Marktsituation

Landwirte sind mit Preisen unzufrieden

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Dr. Michael Ammich
am Donnerstag, 22.07.2021 - 15:46

Beim Erntegespräch in Wittislingen wird die enorme Lücke zwischen Erzeuger- und Endpreis thematisiert. Auch der zunehmende Flächenfraß kommt zur Sprache.

Wittislingen/Lks. Dillingen Die Ernte ist durchschnittlich, die Preise sind gut. Dennoch sind die Landwirte unzufrieden, wie sich auf dem Erntegespräch des Dillinger Bauernverbands auf dem Betrieb der Familie Zimmermann bei Wittislingen (Lks. Dillingen) zeigte. Zieht man die Inflationsrate der vergangenen Jahrzehnte heran, müsste sich beispielsweise der Weizenpreis nicht wie heute auf rund 20, sondern auf satte 92 € belaufen, sagte BBV-Kreisgeschäftsführer Eugen Bayer. Der Ärger ist verständlich, schließlich haben sich im Lebensmitteleinzelhandel bis hin zu den Bäckereien die Nahrungsmittel für den Endkunden meist spürbar verteuert.

Da stelle sich doch die Frage, wer die Spanne zwischen Erzeuger- und Endverbraucherpreis einkassiert, meinte dazu Robert Stork, Einkaufsleiter beim Unternehmen Mühlschlegel in Thannhausen, einem der größten deutschen Mehlproduzenten. „Die Landwirtschaft und die Mühlen sind es jedenfalls nicht.“ Eugen Bayer macht eine Rechnung auf. Für eine Semmel werden 35 g Mehl verarbeitet, für die wiederum 45 g Weizen erforderlich sind. Demnach lassen sich aus einer Dezitonne Weizen rund 2200 Semmeln backen, das Stück beim Bäcker zu 34 ct. Folglich erhält der Bäcker für seine 2200 Semmeln insgesamt rund 700 €. Der Landwirt dagegen muss sich für seine Dezitonne Weizen mit 20 € zufrieden geben. Würde die Semmel beim Bäcker nur einen Cent mehr kosten und dieser Cent in die Kassen der Landwirte fließen, dürften sie sich schon über einen Weizenpreis von 22 € freuen, so Bayer. Und die Verbraucher würden den Mehrpreis kaum in ihren Geldbeuteln spüren.

Wertvolle Nutzfläche geht verloren

Kreisobmann Klaus Beyrer geißelte mit scharfen Worten die Pläne zur Stilllegung von 4 % der landwirtschaftlichen Flächen. „Das ist ein Frevel an der Schöpfung, wenn solch gute Böden, wie wir sie im Landkreis Dillingen vorfinden, aus der Produktion genommen werden.“ 4 % weniger produktive Fläche bedeute allein für den Kreis Dillingen einen Verlust von mehr als 1500 ha. Bei einer durchschnittlichen Betriebsgröße von 42 ha ginge damit die Nutzfläche von mehr als 30 Betrieben verloren.

In der Flur habe es heuer so viel Getreidelagerschäden gegeben wie in den vergangenen Jahren nicht mehr. Selbst die Gerste, die lange dem Dauerregen trotzen konnte, sei vielerorts ins Lager gegangen. Die wechselhafte Witterung, die die Entwicklung von Pilz- und anderen Krankheiten fördert, habe an den Tag gelegt, wie wichtig der Pflanzenschutz immer noch sei. Weiter störte sich der Kreisobmann daran, dass die Märkte und Preise in den Hintergrund gerückt seien, während die öffentliche Debatte von der Umgestaltung der künftigen Agrarwirtschaft geprägt werde.

Auch Kreisbäuerin Annett Jung wandte sich gegen den wachsenden Flächenverbrauch. „Wir müssen alle Baumaßnahmen auf den Prüfstand stellen.“ Das gelte umso mehr, als die Gesellschaft den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft fordere. Diese benötige nämlich mehr Fläche, um dieselbe Menge an Nahrungsmittel zu erzielen wie die konventionelle Landwirtschaft. Würden jetzt auch noch Flächen aus der Produktion genommen, dann „halten die bäuerlichen Betriebe das nicht mehr aus“.

Neue GAP macht zu schaffen

In den vergangenen Jahren hätten die Landwirte händeringend um mehr Regen gebeten, erinnerte sich Friedrich Wiedenmann, stellvertretender Leiter des Bereichs Landwirtschaft am AELF Nördlingen-Wertingen. „Jetzt ist der Regen in Hülle und Fülle da.“ Gegen solch extreme Witterungsbedingungen komme selbst die beste fachliche Praxis kaum an. Zu schaffen mache den Bäuerinnen und Bauern aber auch die neue GAP, in der die Direktzahlungen noch stärker an Umweltmaßnahmen gebunden sind. Alleine könne die Landwirtschaft ihren geforderten Umbau nicht stemmen, betonte Wiedenmann. Die Gesellschaft müsse sie dabei finanziell unterstützen.

