Biodiversität

Insektenwälle als neue Heimat

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Michael Ammich
am Dienstag, 28.07.2020 - 09:50

Erdwälle, die mit Blühmischungen eingesät werden, sollen Käfern und anderen Insekten ein Zuhause geben.

Immer mehr bäuerliche Familien entdecken ihr Herz für den Artenschutz, auf immer mehr Blühflächen finden Insekten, Vögel und Wild einen Rückzugsraum mit vielfältigem Nahrungsangebot. In Birkhausen, mitten in der intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaft des Nördlinger Rieses, nimmt der Betrieb von Tanja und Markus Zellinger als einer von drei bayerischen Betrieben an einem Projekt zum Insektenschutz teil. Auf mehreren Ackerschlägen wurden „Beetle Banks“ angelegt. Dabei handelt es sich um Erdwälle, die mit Blühmischungen eingesät werden und neben Käfern auch anderen Insekten ein Zuhause geben sollen.

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Dass der Birkhausener Betrieb für das wissenschaftlich begleitete Projekt ausgwählt wurde, kommt nicht von ungefähr. Markus Zellinger ist nicht nur Landwirt, sondern auch Jäger. Seine Jagdpassion teilt der 50-jährige Agrarbetriebswirt mit einer großen Leidenschaft für die Natur. Über den Berufsjäger des Fürstenhauses Oettingen-Spielberg kam er mit Fürst Albrecht in Kontakt, der wiederum als Vorsitzender des Vereins „Game Conservancy Deutschland“ agiert. Die Organisation wurde 1990 nach dem Vorbild des englischen Game & Wildlife Conservation Trust gegründet. Dessen Ziel ist die Verbindung der bewirtschafteten Kulturlandschaft mit der Schonung der natürlichen Ressourcen und der Förderung der Artenvielfalt. Leitmotiv des Vereins ist folglich eine lebendige Natur durch nachhaltige Nutzung. Zu diesem Zweck wurde auch das Projekt „Insektenwälle in Bayern“ ins Leben gerufen, das vom bayerischen Landwirtschaftsministerium gefördert wird.

Erfahrungen zu den Insektenwällen gibt es in Mitteleuropa kaum

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Erfahrungen zu den Insektenwällen gibt es in Mitteleuropa kaum, erklärt Dr. Daniel Hoffmann, geschäftsführender Direktor des Game Conservancy Deutschland. In Großbritannien dagegen wurde das Konzept schon in den 80er Jahren erprobt. Die Insektenwälle bieten allen Tier- und Pflanzenarten des Offenlands über das gesamte Jahr hinweg einen Lebensraum. Mit der Anhäufung des Ackerbodens zu einem Wall entstehen windberuhigte Bereiche. Durch die lockere Erde können die Wälle nach Niederschlagsereignissen schnell abtrocknen. Außerdem kriechen Staunässe und Frost in die Erdhaufen langsamer als in den flachen Boden.

Für Hoffmann sind jedoch nicht nur die ökologischen Vorteile der Insektenwälle entscheidend. „Ein Schwerpunkt liegt auch in der ökonomischen Betrachtung.“ Im Projekt wird also auch untersucht, wie sich die Wälle wirtschaftlich auf die teilnehmenden Betriebe auswirken. Dabei setzt der Verein auf die Zusammenarbeit mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, wo bereits Bachelor-Arbeiten zu diesem Thema vergeben wurden. Zusätzlich greift das Projekt auf das Fachwissen der veterinärmedizinischen Universität Wien zurück. Basis der Untersuchungen bilden vorerst 25 Insektenwälle in Schwaben, Niederbayern und Unterfranken. So wird aktuell in Birkhausen das Insekten- und Spinnenleben auf den Wällen beobachtet und mit Referenzflächen verglichen, die mitten in einem landwirtschaftlich genutzten Feld liegen. Zudem wurden die Brutvogelvorkommen in der Birkhausener Flur kartiert. Allein auf den Schlägen des Betriebs Zellinger konnten heuer 65 dieser Vogelarten nachgewiesen werden.
Das Ergebnis der Insekten- und Spinnenzählung steht allerdings noch aus, das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt. Bei Versuchen konnten auf den Wällen jedoch bereits bis zu 1000 Insekten-Individuen pro Quadratmeter gemessen werden. Zu verdanken ist diese hohe Zahl insbesondere den günstigen Überwinterungsmöglichkeiten im trockenen Wall. Im Frühjahr können sich die Insekten von den Wällen aus über die gesamte Ackerfläche verbreiten.

