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Tipps zur Sortenwahl

Infos zum Ökolandbau in schweren Zeiten

Sonnenblumen-Boom: 30 % Flächenzuwachs verzeichnen sie im Ökolandbau.
Brigitte Auer
am Freitag, 02.12.2022 - 08:40

AELF Nördlingen-Wertingen informiert über Bio und gibt Anbauempfehlungen

Bissingen/Lks. Donau-Ries Wie in der gesamten Gesellschaft herrscht auch in der Landwirtschaft derzeit große Verunsicherung: Die Produktionskosten steigen, Bioware bleibt oft in den Geschäften liegen. Doch bei genauerem Hinsehen halten sich Chancen und Risiken beim Ökolandbau derzeit die Waage. Das AELF Nördlingen-Wertingen gab auf einer Veranstaltung in Bissingen Empfehlungen zu Sortenwahl und Vermarktung im Ökolandbau.

Ein Blick auf die aktuelle Marktlage am Beispiel Milchpreis zeigt: Mit einer Differenz von nur noch 5,5 ct für den Liter Milch ab Hof scheint der Ökolandbau angesichts geringerer Milchleistung derzeit wenig rentabel, so Fachberater Philipp Schuhmair vom AELF. Ein wichtiger Marker, hatte doch ein niedriger Milchpreis 2016/17 in der Mitte zu einer Umstellungswelle geführt. Doch Schuhmair warnte davor, nur den niedrigen Abstand zu sehen. Während der Milchpreis in der konventionellen Haltungsform in den letzten 20 Jahren deutlichen Schwankungen ausgesetzt gewesen sei, weise die Kurve im Ökolandbau beständig nach oben. „Der Milchpreis bleibt kalkulierbar.“ Ein wichtiges Argument in unsicheren Zeiten.

Unsere Region soll Öko-Modellregion werden, fordern anwesende Bio-Bauern.

Viele Landwirte machten sich Sorgen angesichts unabsehbar steigender Betriebskosten. Die Produktivität gerät angesichts wachsender staatlicher Auflagen bei Pflanzenschutz und Düngemitteleinsatz unter Druck. „Biobauern haben immerhin den Vorteil, dass sie keinen Mineraldünger und keine Pflanzenschutzmittel brauchen“, so Schuhmair. Die Kreislaufwirtschaft im Ökolandbau mit hofeigener Futter- und Düngerversorgung schafft da eine relative Unabhängigkeit, auch von globalen Lieferketten. „Die Preisentwicklung macht allen zu schaffen, schlägt sich aber unterschiedlich nieder“, sagte er. Bleibt der sorgenvolle Blick auf das aktuelle Verbraucherverhalten. Die gestiegenen Lebenshaltungskosten führen zu einer Zurückhaltung beim Kauf hochwertiger Lebensmittel. Teure Bioware sei derzeit wenig gefragt. Kann man dem etwas zugunsten des Ökolandbaus entgegenhalten? Ja und Nein, meint Schuhmair. Die Zuwendung zu nachhaltig produzierten Konsumgütern ist ein langfristiger Megatrend.

Nachhaltigkeit wird wichtiger

Schuhmair zitiert eine Studie der Forschungsgruppe Agrar- und Regionalentwicklung Triesdorf im Jahr 2012 zum ökologischen Landbau in Bayern. Demnach steige der Anspruch an Ethik- und Nachhaltigkeitsaspekte. Artgerechte Tierhaltung, geringe Schadstoffbelastung und eine gesunde Ernährung zur Steigerung des persönlichen Wohlbefindens seien die wesentlichen Gründe für Verbraucher zu Bioprodukten zu greifen.

Unter vergleichsweise guten Wirtschaftsbedingungen geschehe dies leichter und häufiger als in rezessiven Gesamtlagen, so Schuhmair. Keine kurzfristigen Wachstumserwartungen für den Ökolandbau sind also in Sicht. Jedoch handelt es sich bei der Hinwendung der Konsumenten zu Bioprodukten um einen stabilen Megatrend.

Höhere Wertschöpfung, aber mehr Aufwand

Wenig flexibel, aber beständig präsentiert sich der Ökolandbau selbst. Schuhmair nennt als Herausforderungen den höheren Aufwand für Lagerhaltung und Aufbereitung, hohe Ansprüche bei der Vermarktung und weniger Handelspartner. „Die Ökofamilie ist etwas kleiner.“ Dem stehen eine höhere Wertschöpfung, das gute Image des Ökolandbaus, in der Regel kaufkräftige Kunden und die Ausrichtung auf längerfristige Handelsbeziehungen gegenüber.

