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Tagung

Kartoffelanbau: Immer weniger Chemie

Michael Ammich
am Freitag, 27.03.2020 - 10:11

Kartoffelbau-Fachtagung in Laimering

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Laimering/Lks. Aichach-Friedberg Künftig werden die Anbauer tiefer in die Tasche greifen müssen, um das Kartoffelkraut wirksam abzutöten. Ohne Schlegeln oder Abflämmen in Kombination mit weniger wirksamen chemischen Mitteln wird es wohl kaum mehr gehen, wie Albert Höcherl vom Fachzentrum Pflanzenbau am AELF Augsburg auf der Fachtagung Kartoffelbau in Laimering erklärte. Doch die mechanische und thermische Krautabtötung ist bei weitem nicht so effizient wie der Einsatz von Chemie. Höcherl listete die Nachteile dieser Verfahren auf.

  • Krautschlegler: eine hohe Wiedertaustriebsrate, erhebliches Risiko durch Viren- und Bakterienverteilung, Freilegung von Dämmen und grünen Knollen, in Hanglagen schwierig einzusetzen, eine Neuinvestition für viele Betriebe, eine geringere Flächenleistung als beim Einsatz von Chemie und höhere Verfahrenskosten.
  • Abflämmgerät: ebenfalls eine hohe Wiederaustriebsrate und ein erhebliches Risiko durch Viren- und Bakterienverteilung, Brandgefahr, hohe Anschaffungs- und Betriebskosten, meist Neuinvestition, geringere Flächenleistung, hohe Verfahrenskosten und die Gaslogistik. Pro Meter Arbeitsbreite und Stunde sind für das Abflämmen 25 kg Flüssiggas erforderlich. Eine Tankfüllung reicht bei einer Arbeitsbreite von sechs Metern für zwei bis drei Hektar. Bei einer Fahrgeschwindigkeit von 3 km/h ergibt sich bei sechs Metern Arbeitsbreite eine Flächenleistung von rund 1,8 ha pro Stunde. Die Gaskosten belaufen sich auf rund 50 € je Hektar.
  • Eine mögliche Alternative wäre die Elektrosikkation. Dieses Verfahren steckt laut Höcherl jedoch noch in den Kinderschuhen. Sein Erfolg hängt auch von der Bodenfeuchte ab.

Kombination von Verfahren

Da sowohl die Schlegel- als auch die Abflämm-Methode für sich allein nicht effizient genug sind, läuft es wohl auf eine Kombination der beiden Verfahren mit den verbleibenden chemischen Abtötungswirkstoffen hinaus. Dazu gehören Quickdown mit Toil, Shark und Beloukha. Der Einsatz von Quickdown ist nur nach dem Krautschlagen erlaubt, die Kosten belaufen sich auf 60 bis 120 €/ha. Shark ist dagegen mit oder ohne Krautschlagen erlaubt, die Kosten bewegen sich bei 50 €/ha. Beloukha wiederum ist ein Pelargonsäurepräparat, das mit 150 bis 400 €/ha in das Konto schlägt. Der Einsatz des Mittels ist nur nach dem Krautschlagen gestattet. Allerdings will sich der Hersteller von Beloukha aus dem Kartoffelbereich zurückziehen.

Die staatlichen Anbauversuche von Pommesfrites-Kartoffeln bei Langenreichen zeigen einen hohen Einfluss der über das Jahr hinweg herrschenden Witterungsverhältnisse. In schwierigen Jahren ergab sich eine schwächere Wirkung der verschiedenen Krautregulierungsmittel. In manchen Versuchen stellte sich heraus, dass die Blätter in unbehandelten Beständen zu 50 % abstarben. Nach einer mechanischen Krautabtötung ergaben sich ein sehr geringer Wiederaustrieb und geringe Qualitätsprobleme. Auch das Abflämmen erwies sich als relativ effizient. Wurde zu den zugelassenen chemischen Abtötungsmitteln noch Magnesiumchlorid dazugegeben, zeigte sich eine verbesserte Wirkung. Das Problem: Magnesiumchlorid ist eigentlich ein Düngemittel, das vom Gesetzgeber nicht für die Anwendung im Pflanzenschutz vorgesehen ist.
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Das Abschlegeln oder Abflämmen des Kartoffelkrauts in Kombination mit einem dafür zugelassenen chemischen Mittel ist durchaus so wirksam wie der ausschließliche Einsatz von Chemie, fasste Höcherl zusammen. Die Häufigkeit und Stärke des Wiederaustriebs halten sich in einem vertretbaren Rahmen. Setzt der Anbauer jedoch nur auf das Abschlegeln oder Abflämmen, ist die Wirkung deutlich geringer als beim alleinigen Einsatz von Chemie.