Erste Erfolge stellen sich ein

Markus Zellinger kann schon jetzt erste Erfolge sehen: „Auf den Wällen gibt es deutlich mehr Insekten und Spinnen als auf den konventionell genutzten Flächen ringsum.“ Das wird auch an den 26 Fallen sichtbar, die über die Erdwälle und Blühflächen verteilt sind. Ein Blick in die kleinen Behälter zeigt jeweils hunderte Tierchen, die sich darin verfangen haben und regelmäßig gezählt werden. Darunter befinden sich zahlreiche Nützlinge, die beispielsweise bei der Bekämpfung der Blattläuse in Kartoffelbeständen helfen können.

Das ist auch ein wichtiger Aspekt für Zellinger. Mit seinem Ackerbaubetrieb bewirtschaftet er 35 ha Veredelungskartoffeln, 30 ha Silomais, 15 ha Weizen und 20 ha Triticale. Dazu kommen noch 1,2 ha Insektenwälle und 1,3 ha mehrjährige Blühflächen. Außerdem ist er an einer Biogasanlage im nahen Maihingen beteiligt. Ein weiteres Betriebsstandbein sind Ferienwohnungen, die auf dem Bauernhof in Birkhausen eingerichtet wurden. Schon seit einigen Jahren legt der Landwirt Blühflächen und teils 15 m breite Gewässerrandstreifen an, die über das KULAP gefördert werden. Da brauchte es keine große Überzeugungsarbeit, ihn für das Insektenwall-Projekt zu gewinnen.
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Insgesamt zehn Wälle in verschiedenen Varianten hat Zellinger errichtet. Mit dem Pflug häufte er im März jeweils den Ackerboden auf einer Breite von mehreren Metern bis zu einer Höhe von 75 cm auf. An anderen Stellen wurden nur Blühstreifen ohne Wall geschaffen. Nach dem Anhäufen blieben die grobscholligen Wälle drei Wochen lang unbearbeitet, im April wurde die Blühmischung mittels Schlepper und umgebauter Sämaschine angesät. Da die Kräuter und Gräser Lichtkeimer sind, können sie offen auf und zwischen den Schollen verbleiben. Zusammengesetzt ist die Blühmischung aus Leindotter, Koriander, Buchweizen, Sonnenblume, Hornklee, Esparsette, Luzerne, Phacelia, Inkarnat- und Wiesenklee, Futterwicke, Glatthafer, Weicher Trespe, Wiesenkammgras, Knäulgras, Wiesenschwingel, Wolligem Honiggras und Wiesengoldhafer.

Ökologische Wirkung lässt sich steigern

Die Insektenwälle sollten mehr als 200 m lang und 2 m breit sein. Ein Abstand der Wälle von höchstens 150 m gewährleistet, dass die genutzte Ackerfläche zwischen ihnen gleichmäßig von den Insekten beeinflusst wird. Grenzt ein Wall an eine andere Biotopfläche an, steigert sich die ökologische Wirkung. Auf beiden Seiten des Walls sollte in einem Abstand von jeweils 6 m auf chemischen Pflanzenschutz und Düngung verzichtet werden. Die durchschnittliche Schlaggröße beläuft sich beim Betrieb Zellinger auf rund 5 ha. Da die Schläge meist eine Länge von 220 bis 300 m aufweisen, kann dort gut eine Beetle Bank angelegt werden.

Kosten entstehen Zellinger nicht, er rechnet mit einer Ausgleichszahlung von rund 1000 €/ha. „Zusätzlich verdient ist damit nichts, aber ich will ja einen Beitrag zum Artenschutz und zur Öffentlichkeitsarbeit für die Landwirtschaft leisten. Ich möchte nur das Geld erhalten, das ich durch den Anbau einer Frucht verdienen würde.“ Der Landwirt zeigt Verständnis dafür, dass nicht jeder Berufskollege mit einer mehrjährigen Blühfläche liebäugelt. „Ich denke, dass hier spätestens nach drei Jahren das Unkraut überhand nimmt.“

Bevölkerung kann sich eine Scheibe abschneiden

Auch Zellingers Tochter Sofia ist von den Insektenwällen überzeugt. „Da kann sich die Bevölkerung eine Scheibe abschneiden von dem, was die Landwirte für die Biodiversität leisten“, sagt die angehende Landwirtschaftsmeisterin und Vorsitzende der Donau-Rieser Jungbauernschaft. In den Wällen und Blühflächen sieht sie eine „Chance, das Image der Landwirtschaft zu verbessern“. Die Blühflächen seien ein Signal an die Gesellschaft, dass die Bauern nicht nur vom Naturschutz reden, sondern handeln.

Das sieht Sofias Vater nicht anders. „Würden sich die Landwirte noch mehr an freiwiligen Agrarumweltmaßnahmen beteiligen, müssten sie gar nicht erst Sorge haben, dass ihnen über das Ordnungsrecht immer mehr Auflagen gemacht werden.“