Schweinehalter

Kampf mit ASP und Corona

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Michael Ammich
am Montag, 18.01.2021 - 15:44

Die beiden Viren sorgen bei den Schweinehaltern für enormen Druck.

Während der Corona-Pandemie haben die Bevölkerung und die Medien – Gott sei Dank, wird der Landwirt sagen – nahezu vergessen, dass sich derzeit noch ein anderes Virus in Deutschland ausbreitet: die Afrikanische Schweinepest. Zusammen mit den Corona-Beschränkungen in der Schlacht- und Zerlegeindustrie entsteht dadurch für die Schweinehalter ein toxisches Gemisch, das manche Betriebe bald in Existenznöte führen könnte. Auf einer Online-Mitgliederkonferenz nahmen sich die BBV-Kreisverbände Günzburg und Neu-Ulm der beiden Themen an.

Extremer Preisverfall

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„Seit Monaten sind die Schweine- und Ferkelpreise im Keller“, klagte der Neu-Ulmer Kreisobmann und Ferkelaufzüchter Andreas Wöhrle. „Vor einem Jahr schwebten die Schweinehalter noch auf Wolke Sieben, die Preise waren so hoch wie nie zuvor.“ Für den Preisverfall machte Wöhrle neben den coronabedingten Kapazitätsreduzierungen in der Schlachtindustrie und dem daraus folgenden Schweinestau auch die Exportverluste durch den Ausbruch der ASP in Deutschland verantwortlich. Insbesondere das Asiengeschäft leide darunter. Allein China habe zuvor noch ein Viertel der deutschen Schweinefleischexporte abgenommen. Die Lockdowns sorgen jetzt erneut dafür, dass die Gastronomie als weiterer Großverbraucher von Schweinefleisch ausfällt.

Für Entlastung sorgen

Wöhrle forderte von der Politik eine Marktentlastung durch die Einlagerung von Schweinefleisch und eine Regionalisierung der ASP-Beschränkungen. Es müsse möglich sein, innerhalb der EU Schweinefleisch auch aus von der ASP betroffenen Gebieten zu handeln. Sauer stieß den Kreisobmann das Verhalten des Lebensmitteleinzelhandels auf, der die Coronakrise nutze, um die Preise mehr als notwendig abzusenken. Von der Politik erwartet sich Wöhrle den Zugang zur November-Soforthilfe und zu den Überbrückungshilfen auch für die deutschen Schweinehalter, dazu steuerliche Erleichterungen wie die Erweiterung des Verlustrücktrags. Außerdem müssten die Arbeitszeiten in der Schlacht- und Zerlegeindustrie flexibler gestaltet werden. Abschließend appellierte der Kreisobmann an die Solidarität der Schweinemäster mit den Ferkelerzeugern.
„Das war der beste Vortrag, den ich bisher zur Afrikanischen Schweinepest gehört habe“, bedankte sich ein Teilnehmer der Online-Konferenz bei Michaela Gross vom Tiergesundheitsdienst Bayern in Günzburg. Die Tierärztin sprach von mittlerweile mehr als 300 bestätigten ASP-Fällen bei Wildschweinen in Deutschland. Diese treten jetzt nicht mehr nur in Brandenburg, sondern auch in Sachsen auf.

ASP nicht sehr ansteckend

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Das Virus sei nicht sehr ansteckend, erklärte Gross. Der effizienteste Übertragungsweg laufe über den direkten oder indirekten Kontakt zu Blut, in dem die Viruslast sehr hoch ist. In geringerer Konzentration kommt es aber auch zu Virusausscheidungen mit Sekreten und Exkreten wie Speichel, Urin, Kot oder Sperma. Von Tier zu Tier wird das ASP-Virus über Mund und Nase übertragen. Weitere Wege seiner Verbreitung sind kontaminierte Gegenstände wie Schuhe oder Fahrzeuge, infizierte Fleisch- und Wurstwaren. Für den Menschen jedoch ist der nicht mit der klassischen Schweinepest verwandte ASP-Erreger ungefährlich.

Eine praxistaugliche Impfung gegen die ASP ist bislang nicht in Sicht, bedauerte Gross. Das ist ein umso größeres Problem, als das Virus sehr stabil gegen äußere Einflüsse wie Hitze ist. In Tierkadavern und im Blut bei Raumtemperatur kann es monatelange überdauern. In konserviertem Schinken hält es sich unbeschadet über sechs Monate, in der Wurst immerhin über einen Monat, in gefrorenen Schlachtkörpern sogar über mehrere Jahre hinweg. Auch in der Gülle kann das Virus rund 100 Tage lang überleben.

Aber hohe Letalität

Beim ASP-Virus kommen also mehrere ungünstige Faktoren zusammen: Seine geringe Ansteckungskraft verhindert ein vollständiges Aussterben der Wirtspopulation, während seine hohe Letalität für eine hohe Verfügbarkeit durch anfallende Kadaver sorgt. Die ausdauernde Ansteckungskraft des Virus sichert wiederum sein langes Überleben in der Umwelt.
Zu den unspezifischen Symptomen der ASP gehören Fieber, Fressunlust, Apathie, manchmal auch Atemwegssymptome, Durchfall und Aborte. Im klinischen Bild zeigen sich nach einigen Tagen Hauteinblutungen wie bei der klassischen Schweinepest. Es kann auch zu plötzlichen Todesfällen ohne erkennbare vorangegangene Symptome kommen. Aktuell ist der Erreger hoch virulent, so dass nahezu jedes infizierte Wildschwein nach rund einer Woche stirbt. Die Inkubationszeit beläuft sich auf zwei bis fünfzehn, höchstens 45 Tage. „Aber es infiziert sich nicht jedes Schwein“, sagte Gross.

