Praxisbeispiel

Landwirte: Die besten Naturschützer

MN-Exkursion- LPV OA-LM-30.7.
Susanne Lorenz-Munkler
am Montag, 23.09.2019 - 10:53

Exkursion des Landschaftspflegeverbands Oberallgäu am Widdumer Weiher.

Martinszell/Lks. Oberallgäu Sonnentau, Fettkraut oder Wasserschlauch: Allein vier verschiedene fleischfressende Pflanzen wachsen in den Streuweisen und Niedermooren rund um den Widdumer Weiher bei Martinszell. Darüber hinaus viele Orchideen und andere seltene, geschützte Blumen. Man muss kein Botaniker sein, um die hohe Biodiversität auf dem insgesamt 13 ha großen Gelände um den ehemaligen Fisch- und Badeweiher wahrzunehmen, der heute dem Landesbund für Vogelschutz gehört. Dieses Paradies für Pflanzen, Amphibien und Insekten war nicht immer so schön. Es wurde von Menschenhand wiederhergestellt. Das machten Stefan Pscherer, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands Oberallgäu (LPV), und seine Mitarbeiterin Leonie Schäfer zahlreichen Interessierten klar, die an einer Exkursion der Interessensgemeinschaft zur Förderung der Dörflichen Entwicklung Oberdorf Martinszell (IG OMa) teilnahmen.

Stefan Pscherer unterstrich die Bedeutung von Landschaftspflege und Artenschutz, warnte aber auch davor, Zusammenhänge zu vereinfachen. Artenschutz und Landschaftspflege seien immer eine Gratwanderung zwischen Naturschutz und Naturnutzung und jeweils im Einzelfall zu betrachten. Die Feuchtflächen und Streuwiesen rund um den Widdumer Weiher, die in früheren Jahren zur Gewinnung von Einstreu genutzt wurden, haben durch den Bau moderner Ställe an Bedeutung verloren. So sind rund 8 ha der Streuwiesen in die Brache gefallen. Das Ergebnis konnte die Gruppe sehen. Meterhohe Schilfpflanzen, Springkraut und Mädesüß-Pflanzen. Drei Arten, die sich auf feuchten und mit Stickstoff angereicherten Böden wohlfühlen und alles überwuchern. Nur durch mehrfache Mahd konnte hier die einstige Artenvielfalt wiederhergestellt werden. Zum einen bekommen die Blühpflanzen, die sich in Feuchtwiesen wohlfühlen, wieder Licht zum Wachsen. Zum anderen werde dem Boden durch jede Mahd Stickstoff entzogen. „Artenvielfalt finden wir auf mageren und stickstoffarmen Böden“, so Pscherer.
Gemäht und gepflegt werden die Flächen vom Landwirt Anton Bilgri, der aufgrund der schwierigen Bedingungen zum Teil händisch mähen muss. Bilgeri gehören 5 ha der Fläche selbst. Acht weitere Hektar pflegt er zusammen mit dem LPV, wobei er über Vertragsnaturschutzprogramme entschädigt wird. Er nutzt die gewonnene Streue selbst für Liege- und Kälberboxen. „Wir sind froh, dass wir solche Leute wie Anton Bilgri haben“, lobte Leonie Schäfer. „Wir haben im Vorjahr mit der Entbuschung begonnen und werden hier auf manchen Flächen viele weitere Jahre brauchen, um wieder eine hohe Biodiversität herzustellen.“
Und Pscherer ergänzte: „Echten Naturschutz kann man nur mit den Landwirten machen, nicht gegen sie. Ohne die Landwirte wären wir nichts.“ Der LPV Oberallgäu, in dem fast alle Oberallgäuer Gemeinden und viele Einzelpersonen Mitglied sind, versteht sich als Bindeglied zwischen Landwirtschaft und Naturschutz. „Die vielen Landwirte, die ihre Arbeitskraft und ihre Maschinen für uns zur Verfügung stellen, sind selbst die besten Naturschützer.“

Neben Feuchtwiesen gibt es auch Niedermoorflächen am Widdumer Weiher, die vom LPV renaturiert wurden. Insbesondere die Moorrenaturierung, die durch Entbuschung und Wiedervernässung auf vielen Flächen des Oberallgäus durchgeführt werde, habe für den Klimaschutz eine große Bedeutung, so Pscherer: „Ein Hektar hundertjähriger Wald speichert ebenso viel CO2 wie eine zehn Zentimeter dicke Moorschicht auf gleicher Fläche. Wenn wir Moore vergammeln lassen, löst sich eine gigantische Menge an CO2. Die CO2-Menge von einem Quadratkilometer zersetzendem Moor entspricht der Menge CO2 die entsteht, wenn wir hundert gefüllte Tanklastzüge mit Anhänger pro Jahr verbrennen.“