Austausch

Weiter Kritik an Schließung der Landwirtschaftsschule

Michaela Kaniber
Toni Ledermann
am Freitag, 12.02.2021 - 13:31

Die Unterallgäuer BBV-Spitze veranstaltete eine digitale Informationsveranstaltung. Für Unmut sorgt weiterhin die Schließung der Mindelheimer Landwirtschaftsschule. Kritisiert wird Staatsministerin Michaela Kaniber.

Zu einer kombinierten Online-Informationsversammlung lud die Unterallgäuer BBV-Spitze um Kreisobmann Martin Schorer und Geschäftsführer Helmut Mader die Landwirte erstmals vor die Computer-Monitore ein. Im Mittelpunkt stand das Referat von Wolfgang Scholz zum Thema: „Wie entwickelt sich die Tierhaltung, insbesondere die Milchviehhaltung, weiter?“ Er sprach auch über die Empfehlungen der Borchert-Kommission, Initiative Tierwohl beim Rind, QM und dieAnbindehaltung.

Kreisobmann Martin Schorer informierte darüber, dass in den vergangenen Monaten die Mitglieder der Unterallgäuer Kreisvorstandschaft sich jeweils einen Politiker ausgesucht hatten, mit dem man persönlich aktuelle Probleme diskutierte. So habe er mit dem jetzigen bayerischen Gesundheitsminister Klaus Holetschek gesprochen. „Wir hoffen, dass diese Gespräche doch gefruchtet haben, zumal wir sehr viele Bereiche angesprochen haben,“ so bewertete Schorer diese Aktion. Er habe dabei auch noch mal die Schließung der Mindelheimer Landwirtschaftsschule angesprochen, „die wir noch immer nicht verdaut haben und auch nicht verdauen werden!“

An einem Strang gezogen

Martin Schorer

Da sich auch Landrat Alex Eder in einem Grußwort hinzugeschaltet hatte, dankte Schorer ihm für sein Engagement in dieser Angelegenheit. Der Landkreis-Chef dämpfte indes etwas die Hoffnung des Kreisobmanns. Die Ministerin habe damals die Unterallgäuer Delegation „recht schroff“ („Warum haben Sie sich überhaupt auf den Weg hierher gemacht“) abgefertigt. „Richtig war damals, dass wir alle an einem Strang gezogen haben“, bilanzierte Eder, der auch darauf hinwies, dass heuer schon im Kreistag die neue Arbeitsgruppe „Pro Landwirtschaft“ gegründet wurde. U.a. mit dem Workshop „Landwirtschaft und Verwaltung“ soll letzlich versucht werden, die Situation der bäuerlichen Familien zu verbessern. Die Arbeitsgruppe sei „personell hochkarätig besetzt“, alle relevanten Organisationen seien vertreten, so Eder. Demnächst werde ein erstes Treffen online stattfinden.

„Nicht oft genug kann gesagt werden, dass die Landwirtschaft nicht nur gesunde Lebensmittel herstellt, sondern auch die Landschaft pflegt,“ sagte Eder weiter. Mit 58 Prozent landwirtschaftlicher Fläche im Unterallgäu gehöre sie zu den sehr wichtigen Branchen und sei auch als Arbeitgeber ein wichtiger Faktor. Er wies aber auch darauf hin, dass die Verbraucher mit ihrem Kaufverhalten letztlich entscheiden, wohin sich Landwirtschaft entwickelt. Es sei nötig, dass für die hochwertigen Produkte aus der heimischen Landwirtschaft ein fairer Preis bezahlt werde.

Kreisgeschäftsführer Helmut Mader sprach die verschiedenen „Baustellen“ in der Beratungspraxis an. Da die Zuschüsse für das bundesweite Investitionsprogramm „Landwirtschaft“ innerhalb kürzester Zeit vergriffen waren, fordere der BBV, möglichst schnell weiteres Geld für die Bauern zur Verfügung zu stellen –nicht erst im Juli dieses Jahres, wie Mader betonte.
Immerhin etwa die Hälfte der Anträge stammten aus Bayern, freute er sich. Ein wichtiges Signal sei auch die Zahlung der „Waldprämie“ von 100 € pro Hektar. Der Antrag stehe im Internet, notwendig sei dazu ein Zertifikat der Forstbetriebsgemeinschaft.

