Alpwirtschaft

Ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen

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Anja Worschech
am Dienstag, 10.08.2021 - 11:34

Pächterwechsel auf der Oberen Kalle: Christoph und Lisa Frank stellen sich nun den Herausforderungen auf dem Berg nachdem sie die Alpe von Bernhard und Monika Gomm nach 40 Jahre Alpwirtschaft übernehmen durften.

In der Küche der Alpe Obere Kalle schneidet Hüttenchef Christoph Frank Petersilie, Gurken und Frühlingszwiebeln. Die kleinen, optischen Details auf den Brotzeitplatten und den Tellern sind dem 37-Jährigen wichtig. Christoph und Lisa Frank sind seit Mai die neuen Pächter auf der Oberen Kalle und damit die Nachfolger von Bernhard und Monika Gomm, die die Alpe 40 Jahre bewirtschaftet haben.

Christoph ist eigentlich gelernter Bankkaufmann und hat aber in den vergangenen Jahren bereits auf der Ostler-Hütte und dem Kemptener Naturfreundehaus gearbeitet. „Ich habe mich quasi vom Büro in die Gastronomie gearbeitet“, sagt der Hüttenwirt mit einem Lachen. Seine Frau Lisa (25) ist Hotelfachfrau und damit ebenfalls bestens mit Küche und Service vertraut. Für beide ist mit der Chance, eine Hütte zu bewirtschaften, ein „Lebenstraum in Erfüllung gegangen“. Denn der Wunsch nach Selbstständigkeit war immer da.

Die Alpe, die auf 1201 Metern oberhalb des Großen Alpsees bei Immenstadt liegt, bleibt auch weiterhin Teil der Initiative Allgäuer Alpgenuss. „Das entspricht absolut unserem Selbstverständnis“, sagt Christoph Frank. „Es ist uns eine Herzensangelegenheit, qualitativ hochwertige Ware von einheimischen Produzenten zu verarbeiten.“ Seine Frau Lisa backt alle Kuchen selbst, bevorzugt mit Dinkelmehl.

Flexibles Personal nötig

Gerade sind die neuen Hüttenwirte dabei, sich einzugewöhnen. Ideen für Themenabende haben sie schon viele, doch zuerst wollen die beiden eine Saison durchlaufen und Routinen für ihre Arbeitsabläufe entwickeln. Als größte Herausforderung sieht Christoph Frank die Personalplanung, denn der Hüttenbetrieb ist wetterabhängig. Auf einen flexiblen Helferpool ist er angewiesen und kann dabei jede unterstützende Hand gut gebrauchen.

Lisa Frank auf der Oberen Kalle

Als im Juni das Vieh auf die Alpe kam, sei das ein sehr schönes Gefühl gewesen. Auch Kälber, Sauen, Hennen und Hasen gehören zur Familie auf der Oberen Kalle. Da die beiden keine Erfahrungen aus der Landwirtschaft mitbringen, unterstützt Michael Rottach die beiden als Hirte. Der 23-Jährige kümmert sich um das Vieh, übernimmt die Weidepflege, das Hagen, Schwenden und anfallende Arbeiten rund um die Hütte und lernt Christoph und Lisa Frank ein, was den Umfang mit den Rindern angeht. Während der Stoßzeiten packt Michael zusätzlich in der Küche mit an. Der gelernte Industriemechaniker und Maschinenbauer hat schon bei der Familie Gomm auf der Alpe mitgearbeitet.

Bernhard und Monika Gomm blicken zufrieden auf die vergangenen 40 Jahre auf der Alpe zurück und geben die Obere Kalle gern in die Hände der nächsten Generation. Anfangs sei die Vorstellung aufzuhören zwar schwer gewesen, doch als es dann soweit war, sei es ihnen leicht gefallen, erzählt Bernhard Gomm. Seitdem haben die beiden viele Entwicklungen und Veränderungen mitbekommen. „Die Weidezeit hat sich um ein bis zwei Wochen verfrüht“, sagt Bernhard Gomm. Gleichzeitig könne man bis in den Herbst hinein mit dem Vieh auf der Alpe bleiben. Auffallend sei, dass mittlerweile mehr milchleistungsstarke Schwarzbunt-Rinder den Sommer auf der Alpe verbringen, als das an die steilen Höhenlagen angepasste Braunvieh. Bei der Tiergesundheit fällt auf, dass besonders der „Äugler“ immer häufiger auftrete. Da die Laufstallschumpen das Anbinden nicht gewohnt sind, kann es schon mal eine Herausforderung sein, diese dann einzufangen. Und auch die Rossbremsen seien mehr geworden.

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Anfangs hatten die Gomms etwa 90 Rinder auf der Alpe, gegen Ende waren es im Schnitt etwa 65 Schumpen. Das hing vor allem mit der Umstellung auf eine biologische Bewirtschaftung der Alpe zusammen, da aus diesem Grund nicht mehr gesät wurde und das Futter dadurch knapper war. Angesichts so mancher trockener, wasserknapper Sommer spielen ausreichend gefasste Quellen eine wichtige Rolle bei der Versorgung von Vieh und Alpen. „Dann funktioniert es auch“, sagt Gomm. Viele Hütten haben mittlerweile auch eine UV-Filteranlage für das Trinkwasser, sodass eine noch höhere Sauberkeit für die Gäste gewährleistet werden kann. Infrastrukturell habe vor allem der Liftbau der Alpsee Bergwelt vor 16 bis 17 Jahren dafür gesorgt, dass mehr Gäste zur Oberen Kalle kommen. Und auch der Fahrweg zur Hütte habe die Bewirtschaftung deutlich erleichtert.

Besonders freut Bernhard Gomm, dass auch die Gäste immer mehr Wert auf regionale Lebensmittel legen und danach fragen. Er war 2007 Gründungsmitglied des Allgäuer Alpgenuss und mit der Alpe Obere Kalle eine der ersten Hütten, die sich auf transparente und regionale Lebensmittelketten festgelegt haben.

Bernhard und Monika Gomms Dank gilt nach 40 Jahren Alpwirtschaft den Bauern, Bergnachbarn und Gästen für „das gute, faire und respektvolle Miteinander“. Den Neuen auf der Alpe wünschen sie alles Gute.