Umwelt

Kühe sind keine Klimakiller

Kuh
Susanne Lorenz-Munkler
am Freitag, 19.02.2021 - 10:34

Verschiedene Studien verunsichern immer wieder Landwirte, auch Biolandwirte. Kühe seien durch den Ausstoß von Methan Treiber des Klimawandels. Eine Biologin widerlegt diese These bei einem Online-Gruppentreffen von Bioland.

Zu einem Online-Gruppentreffen haben die Biolandgruppen des Landkreises Oberallgäu geladen. Zentraler Punkt war ein Referat zum Thema: „Rinderhaltung in Zeiten des Klimawandels – Warum Kühe nicht das Problem sind!“.

Die Referentin, Annika Held, Biologin mit Spezialisierung auf Ökologie, studiert derzeit noch Ingenieurökologie mit Schwerpunkt Agrar an der TU München und arbeitet nebenbei als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei „Kuh pro Klima“. Das ist ein Projekt, das innovative Strategien für eine ressourcenschonende und resiliente Grünlandbewirtschaftung entwickelt.

Um den Klimaeffekt der Landwirtschaft richtig einschätzen zu können, müsse der Blickwinkel geweitet werden, weg von einer Fixierung auf Methan, hin zu anderen wichtigen Treibhausgasen, betonte die Referentin. Insbesondere auf Lachgas, dessen Treibhauswirkung 300-mal so hoch ist, wie die von CO2.

Studien verunsichern Biolandwirte

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Annika Held: „Es wird immer wieder von verschiedenen Seiten betont, dass das größte Problem fürs Klima bei der Rinderhaltung der Methanausstoß der Kühe sei. Aber was dabei nicht berücksichtigt wird: Methan verbleibt nur zwischen neun und zwölf Jahren in der Atmosphäre und wird danach zersetzt.“ Die Landwirtschaft trage 50 % zum globalen Methanausstoss bei. Dementgegen stünden industrielle Quellen fossilen Methans, wie etwa die Fracking-Bohrlöcher in den USA, die allein für mindestens 35 % des Anstieges der Methankonzentration seit 2007 verantwortlich sind.

Vehement widerlegte Held Argumente, wonach Ökolandbau schlechter fürs Klima sei als der konventionelle Landbau. Immer wieder verunsichern entsprechende Artikel und Studien Biolandwirten. Zentrales und oftmals einziges Argument sei dabei die geringere Ertragsfähigkeit der ökologischen Landwirtschaft, die zu höheren Emissionen pro Produkteinheit führen würde.

 

„Tatsächlich ist dies ein Scheinargument!“, moniert Annika Held. Die reine Betrachtung der Erträge klammere die Input/Output-Effizienz von Betrieben aus und bevorzuge High-Input-Systeme mit großen Flächen. Ein Problem an allen Statistiken zu diesem Thema sei: „Wir haben keine Erfassung der fossilen CO2-Emissionen und wissen auch nicht, wieviel Energie in der Landwirtschaft verbraucht wird. Es gibt keine aktuellen Daten dazu.“ Zudem würden die ganzen vorgelagerten Emissionen nicht der Landwirtschaft zugerechnet. Pro Hektar seien die Emissionen im Ökolandbau sogar um etwa 40 % geringer als bei konventioneller Bewirtschaftungsweise.

Die bisherigen Erkenntnisse zu Methan- und Lachgasemissionen seien jedenfalls nicht ausreichend. Vor allem würde der ganze Bereich des Humusaufbaus durch Tierhaltung nicht berücksichtigt. „Solche Statistiken helfen uns nicht, wenn wir darüber entscheiden müssen, welche Strategie im Bereich der Landwirtschaft möglichst klimaschonend ist. Wir müssen uns dem Thema anders nähern“, betonte sie, „wir müssen hinschauen, wo die fossilen Emissionen entstehen.“

Verbraucher spielt eine große Rolle

Damit verweist Held auf den gesamten Vorleistungsbereich. Das betrifft bei der Milchviehhaltung vor allem die Futtermittel, den Dünger, die Pflanzenschutzmittel und die eingesetzten Maschinen und Geräte. Entscheidend sei auch, wieviel Strom und Sprit verbraucht und wieviel Humus abgebaut werden. Ebenso entscheidend sei das Verwertungssystem der Lebensmittel, die der Landwirt produziert hat. Wieviel Energie verbrauchen Verarbeitung, Lagerung und Transport?