Aber ist ein Rückzug aus dem Ökolandbau überhaupt eine Option? Schließlich ist im BayNatSchG infolge des Volksbegehrens „Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern“ von 2019 das Ziel festgesetzt, den Ökolandbau sukzessive auf 30 % der landwirtschaftlichen Nutzflächen auszuweiten. Bei derzeitig 11,1 % Biobetrieben und 13,2 % ökologisch bewirtschafteter Fläche in Bayern entspräche dies in etwa einer Verdreifachung des Ökolandbaus bis 2030, was selbst bei dem angestrebten „gesunden, mittleren Wachstum“ auf Basis der bisherigen Entwicklung nicht mehr zu erreichen scheint.

Große Unterschiede in Bayern

Im Dienstgebiet des AELF sieht die Bilanz noch schlechter aus. Im Landkreis Dillingen wirtschaften (Stand 2022) 63 Betriebe (entspricht 5,5 %) auf einer Fläche von 2822 ha (6,1 %), im Landkreis Donau-Ries 190 Betriebe (8,6 %) auf einer Fläche von 7307 ha (10 %) ökologisch. Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Landkarte Bayerns eine sehr unterschiedliche Verteilung des Ökolandbaus in den verschiedenen Regionen: Stark ist er vor allem im Süden (Allgäu) und äußersten Westen (Rhön) des Landes; Spitzenreiter unter den Landkreisen ist der Landkreis Miesbach mit 37 %.

Die Umstellung gestaltet sich bei Grünlandbetrieben leichter als im Ackerbau. Dort liegt der Umstellungsanteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Schlecht für die klassische Ackerbauregion, die sich gerne auch Kornkammer Schwabens nennt.

Preise und Angebot schwanken

Der Ökogetreidemarkt folge eigenen Gesetzen, ist auch Manuela Reeg von der Vermarktungsgesellschaft Biobauern mbH, überzeugt. Starke Preis- und Angebotsschwankungen bei den einzelnen Getreidearten sorgten für eine hohe Volatilität auf dem Markt. Ohne Börsenpräsenz geschieht die Preisabsicherung allein über Kontrakte.

Der Markt sei stark ausdifferenziert in Inlands- und Auslandsware, Verbands- und EU-Bioware. Hinzu kommen Regionalprogramme, wobei die regionale Vermarktung derzeit von den hohen Transportpreisen profitiere. Der Absatz habe sich in den letzten Jahren zunehmend vom Naturkosthandel zum Vollsortimenter und Discounter verlagert.

Preisunterschied schmilzt

Die Preise von Öko- und konventioneller Ware haben sich angenähert. „Halber Ertrag, doppelter Preis“, dieses Prinzip funktioniere heute nicht mehr. Derzeit liege der Vergleichswert bei 1,5. Wünschenswert sei ein Wert von 1,7. Für bayerische Ökoverbandsware konnten beispielsweise beim Weizen im September 2022 folgende Preise erzielt werden, jeweils in Klammern dahinter der Vorjahreszuwachs: E-Weizen 54 – 56 € (+ 13 €), A-Weizen 49,50 € (+ 10 €), Futterweizen Öko 43 – 33 € (+ 13 €), Futterweizen U-Ware 41 – 42 € (+ 13 €).

Ein Vergleich der Umsatzzahlen von Frischeprodukten zwischen Jan-Mai 21 und 22 zeige, dass Bioware ähnlich stark geschrumpft ist wie der Gesamtmarkt: Bio - 6,8 % zu Gesamt - 5,5 %. Im Vergleich der Jahre 2019 mit 2022 wird aber erkennbar, dass der Biohandel mit + 35,2 % gegenüber dem Gesamtmarkt deutlich gestiegen ist (+ 13,8 %). „Wir haben einen Zuwachs zu Vor-Corona.“ Der Markt scheint aufnahmefähiger zu sein, als in der Presse dargestellt. Allerdings ist bei diesen Zahlen die aktuelle Energiepreisentwicklung noch nicht erfasst.

Die Umstellungswelle sorgte in Deutschland seit 2017 zunächst zu einer starken Angebotsausdehnung bei U-Ware, ab 2019 bei A-Ware in Verbindung mit gesunkenen Erzeugerpreisen. Geringe Umstellungszahlen seit 2019 und schwache Erträge auf der einen Seite, eine starke Nachfrageentwicklung seit 2019, verstärkt noch einmal in der Corona-Pandemie, auf der anderen Seite hatten eine sehr knappe Marktversorgung und steigende Erzeugerpreise zur Folge.

