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Direktvermarktung

Lindauer Bauern vermarkten ihre Erdbeeren selbst

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Isabel Springer de Placido
am Freitag, 17.06.2022 - 06:27

Anders als Kollegen im Norden Deutschlands „müssen“ die Lindauer Erdbeerbauern ihre Ernte nicht zerstören, vor allem weil sie zumeist direkt vermarkten.

Abgemähte Pflanzen, zerstörte Felder, untergepflügte Erdbeeren – das sind Horrorbilder für jeden Erdbeerbauern. Solche Verzweiflungstaten geschehen derzeit vielerorts in Deutschland, wie etwa in Nordrhein-Westfalen. Grund dafür sind die desaströsen Preise für die roten Früchte, die die deutschen Erdbeerbauern nicht mehr auf ihre Kosten kommen lassen. Dies trifft aber längst nicht alle. Am bayerischen Bodensee etwa geht es den Erdbeerbauern noch gut.

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„Ich kenne die Bilder, es ist furchtbar, aber ich habe auch vollstes Verständnis für das Mulchen im Norden“, sagt Lena Nüberlin. Die Lindauer Obstbäuerin führt den alteingesessenen Obsthof im Lindauer Stadtteil Rickenbach zusammen mit ihrem Bruder Florian in der 26. Generation. Erdbeeren baut die Familie schon lange an. Das ganze Jahr hindurch müssen die Pflanzen gehegt und gepflegt werden, damit am Ende die roten Beeren daran wachsen. „Das ist richtig viel Arbeit und wenn ich mir vorstelle, dass ich das alles zerstören müsste, dann tut das richtig weh.“

Neben der Preismisere ist auch der Absatz von Erdbeeren deutschlandweit eingebrochen. Verbunden damit, dass gleichzeitig mehr Erdbeeren als früher aus dem Ausland importiert werden. Der Grund dafür ist, dass der Lebensmittelhandel dort die süßen Früchte billiger her bekommt als von den heimischen Bauern, die ihrerseits höhere Lohnkosten und strengere Produktionsauflagen haben als Kollegen in anderen EU-Staaten. Die Folge ist, dass der heimische Erdbeererzeuger nur noch den billigen, globalen Preis für sein vergleichsweise teurer hergestelltes Produkt bekommt. Und der ist derzeit nicht kostendeckend. „Die Kollegen im Norden kriegen nur noch einen Euro pro Schale. Das kann nicht sein“, entrüstet sich Lena Nüberlin und zeigt vollstes Verständnis, dass sie für diesen Preis die Felder nicht auch noch teuer abernten lassen wollen und stattdessen die Früchte lieber unterpflügen.

Von dieser desaströsen Preisentwicklung sind die Erdbeererzeuger am bayerischen Bodensee nicht betroffen. Der Grund? Anders als ihre Kollegen sind sie nicht auf die Vermarktung durch die Großmärkte oder die Supermärkte angewiesen. Vielmehr vermarkten sie die süßen roten Früchte selbst. „Ich kann immer nur für mich sprechen, aber preislich stehen wir gut da. Als Direktvermarkter können wir das selbst steuern,“ erklärt die Obstbäuerin, räumt jedoch ein, dass natürlich auch die Direktvermarkter einer gewissen Anpassung an den Markt unterworfen seien. Weil auch der Verkauf und damit der Absatz gut läuft, sagt sie. „Ich bin eigentlich nicht unzufrieden“.

Vielleicht liegt es daran, dass sie ihren Kunden nicht nur die Erdbeeren verkauft, sondern ihnen obendrein noch ein Bewusstsein dafür vermittelt: „Das ist ein Produkt, das von uns kommt und von hier. Es gibt nichts Besseres als direkt beim Produzenten zu kaufen.“ Zumal hier, im Hofladen der Nüberlins, die Auswahl groß ist. Neben der Eins-A-Ware, die aus großen Erdbeeren besteht, gibt es auch solche Erdbeeren, die klein sind, aber genauso lecker schmecken. Und ab und zu gibt es sogar Marmeladebeeren. Aus denen wird auch bei den Nüberlins Erdbeermarmelade gekocht. Oder Erdbeerlimes.

Weggeworfen werden wirklich nur die, die kaputt sind, versichert Lena Nüberlin und fasst zusammen, dass sie mit dem bisherigen Verlauf des Erdbeerjahres „sehr zufrieden“ sei. „Wir haben eine tolle Ernte, ein super Team, tolles Wetter, einen tollen Acker und tolle Kunden, die jeden Tag kommen, um sich ihr Schälchen Erdbeeren zu holen und uns damit zu belohnen.“

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Auch Klaus Strodel muss seine Erdbeeren, die er auf eineinhalb Hektar Fläche anbaut, nicht unterpflügen. Der Weißensberger Obstbauer, der vor den Toren Lindaus seinen traditionellen Obsthof führt und in seinem Hofladen auch Obst und Gemüse verkauft, weiß um die Not seiner Kollegen im Norden und merkt auch selbst, dass es Absatzprobleme bei Spargel und Genussmittel wie Erdbeeren gibt. „Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass die Leute bei Waren mit hohen Produktionskosten zurückhaltend sind“, sagt er und erklärt, dass die Kunden aber dennoch nicht völlig auf diese besonderen Lebensmittel verzichten. Vielmehr gönnen sie sie sich etwa zum Wochenende hin oder sie greifen auf spanische Produkte zurück.

Am Anfang der Saison, so schildert Strodel die Lage, hatten die deutschen Erdbeerbauern damit zu kämpfen, dass die Supermarktketten deutsche Erdbeeren nicht eingekauft haben, weil diese zu teuer waren. Teuer waren diese Erdbeeren deshalb, weil sie wegen der klimatischen Bedingungen hierzulande nicht einfach im Freiland gedeihen, sondern nur in Folientunneln. Zudem waren wegen des Krieges in der Ukraine die Spritkosten gestiegen. „Wir müssen schauen, ob das in Zukunft die Verbraucher akzeptieren“, sagt Strodel und ist froh, dass er nicht vom Einzelhandel abhängig ist.

„Ich vermarkte meine Produkte selbst und habe Kunden mit kleinen Läden. Die sind bereit, das zu zahlen, was es kostet“, sagt er. Gleichzeitig hofft er auf ein Umdenken. Und zwar in jene Richtung, dass der Verbraucher nicht mehr schon im April nach Erdbeeren verlangt, sondern wartet, bis für die ersten Freilandfrüchte die Zeit reif ist.

Ein Umdenken sei auch beim Preis gefragt. So sei es zwar teurer, direkt beim Produzenten einzukaufen als im Discounter, weil dieser trotz Anpassung den wahren Wert für seine Ware verlangt. Sollte aber die derzeitige Entwicklung weitergehen habe das zur Folge, dass noch mehr Erdbeerbauern, die über die Großmärkte verkaufen, ihren Anbau reduzieren oder aufgeben. In der Konsequenz kommen dann noch – mehr Erdbeeren aus dem Ausland und es gibt keine mehr aus Deutschland.