Und schlussendlich spiele der Einzelhandel und das Verbraucherverhalten eine nicht unbedeutende Rolle. „Das sind alles versteckte Faktoren, die erheblich zu Buche schlagen“, betont Held.

Dazu gehörten allem auch Futterimporte aus Übersee (wofür zuvor oft die Rodung tropischer Urwälder erfolgte), hohe Emissionen aus der Produktion von Mineraldünger, Pflanzenschutzmittel und Antibiotika (Emissionen entlang der Produktionskette) und Landtechnik (Einsatz von überdimensionierten Schleppern) müssten berücksichtigt werden, um verlässliche Aussagen treffen zu können.

Verschiedene Szenarien aufgezeigt

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Annika Held zeichnete sodann ein klimatechnisches „Best Case-Szenario“: Perfekt und nachhaltig handle der Landwirt, der keine Futtermittel zukauft, auf Mineraldünger, Pflanzenschutzmittel und den prophylaktischen Einsatz von Antibiotika verzichtet und kleine, leistungsangepasste Schlepper mit hoher Effizienz fährt. Bei der Tierhaltung wirke sich die Zucht von robusten, fruchtbaren Zwei-Nutzungskühen mit hoher Lebensleistung positiv aus.

Desweiteren Weidegang und ein hoher, qualitätsvoller Grundfutteranteil. Darüber hinaus eine standortangepasste Bewirtschaftung der Flächen und deren Düngung mit hohem Mistanteil. Auch die eigene Stromproduktion über erneuerbare Energien und die Nutzung von Abwärme spare CO2 ein.

„Wir müssen davon weg, immer nur die reinen Methan-Emissionen der Kühe zu betrachten, ohne andere Faktoren zu berücksichtigen. Die Kuh stößt zwar Emissionen aus, sowie nahezu jedes andere Tier. Diese Emissionen stehen aber in Balance mit anderen Elementen des Kohlenstoffkreislaufs, solange ein Gleichgewicht zwischen Besatz und Landfläche besteht“, erklärt Held. Kurz gesagt: Die Kuh setzt nur den Kohlenstoff in Form von CO2 und Methan frei, der vorher durch die Photosyntheseleistung der Pflanzen gebunden wurde.

Die biologischen Emissionen einer Kuh seien daher nicht mit denen fossiler Brennstoffe zu vergleichen. Zudem sei die Kuh ein integraler Bestandteil unserer Agrarökosysteme. „Eine wirklich nachhaltige naturverbundene und faire Landwirtschaft ist ohne den Einsatz von Kühen nicht möglich!“ Die Kuh forme ihre Umgebung und werde umgekehrt von dieser beeinflusst. Ihre volle ökologische Rolle aber könne die Kuh nur in der Weidehaltung einnehmen.

Kuh

Ein Diskussionsteilnehmer fragte nach dem ökologischen Fußabdruck von vegetarischer und veganer Ernährung. Dazu Annika Held: „In ganz vielen Studien wird behauptet, vegane Ernährung ist super fürs Klima“. In diesen Studien werde aber als Vergleich die industrielle Massentierhaltung hergenommen. Da sei der Fußabdruck der Fleischindustrie entlang der Produktionskette denkbar schlecht.

Dazu komme, dass die Studien weder den besonderen Hintergrund der tierischen Methan-Emissionen berücksichtigen, noch die positiven Effekte nachhaltiger Tierhaltung, wie die Erhaltung von Grünlandflächen und verbesserte CO2-Bindung. Doch selbst in diesem Kontext lohne ein genauerer Blick auf die Zahlen der Alternativen wie Fleisch aus Soja oder Insekten oder im Labor gezüchtetes Fleisch…

Gerade Sojaersatzprodukte hätten ein schlechteres Nährwertprofil, so Held, weshalb es entscheidend sei, welche funktionale Einheit betrachtet werde. Würde die Ökobilanz nicht pro Produkt berechnet, sondern pro Gramm verdaubares Protein wäre Fleisch aus Soja vergleichbar mit Hühnchenfleisch!