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Die Umgestaltung der Agrarwirtschaft hinterlasse auch in der bayerischen Landwirtschaftsverwaltung ihre Spuren. So habe sich der Aufgabenschwerpunkt der ÄELF auf die Verankerung der Landwirtschaft in der Gesellschaft verlagert. Gleichwohl bleibe die Beratung der Landwirte weiterhin im Fokus der Ämter. „Die Gemeinwohlfunktion der Landwirtschaft lässt sich nur dann erhalten, wenn der Landwirt möglichst wenig Fehler macht“, sagte Wiedenmann. Mit Nachdruck wies er darauf hin, dass seine Behörde jedem Landwirt für die unternehmerische Beratung mit Blick auf die weitere Betriebsentwicklung zur Verfügung stehe.

Die neue Dynamik der Agrarmärkte, erkennbar an den deutlichen Preissteigerungen im ersten Halbjahr 2021, führte Robert Fenis insbesondere auf die Exportmärkte zurück. Für den Produktmanager Südbayern der BayWa AG ist für den wirtschaftlichen Erfolg jedoch nicht nur die Menge, sondern auch der richtige Verkaufszeitpunkt entscheidend. Fenis hält die Dynamik für nachhaltig, nachdem zunehmend an den Börsen spekuliert und gehandelt werde.

Georg Tausend vom gleichnamigen Landhandel in Lauingen sieht zuverlässige Preisprognosen als immer schwieriger an. So zeige der Rapsmarkt innerhalb weniger Wochen Ausschläge von zwei bis drei Euro pro Dezitonne. Für Südbayern rechnet Tausend aufgrund der Starkregenereignisse mit einer Ernte, die insgesamt 10 % unter dem langjährigen Durchschnitt liegen dürfte. Auf die Märkte und Preise werde das jedoch keine Auswirkungen haben. Mit Preisrückgängen sei beim Dinkel zu rechnen, nachdem der Anbau hier auch in Südbayern erheblich ausgeweitet wurde.

Regionale Produkte sind gefragt

„Regionale Produkte liegen im Trend“, bekundete Stefan Ortler, Geschäftsführer des Bezirkslagerhauses Wertingen. Er hofft, dass dieser Trend auch nachhaltig ist. Robert Stork von der Firma Mühlschlegel wies auf die Schwierigkeit hin, unter den Bedingungen der neuen Düngeverordnung gute Getreidequalitäten zu erfassen. Protein und Kleber seien nun einmal sehr wichtig in der Getreideverarbeitung, gefordert sei ein Eiweißgehalt von 12,8 bis 13,5 %. „Ich bin gespannt, wie die Landwirte das hinbekommen werden“, sagte Stork. „Ich vertraue hier auf das Können der Bauern in der Region.“

Georg Zimmermann betreibt den Beutenstetter Hof bei Wittislingen. Der konventionelle Landwirt hat ihn 2003 von seinen Eltern übernommen und sich neben dem Ackerbau auf die Mast von 55 000 Hähnchen spezialisiert. Vermarktet werden sie an einen Abnehmer in Österreich. Zimmermann blickte auf das teils sehr trockene, teils kalte Frühjahr mit seinen späten Nachtfrösten zurück. Die wechselhafte Witterung habe den Pflanzenschutz recht schwierig gemacht. Der Mais lief trotz der Fröste gut auf, zeige jetzt allerdings denselben vierzehntägigen Wachstumsrückstand wie das Getreide und die Zuckerrüben. Auch Zimmermann spricht von lediglich durchschnittlichen Ernteaussichten bei diesen Früchten.
Sein Berufskollege Ulrich Mayerle bewirtschaftet ebenfalls bei Wittislingen einen Bio-Ackerbaubetrieb. „Der Biobauer muss einiges können, weil ihm Dünge-Alternativen fehlen“, erklärte Mayerle. Außerdem sei er von der Witterung nochmals mehr abhängig als der konventionelle Landwirt. „Ich selbst habe mir die Umstellung auf die ökologische Landwirtschaft einfacher vorgestellt“, räumte Mayerle ein. Umso mehr bedauerte er, dass durch den Wegfall der einzelbetrieblichen Beratung in den ÄELF auch für die Biobauern viel Beratungskompetenz verloren gegangen sei.