Krautabtötung als Herausforderung

Die größte Herausforderung wird künftig die Krautabtötung in Pflanzkartoffel- sowie späten Konsum- und Veredelungsbeständen sein. Mittelfrühe Konsumbestände gilt es vor allem über das Stickstoffdüngerniveau und die Sortenwahl zu steuern, späte Stickstoffgaben sind zu vermeiden. Außerdem sollten bei der Krautabtötung alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, beispielsweise durch den Einsatz von Doppelstrahldüsen. Möglich ist auch der Einsatz von Zusätzen bei der kombinierten mechanischen, thermischen und chemischen Abtötung.

Auch die Kraut- und Knollenfäule macht den Kartoffelbauern in manchen Jahren stark zu schaffen. Wie Paul Harrieder von der Firma Corteva erklärte, befällt der Phytophtora-Pilz sowohl den Stängel als auch die Blätter der Kartoffelpflanze. Seine Sporen verbreiten sich über Wind und Wasser und können an einem einzigen Tag bis zu 100 km weit fliegen. Auch nur latent befallene Kartoffeln können andere Knollen über das Bodenwasser infizieren.
Im langjährigen Mittel verursacht die Krautfäule in Deutschland einen Ertragsverlust von 27 %, zudem Qualitätseinbußen durch die Braunfäule. Innerhalb von nur drei Wochen kann ein Phytophtora-Befall einen kompletten Bestand abtöten, sagte Harrieder. Befallene Pflanzkartoffeln sehen äußerlich oft gesund aus, obwohl sie bereits latent infiziert sind.

Phytophtora bekämpfen

Als Maßnahmen gegen Phytophtora empfehlen sich die Beseitigung von Durchwuchskartoffeln in allen Kulturen, das Vermeiden von Kartoffelmieten und Abfallhaufen, ein weiterer Reihenabstand zur schnelleren Abtrocknung des Kartoffelbestands, eine angepasste Stickstoffdüngung, die passende Sortenwahl, Pflanzenschutzmaßnahmen und das Beachten der Meldungen von Warndiensten.

Die Firma Corteva hat einen neuen Wirkstoff gegen die Ausbreitung der Krautfäule entwickelt: Zorvec oder – so die chemische Bezeichnung – Oxathiapiprolin. „Um den Pilz unter Kontrolle zu bringen, ist unglaublich wenig Wirkstoff erforderlich“, versicherte Harrieder. Damit entspreche Zorvec den erhöhten Anforderungen im chemischen Pflanzenschutz. Der Stoff weise eine hohe Regenfestigkeit auf und wandere schnell in die Pflanzen ein. Eingesetzt werden kann Zorvec vom Spritzstart an bis zum Ende des Krautzuwachses.

Alternaria-Pilz überwintert in Pflanzenresten

Ein weiterer Feind des Kartoffelbaus ist der Alternaria-Pilz. Er kommt in Form der Dürrfleckenkrankheit (Alternaria solani) und der Sprühfleckenkrankheit (Alternaria alternata) vor. Der Erreger überwintert in abgestorbenen Pflanzenresten im Boden, von dort aus infiziert er im Frühjahr die unteren Blätter der Kartoffelpflanze.Verbreitet wird die Alternaria über Konidien. Mit Vorliebe befällt der Pilz ältere und geschwächte Pflanzen. Befallsfördernd wirken anfällige Sorten, eine Fruchtfolge mit vielen Kartoffeln in der Region, warme Witterungsphasen mit anschließendem Niederschlag oder Beregnung, Stess durch Hitze, Trockenheit und Nährstoffmangel, Blattlausbefall oder ein mangelhafter Fungizidschutz im Juli und August.

Um dem Alternariabefall vorzubeugen, empfahl Harrieder eine mindestens zwei- bis dreijährige Anbaupause, die Bekämpfung von Durchwuchs in allen Kulturen, die Verwendung von gesundem Pflanzgut, die Vermeidung von Stress, eine optimale Nährstoffversorgung und Düngung und den Einsatz von geeigneten Pflanzenschutzmitteln.

Die größte Herausforderung wird künftig die Krautabtötung in Pflanzkartoffel- sowie späten Konsum- und Veredelungsbeständen sein.