbolischer Friedhof – gebildet aus vielen Protestplakaten und handgemalten Schildern – vor dem Landratsamt in Sonthofen bildete die Bühne für eine Kundgebung, mit der die Verbände und Interessenvertretungen der Gastgeber- und Gastronomiebetriebe auf ihre Situation in der Pandemie aufmerksam machten.

Mit dem erneuten Lockdown und dem Beherbergungsverbot seien die Allgäuer Gastgeber in Existenznot geraten, so die gemeinsame Klage des Kreisverbandes des Bayerischen Hotel und Gaststättenverbandes, der Anbietervereinigung „Mir Allgäuer – Urlaub auf dem Bauernhof“ und des Vereins „Gastgeber mit Herz“. Mit dem Motto „Es reicht!“ forderten die Vertreter der Verbände eine baldige Öffnung – spätestens zu Ostern.

Angelika Soyer, Vorsitzende der Anbietergemeinschaft „Mir Allgäuer“ mit mehr als 520 Mitgliedsbetrieben im Allgäu, beklagte bei einer Kundgebung in Sonthofen, dass ausgerechnet auch diejenigen Beherbergungsbetriebe ohne jede Hilfszahlungen im Regen stünden, die die wichtige Nische „Urlaub auf dem Bauernhof“ bedienten. Nur wenn mehr als die Hälfte des Einkommens der Vermietung zuzuordnen sei, seien bäuerlichen Familienbetriebe antragsberechtigt.

Das Rückgrat des Tourismus

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Diese 51-Prozent-Regelung müsse fallen, da die Vermietung nie als Haupterwerb gedacht sei, sondern als klassische Form des Zuerwerbs für die kleinstrukturierte Landwirtschaft. „Auf den Höfen fehlt das Geld vorn und hinten“, so Soyer mit Blick auf die seit November aufgelaufenen Einkommensausfälle. „Dabei ist die bäuerliche Landwirtschaft das Rückgrat des Tourismus im Allgäu!“

Wenn mit der Sparte „Urlaub auf dem Bauernhof“ das zweite Standbein wegfalle, sehe sie die Existenz vieler Höfe gefährdet. „Wir müssen aus dem Desaster raus!“, so ihr Appell. Geradezu mittelalterlich mute die offenbar praktizierte „Strategie des Zusperrens und Wegsperrens” an. Soyer: „Das kann es doch nicht sein!“

Bernhard Baldauf und seine Familie bewirtschaften einen bäuerlichen Betrieb bei Immenstadt. Seit den 1970er Jahren biete man auf dem Hof Ferienwohnungen an. „Wir werden die Schließung überleben“, meint er. Gemessen am landwirtschaftlichen Betrieb sei das Vermietgeschäft zu niedrig, um Hilfszahlungen zu beantragen. Um die Stammgäste, die er in den vergangenen Monaten vertrösten musste, tue es ihm Leid. Was ihn zudem „nervt“ sei die Bürokratie, die auch in diesem Fall zuschlage: „Alles redet vom Bürokratieabbau, aber an die Anträge für Dieselvergünstigung oder zur Gülleausbringung mag ich gar nicht denken...“

Für „absolut unverständlich“ hält der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes, Armin Hollweck, das Beherbergungsverbot. Hotellerie und Gastronomie hätten bereits im vergangenen Sommer bewiesen, dass ihre Hygienekonzepte zuverlässig seien. Selbst das Robert-Koch-Institut habe das Infektionsrisiko für diese Branche als gering bewertet. Jetzt sei es an der Zeit, klare Wege, Planungssicherheit und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu definieren. „An Ostern müssen wir öffnen dürfen“, forderte Hollweck. „Wir wollen wieder für unsere Gäste da sein können.“ Und die Hilfszahlungen müssten jetzt endlich vollständig ausbezahlt werden. Es gehe auch um Arbeitsplätze, letztlich um Existenzen.

Die Heimat genießen

Und Margret Hoberger von „Gastgeber mit Herz“ pflichtete bei: „Unser Gäste wollen kommen und unsere Heimat genießen!“ Um die bisherigen Ausfälle zu kompensieren, müsse pro Bett und Monat der Schließung 300 € an Hilfszahlung fließen, da andere Programme die Privatvermieter außen vorlasse.

Die Statements auf den vielen Plakaten und Transparenten vor dem Landratsamt spiegelten die schlechte Stimmung, die Enttäuschung und den Zorn vieler Privatvermieter in der Region deutlich wider. Kritik an den Pandemie-Maßnahmen allgemein wurde formuliert, aber auch die Unzufriedenheit mit der „Verteilung“ von Hilfsgeldern. „Die Politik“ lasse die Branche im Regen stehen und sehenden Auges in den Ruin schlittern. Die banale Rechnung auf einem der vielen Schilder brachte die Sorge auf den Punkt: „Lockdown und Beherbergungsverbot ergeben Insolvenz.“ Oder anders formuliert: „Uns steht das Wasser bis zum Hals!“