Interessengemeinschaft wird gebildet

Erfreuerlicherweise konnte durch den Einsatz vieler, vornehmlich des BBV, bei den Roten Gebieten in Bayern eine Halbierung von 25 auf 12 Prozent erreicht werden. Für die neu hinein genommenen Gebiete im Unterallgäu werde in Kürze eine Interessengemeinschaft gebildet werden. Die betroffenen Landwirte sollen gutachterlich und mit Spezialanwälten Unterstützung finden. In dieser Sache habe der heimische BBV schon eine umfangreiche Stellungnahme ins Landwirtschaftsministerium geschickt.

Kämpfen um die Kombinationshaltung

Um das Tierwohl ging es schwerpunktmäßig im Referat des oberbayerischen BBV-Bezirkspräsidenten und Vorsitzenden des VMB, Wolfgang Scholz, beim Online-Treff des BBV Unterallgäu. Scholz bewirtschaftet zusammen mit seinem Sohn einen 80-Kuhbetrieb in Sachsenried. Viele Fragen stünden derzeit im Raum: Wer bestimmt das Tierwohl? Was will der Lebensmitteleinzelhandel? Geht es um internationale Wettbewerbsfähigkeit oder Regionales? Dies alles mache das Thema so komplex, sagte Scholz und stellte in diesem Zusammenhang auch die Borchert-Kommission vor, die 2019 von Landwirtschaftsministerin Klöckner ins Leben gerufen wurde.

Die Kommision heißt so, weil schon der ehemalige Landwirtschaftsminister Jochen Borchert einen grundlegenden und langfristigen Umbau der deutschen Nutztierhaltung gefordert hatte, hin zu mehr Tierwohl und Umweltschutz. Das soll nun schrittweise und tierartspezifisch bis 2040 erfolgen. Ebenso sei eine Abgabe auf tierische Produkte im Gespräch, um diesen Umbau zu finanzieren. Dabei gebe es einen Drei-Stufen-Plan:

  • In der ersten Stufe „Stall Plus“ werde mehr Platz und bei Schweinen mehr Beschäftigungsmaterialien eingefordert.
  • In der Stufe 2 „Verbesserte Ställe“ noch mal zusätzlicher Platz, Strukturierung des Stalls und Klimazonen möglichst mit Kontakt zum Außenklima; teilweise Planbefestigungen, um von den Spaltenböden wegzukommen. Neubauten erfolgten mit Kontakt zum Außenklima.
  • In der Stufe drei „Premium“ wird mehr Platz als in den beiden vorausgegangenen Stufen gefordert; dazu Auslauf oder Weidehaltung.

„Als langfristiges Ziel empfiehlt die Kommission die vollständige Überführung der deutschen Nutztierhaltung in Stufe 2 und in Stufe 3 einen hinreichend großen Marktanteil, um technische und organisatorische Innovationen zu fördern und die Kleinstmengenproblematik in der Wertschöpfungskette zu überwinden, sagte Scholz weiter.

Mit der Initiative Tierwohl (ITW) habe der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) im April 2019 Kennzeichnungen bei Fleisch von Schweinen, Geflügel und Rind mit einheitlichen Kennzeichnungen eingeführt, „ohne auf unsere Befindlichkeiten zu achten“, kritisierte Scholz. Der LEH sei damit Verbraucherwünschen nach Transparenz nachgekommen. „Ja kann man dazu sagen, wenn für die höheren Auflagen auch mehr Geld in die bäuerlichen Taschen fließen“, so Scholz. Allerdings seien die verschiedenen Labels/Kennzeichnungen „so unübersichtlich, da kenne sich kein Mensch mehr aus.

