Alp- und Almwirtschaft

Ein Leben im Berg

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Anja Worschech
am Mittwoch, 15.09.2021 - 14:03

Älpler Michl Kotz verbringt bereits seinen 10. Sommer im Berg. Zurzeit sömmert er das Vieh im Oberen Bärgündele Tal. Seine zwei Kleinhirten, Freunde und Familien gehen ihm zur Hand.

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Mit geübten Handgriffen wickelt Michl Kotz das Band um den Pfosten und zieht den Zaun straff. Damit will er das Vieh von gefährlichen Stellen wie Felsbereichen und Bachschneisen fernhalten. Erst im vergangenen Jahr hat sich ein Jungrind den Fuß gebrochen, nachdem es an einer Felswand abgerutscht ist. Es musste notgeschlachtet werden. Daher ist der 29-Jährige aus Bad Hindelang beim Hagen gründlich.

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In regelmäßigen Abständen treibt er mit seinem Kumpel Sebi die Pfähle in den Boden – eine schweißtreibende Angelegenheit im steilen, rutschigem Grasgelände unterhalb des Großen Wilden. Daher sind die beiden bereits zeitig am Morgen unterwegs. Erst seit wenigen Tagen sind Michl und seine Rinder auf der Alpe Schöneberg, auf 1688 Metern im Oberen Bärgündele Tal. Dabei darf das Vieh noch gut 300 Höhenmeter höher grasen bis unterhalb der Felswand des Schnecks – es ist der höchste Punkt ihrer Alpzeit. Die Kleinhirten Felix und Hannes behalten die Rinder dabei immer gut im Blick, damit kein Tier dem Abhang zu nahe kommt. Eine herausfordernde Aufgabe bei 185 Stück Vieh.

Die Aussicht von der Alpweide ins Tal und Richtung Prinz-Luitpoldhaus ist gigantisch. An felsdurchsetzten Stellen blüht Edelweiß. Die Murmeltiere setzen in regelmäßigen Abständen ihre Warnpfiffe ab und schlüpfen in ihr weit verzweigtes Höhlensystem. Doch so schön die Landschaft auch ist, die Arbeit im Berg ist weder romantisch noch einfach, aber zufriedenstellend.