Anbauprogramm breit aufstellen

Das derzeit volatile Marktumfeld mache eine Anbauempfehlung für das kommende Jahr allerdings schwierig. Reeg rät zu einem breiten, standortangepassten Anbauprogramm, in das vor allem Körnermais, Körnerleguminosen, Sojabohnen und Sonnenblumen Aufnahme finden sollten. Eine Mischung aus Futter- und Speisegetreiden (Weizen, Roggen, Braugerste und Hafer) hält Reeg für sinnvoll.

Die Nachfrage nach Futtergetreide sei groß, im Augenblick seien die Legehennenhalter aber verunsichert und hätten keine Tiere eingestellt. Auch der Anbau von Dinkel habe weiter Berechtigung, allerdings sollte ein marktgerechtes Mittelmaß gefunden werden. Die Dinkelmisere sei absehbar gewesen.

Anbauplus bei Ölsaaten und Eiweißpflanzen

Ein starkes Anbauplus gab es bei den knappen Eiweißpflanzen (z. B. Sojabohnen + 30 %) und Ölsaaten (z. B. Sonnenblumen + 25 %). Hier sieht Reeg noch Potenzial im Markt. Und einen guten Zeitpunkt für die Umstellung. Der Markt ist 2020/21 stärker gewachsen als die Fläche. Der Futterbedarf hat durch den Anstieg bei der Tierhaltung und den Ausschluss konventioneller Futterkomponenten durch die EU-Öko-Verordnung 2022 deutlich zugenommen. Ein großer Bedarf an U-Ware aus den Ernten 2022 bis 2024 sei also zu erwarten. Es sei möglich, Ökolandbau wirtschaftlich zu betreiben, ist Reeg überzeugt. Der Einstieg sollte aber keinen wirtschaftlichen, sondern grundsätzlichen Motiven folgen.

Rat zur Saat: Empfehlungen für den Ökolandbau

Ein bestimmtes Saatgut für alle Betriebe lässt sich nur schwer empfehlen – das weiß Naturland-Berater Thomas Klein. Die Sortenwahl sei dem Betrieb und seinen Voraussetzungen immer anzupassen. Neben dem Krankheitsdruck seien unter anderem Wuchshöhe, Standfestigkeit und Unkrautunterdrückung zu berücksichtigen. „Ein gleichmäßiger Feldaufgang ist beim Ökolandbau das A und O“, so Klein.

Allgemeine Sortenempfehlungen beim Backweizen, die alle einen sicheren Klebergehalt aufweisen, sind ihm zufolge: Christoph beg., Grannosos, Purino und Wendelin. Beim Futterweizen sieht Klein die Sorten Argument, Campesino, KWS Keitum und KWS Essenz vorne. KWS Keitum sei wegen eines geringen Saatgutbestandes nur schwer zu bekommen. KWS Essenz überzeuge mit einer nahe an E-Weizen heranreichenden Qualität.

Beim Dinkel stechen die Sorten Albertino, Alarich, Comburger und Gletscher hervor. Weiterhin bei den Abnehmern sehr gefragt sei die Sorte Zollernspelz.

Kleins Empfehlung bei der Gerste richtet sich auf die Sorten Sandra, KWS Flemming und Melia. Melia bietet dank ihrer frühen Räumung gute Möglichkeiten für Zwischenfruchtanbau und Bodenbearbeitung. Gute Triticale-Sorten seien Belcanto, Cederico, Kitesurf, Ramdam und Trisem.

Für das kommende Anbaujahr rechnet Klein mit einem starken Steinbrand-Infektionsdruck aus dem Boden. Eine geringere Anfälligkeit des Saatguts für den Erreger reiche in diesem Jahr nicht aus.

Tellecur und andere ökologische Saatgutbehandlungsmittel seien nur bei Sporen im Korn wirksam. Aber nicht jedes Ökosaatgut sei auf Steinbrand bzw. Zwergsteinbrand und Flugbrand getestet.

Auch beim Eigennachbau empfiehlt der Naturland-Berater, das Saatgut auf Steinbrandresistenz untersuchen zu lassen. Unter den im aktuellen Sortiment gehandelten resistenten Ökosaatgutsorten empfiehlt Thomas Klein die Sorten Thomaro und Grannosos. Diese beiden können zudem mit ihrer Standfestigkeit überzeugen.