Hier kam die Anbindehaltung zur Sprache, die vom LEH in Stufe 1 eingruppiert wird. Man versuche bereits jetzt die Anbindehaltung zu schwächen, in dem weniger bezahlt wird, um die Landwirte zu motivieren sich auf den Weg zu machen und zu entwickeln. Dies sei, so Scholz, „eine sehr dramatische Entwicklung“. BBV, VMB, Molkereiverbände und weitere Organisationen wie die Genossenschaftsverbände haben dafür gekämpft, dass die Anbindehalter so weit wie möglich mitgehen können. Nämlich als „Kombinationshalter“, wenn Anbindehaltung eines Tages nicht mehr möglich sein wird. Dieser Zeitpunkt sei noch nicht bekannt! Man habe Zeit gewonnen. Anbindehalter müssen nun die Möglichkeit schaffen, dass sich die Tiere bewegen können, dann brauchten sie nicht in einen teuren Laufstall zu investieren, sondern können in Stufe 2 integriert werden und am Markt bleiben.

Auch auf Druck von BBV-Präsident Walter Heidl habe man beim DBV Unterstützung erreicht. Denn in Nord- und Ostdeutschland kenne man das Problem Anbindehaltung gar nicht. Gleichwohl brauche es aber eine wesentlich höhere Bereitschaft dafür, dass die Anbindehalter diesen Weg mitgehen und nicht aus ihrem großen Frust heraus sagen, „wenn sie uns nicht mehr wollen, dann schmeißen wir alles hin“, so der Referent. Dem Land tue es sicher nicht gut, wenn rund die Hälfte der Bauernhöfe aufhörten, warnte Scholz, und stellte weiter fest: „Die Kombinationshaltung ist in vielen Fällen machbar und es ist auch oft weniger teuer als man meint.“

Initiative Tierwohl für Rinderhaltung vorgestellt

Die Ansprüche betragen 4,5 m² pro Kuh. Er kenne einen Anbindestall mit 39 Kühen, der den geforderten Auslauf in drei Schichten auf nur 58 m² Lauffläche durchzieht. Dies sei ein Beispiel dafür, dass die Anforderungen für die Kombinationshaltung in vielen Fällen machbar ist. Wenn viele Landwirten dies so in Angriff nehmen, werde Zeit gewonnen, für die, die später umbauen wollen. Befinde sich die Kombinationshaltung aber in Stufe 2, so sei dies keine Lösung für jene, die weiterhin eine ganzjährige Anbindehaltung in Stufe 1 haben. Dann seien BBV und weitere Organisationen gefordert, darüber zu verhandeln, dass Betroffene weiterhin ihre Produkte verkaufen können.

Der Referent stellte auch den Entwurf der Initiative Tierwohl für Rinderhaltung vor, der unter Anlehnung an QM-Milch entstanden sei. Unter anderem die Teilnahme am Antibiotika-Monitoring, sowie am indexierten Schlachtbefunddatenprogramm. Auch die Sauberkeit der Tiere und Scheuermöglichkeiten fielen hier herein. Zusätzlich im Kriterienkatalog „Milchvieh“ seien die Verödung von Hornanlagen, Eutergesundheit und eine Abkalbebucht genannt.

Scholz brach eine Lanze für langlebige Rassen, „die zwölf Jahre und älter“ werden. Völlig normal sei es, dass bei diesen Kühen Alterserscheinungen vorkommen. In allen Ställen gebe es „auffällige“ Tiere. Jeder Braunviehbetrieb habe auch ältere Kühe. Sie bringen gute Leistungen und seien wirtschaftlich. „Sie haben gewisse Verschleißerscheinungen, die einfach mit zum Leben gehören.“ Das sei nicht schlimm. Zähle man Zellzahl und weitere Alterserscheinungen hinzu, so komme man schnell auf 50 Prozent sogenannter auffälliger Tiere in einer Herde.

Abschließend bilanzierte Scholz: „Wir müssen uns weiterentwickeln. Wir können die Weiterentwicklung auch nicht verhindern, sondern nur moderat gestalten – und dafür tun wir sehr viel und dafür kämpfen wir.“