Über Afrika und Georgien

Den Weg nach Deutschland fand die ASP über ihren Ursprungskontinent Afrika, von wo sie zuerst nach Georgien eingeschleppt wurde, bevor sie 2014 in der EU ankam. 2019 trat sie im westlichen Polen auf und wurde am 10. September 2020 erstmals auch bei einem Wildschwein in Deutschland nachgewiesen. 2017 wurde der Erreger bei Wildschweinen in Tschechien festgestellt, woraufhin dort alle Schwarzkittel in der weiteren Umgebung getötet wurden.
Seit 2018 traten in Tschechien keine neuen Fälle mehr auf, so dass das Land seit 2019 nach den EU-Richtlinien als ASP-frei gilt. Auch in Belgien wurde das Virus 2018 in toten Wildschweinen nachgewiesen, eingeschleppt vom Menschen durch Speiseabfälle. Im Kerngebiet wurden daraufhin alle Wildschweine gekeult. Im vergangenen Oktober konnte das Land den Status „ASP-frei“ beantragen.
Im „Rahmenplan Afrikanische Schweinepest“ hat das bayerische Umweltministerium tierseuchenrechtliche Maßnahmen zur Vorbeugung und Bekämpfung erabeitet. Im Fall einer ASP-Ermittlung bei einem Wildschwein werden demnach eine Restriktions- und eine Pufferzone eingerichtet mit einem Kerngebiet im Radius von drei bis vier Kilometern rund um die Fundstelle. Das gefährdete Gebiet erstreckt sich über einen Radius von 15 bis 25 km. Geregelt werden darin die Flächennutzung, Jagd und Tiertransporte.

Vorbeugende Untersuchung

Zur Vorbeugung gehört die freiwillige ASP-Statusuntersuchungalseine Art Früherkennungsprogramm. Sie ist zwar kostenpflichtig, wird aber durch die Tierseuchenkasse unterstützt. Ein großer Vorteil für die teilnehmenden Betriebe: Die Statusuntersuchung erleichtert ihnen das Verbringen der Schweine aus einem Restriktionsgebiet, da sie als ASP-frei gelten und die Tiere entsprechend in der HI-Tierdatenbank dokumentiert sind. Da keine Blutentnahme vor dem Transport erfolgt, ist der Betrieb von Laborkapazitäten unabhängig.
Wie Gross erklärte, muss ein Betrieb ohne ASP-Status, der Schlachtschweine verbingen will, im Seuchenfall innerhalb von sieben Tagen vor dem Transport von zehn Schweinen bei jedem Tier eine Blutprobe nehmen lassen, bei 30 Schweinen 26, bei 100 Schweinen 45 und bei1000 Schweinen 58 Proben. Im Fall einer Verbringung von Ferkeln oder Baybferkeln müssen alle Tiere beprobt werden.

Restriktionszonen

In der Restriktionszone gelten strenge Maßnahmen, wenn Hausschweine verbracht werden sollen: Die Tiere müssen zuvor seit der Geburt oder mindestens 30 Tage lang auf dem Hof gestanden sein und in den letzten 30 Tagen durfte keine Einstallung aus einem gefährdeten Betrieb erfolgen. Außerdem muss jedes zu verbringende Tier sieben Tage zuvor ein negatives Testergebnis aufweisen.
Besser als solche anlassbezogenen Untersuchungen ist die ASP-Statusuntersuchung, betonte Gross. Dabei werden der Betrieb zweimal jährlich durch den beauftragten Hoftierarzt inspiziert, die Biosicherheit überprüft und der Bestand klinisch untersucht. Der Betrieb muss pro Porduktionseinheit die Beprobung der ersten zwei verendeten Schweine pro Woche, die älter als 60 Tage sind, garantieren. Außerdem sind wöchentlich alle verendeten Schweine, die älter als 60 Tage sind, zu melden. Zudem hat der Betrieb die festgelegten Anforderungen an die Biosicherheit zu erfüllen. Sind alle diese Voraussetzungen gegeben, darf sich der Betrieb ASP-frei nennen.
Der Kostenvorteil der ASP-Statusuntersuchung gegenüber einer anlassbezogenen Untersuchung liegt auf der Hand. Für einen geschlossenen Beispielbetrieb mit 80 Zuchtsauen setzt Gross 8400 € innerhalb von vier Monaten für die anlassbezogene Untersuchung an. Der Aufwand für die ASP-Statusuntersuchung beläuft sich dagegen auf nur 1645 € pro Jahr.
Natürlich verlange die ASP-Statusuntersuchung von den schweinehaltenden Betrieben eine gewisse Risikobereitschaft, räumte die Veterinärin ein. „Aber es gibt auch die Möglichkeit, abzuwarten und mit der Statusuntersuchung erst beim Näherkommen der Seuche zu beginnen. Die Statusuntersuchung ist sogar noch möglich, wenn der Betrieb bereits in der Restriktionszone liegt.“

Keine Garantie

Allerdings biete die Statusuntersuchung keine Garantie, dass die Schweine auch tatsächlich verbracht werden können, da ja der Markt das Geschehen bestimme. Dazu kommt noch: „Bei einem ASP-Fall in einem Hausschweinebestand in Deutschland ist auch die ASP-Statusuntersuchung hinfällig.“ Damit dieser Fall erst gar nicht eintritt, appellierte Gross an die Schweinehalter, niemals Speisereste zu verfüttern, jeden Kontakt ihrer Tiere mit Wildschweinen zu vermeiden, eine Hygieneschleuse einzurichten und Vorsicht bei Fremdarbeitern, Spaziergängern und Schulklassen walten zu lassen.