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Älpler Michl Kotz verbringt bereits seinen 10. Sommer im Berg – er liebt das alpine Gelände und kann sich nichts anderes vorstellen. „Solange ich laufen kann, werde ich das machen“, sagt er. Zum Vieh hat Michl einen guten Draht. „Ich mag die Tiere – die sind einfach kommod zum Handhaben.“ Zwar freut er sich jeden Herbst darauf, das Vieh den Bauern zu übergeben und wieder als Schreiner an der Werkbank zu stehen. Doch schon wenige Monate später kann er den Tag kaum erwarten, an dem er endlich wieder in die Berge ziehen und die meiste Zeit des Tages draußen verbringen darf.
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Ohne Familie und Freunde geht am Berg nix. Es helfen alle zusammen. Michls Freundin Larissa kommt so oft es geht an ihren freien Tagen zur Alpe hoch und packt mit an. Sie unterstützt beim Kochen oder bei den Arbeiten im Gelände rund um die Hütte. Den Kontakt zu halten, während Michl die Sommermonate im Berg verbringt, ist nicht immer leicht, denn der Handyempfang ist schlecht. Es brauche eine gute Kommunikation, Vertrauen, Eigenständigkeit. Und vor allem brauche jeder einen Job, den er liebt, sagt Larissa.
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Die Kleinhirten sind mit vollem Eifer dabei. Hannes (13) mag die Natur und schätzt es, mal keinen Fernseher und Luxus um sich zu haben. Felix begleitet Michl schon den 3. Sommer im Berg. „Ich mag das Laufen“, sagt der 14-Jährige. Die Verantwortung über die Rinderherde ist groß. „Man muss gut Obacht geben“, sagt er. Aber die Aufgaben machten auch Spaß und stolz.
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Selbstständig dürfen die Kleinhirten im Gelände agieren. Dabei halten sie über Funkgeräte miteinander Kontakt. Jeder von ihnen hat noch ein Fernglas um den Hals hängen, damit sie die Rinder und das Geschehen auf der Weide im Blick behalten. Gegen Mittag treiben die Jugendlichen dann das Vieh von der Steilwand unterhalb des Schnecks weg in einen eingezäunten Bereich und machen sich auf zur Hütte für ein Mittagessen. Draußen sein, macht hungrig. Schon als Kinder wollten die beiden ein Leben im Berg ausprobieren. „Auch meine Freunde sind im Berg, die habe ich auch schon besucht“, sagt Hannes und treibt das Vieh runter.
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Mit ihren Ferngläsern entdecken die Kleinhirten auf dem Weg zur Hütte auch schon so manchen Besuch. Das „Hoigarta“ mit Freunden und Verwandten ist ein festes Ritual. Michl nutzt die Mittagszeit auch, um die Klauen der Rinder zu schneiden. Das schroffe Gelände gepaart mit dem feuchten Sommer, verursacht beim Vieh oft Krankheiten. Die Pflege ist daher besonders wichtig. Größte Herausforderung am Berg ist jedoch der Nebel, sagt Michl. Kühe lieben das kühle Nass und steigen in so einem Fall immer weiter auf, weil sie dann nicht zur Tränke müssen. Dabei sehen sie jedoch genauso schlecht wie der Mensch und verlaufen sich auch mal in steilen Felsbereichen. Unverzichtbar sind in diesem Fall die Kuhschellen. Eine andere Sorge des Älplers ist der Wolf. Michl könne sich zwar nicht vorstellen, dass der Wolf ein Rind reiße, aber er könnte eine Panik auslösen, die viele Tiere in den Abgrund treibt. „Wolfssicher zäunen am Berg ist unmöglich“, sagt er. Bisher hatte er aber auf seinen Weideflächen noch keine Vorfälle.
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Zurück in der Hütte. Das Leben auf der Schöneberg Alpe ist einfach. Die Kleinhirten schlafen über dem Stall. Die Stube ist Dreh- und Angelpunkt. Hier wird gekocht, gegessen, gelacht, der Tag besprochen und abends Karten gespielt. Bis die Lichter dann gegen halb elf ausgehen. Gegen 6.30 Uhr geht es dann am nächsten Morgen wieder für die Kleinhirten raus, um die Milchkuh einzutreiben, die sie zur Selbstversorgung dabei haben. Arbeitsteilung ist angesagt. Älpler Michl melkt die Kuh, danach entrahmen die Kleinhirten die Milch mit der Zentrifuge und sammeln das Fett, um später Butter draus zu machen. Auch andere Arbeiten stehen noch an: Hütte rausputzen, zäunen, Zäune ablegen, Brennholz machen, kranke Tiere einfangen und behandeln – zu tun gibt es immer etwas.
Die Drei sind ein eingespieltes Team – Ärger gibt es so gut wie nie, sagt Älpler Michl. „Die Kleinhirten sind wirklich fleißig.“ Was ihn verwundert: „Ich weiß nicht, wie sie mit so wenig Schlaf zurechtkommen.“ Er nutze gern mal die Mittagszeit, um sich eine Ruhepause zu gönnen. Die Kleinhirten hingegen zieht es dann schon wieder hinaus auf Streifzug durchs Gelände.
Kurz bevor Michls Freundin Larissa die Alpe an diesem Tag verlässt, nimmt sie noch die Essens-Wünsche der anderen entgegen. Kleinhirte Felix wünscht sich Sardinen in Öl, Michl möchte alten Bergkäse für Käsespatzen. In den nächsten Tagen ziehen Michl und seine Kleinhirten mit den Rindern wieder stufenweise ins Tal. Sie werden Mitte September am Viehscheid der Hintersteiner Galtalpen dabei sein. Dann geht ein langer, verregneter Sommer zu Ende.
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