Betriebsmodell

Hühnerhaltung: Nachhaltig und enkeltauglich

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Patrizia Schallert
am Freitag, 20.11.2020 - 07:20

Familie Spegel will mit ihren Hühner „Demeter aus Birkhausen“ bekannt machen

Was tun, wenn zwischen Auslauf und Stall eine viel befahrene Straße verläuft? Die Familie Spegel in Birkhausen / Lks. Donau-Rieshat sich für ihre Bio-Legehennen etwas Besonderes einfallen lassen. Von ihrem „Arbeitsplatz“ im Stall kommen die Hühner seit Frühjahr 2019 in fünf Metern Höhe über eine abgesicherte Brücke ins Freie. Zeigte sich das Federvieh anfangs noch skeptisch, so läuft der Brückenverkehr jetzt reibungslos, freuen sich Yuliya und Dominik Spegel. „Damit ist unser Projekt, die alte Hofstelle zu nutzen, gelungen.“

Hühnerbrücke führt auf die andere Straßenseite

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Um Kosten zu sparen, hat der Biobauer die 45 m langen Brücke samt Auf- und Abgang selbst geschweißt und gebaut. Die Konstruktion wurde aus Vierkantrohren gefertigt, die Steher wurden in Beton eingegossen. Das Dach aus Trapezblech ist aufklappbar. Als Seitenwände hat Spegel gelochte Trapezbleche verwendet, damit „im Sommer kein Hitzestau entsteht und die Hühner die Brücke im Winter nicht als Stallersatz nutzen“.

Die Auf- und Abgänge haben eine 30-Grad-Neigung. „Mir wurde empfohlen, unter 45 Grad zu bleiben, und das funktioniert gut“, versichert Dominik Spegel. Die Laufflächen bestehen aus Gitterrosten. Ein Drittel des Aufstiegs ist mit einer Gummimatte belegt. „Hühner haben Höhenangst, mit der Matte geht es leichter.“ Wenn sich die Tiere nach einiger Zeit an den Aufstieg gewöhnt haben, wird die Matte wieder entfernt. Der Abgang zur Wiese ist als Gitter ohne Matte gefertigt, die Brücke selbst dagegen komplett mit Gummimatten ausgelegt, damit kein Kot auf die darunterliegende Straße fallen kann.

Landwirtschaft frühzeitig für sich erkannt

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Die Landwirtschaft hat der Biobauer schon als Bub für sich entdeckt. „Ich war ständig auf dem Hof meines Onkels unterwegs, der auf der anderen Straßenseite gegenüber meines Elternhauses lag. Schon damals hat er davon geträumt, einen Bauernhof zu führen. Trotzdem absolvierte er zuerst eine Schreinerlehre und erst danach die Ausbildung zum Landwirt über das BiLa-Programm. Dann schloss er ein Studium an der Technikerschule in Triesdorf an. „Bevor mein Traum vom Bauersein Wirklichkeit wurde, habe ich einige Jahr im landwirtschaftlichen Bereich gearbeitet“, blickt Spegel zurück.

Vor sechs Jahren übernahm der 33-Jährige schließlich den Schweinemastbetrieb seines Onkels mit 200 Mastplätzen. Gemeinsam mit seiner Frau Yuliya, die er während eines Praktikums in Russland kennengelernt hatte, entschloss er sich, die Schweinemast aufzugeben. Die Idee, in die Legehennenhaltung einzusteigen, hatte meine Frau“, erinnert sich Spegel. „Das Geflügel war bestens geeignet, um den Betrieb im Haupterwerb zu führen und die alte Hofstelle zu nutzen“, merkt die Biobäuerin an, die den Masterstudiengang Agrarmanagement ebenfalls in Triesdorf absolviert hat.

Cremefarbene Eier als Alleinstellungsmerkmal

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2016 verließen die Mastschweine den Hof und ihr Stall wurde 2018 zu einem Legehennenstall mit einem großzügigen Wintergarten als Scharrraum umgebaut. Nachdem sich der Betrieb 2017 dem Anbauverband Demeter angeschlossen hatte, mussten die 1200 Hühner auch ins Freie können. So sei die Idee zur Brücke vom Stall über die Straße zum Grünland entstanden, sagt Dominik Spegel. Bei den Legehennen fiel die Wahl auf die Zweinutzungsrasse „Sandy“. Die Junghennen kommen im Alter von 18 Wochen vom „Bio Geflügelhof Südbrock“ in Rheda-Wiedenbrück nach Birkhausen. Für das Bruderhahn-Projekt des Geflügelhofs leistet jeder Partnerbetrieb einen kleinen Beitrag pro verkauftem Ei.

Dem Betriebsleiterpaar haben nicht nur die Zweinutzung sondern auch die cremefarbenen Eier der Sandys gefallen. „Diese Eier sind ein Alleinstellungsmerkmal unseres Betriebs im Ries“, betont Dominik Spegel. Pro 50 Hennen muss laut Demeter-Richtlinien ein Hahn zugestallt werden. „Das funktioniert nur deshalb ohne schlimme Rangkämpfe, weil die Hähne gemeinsam aufwachsen.“ Außerdem bekommt das Geflügel eines Demeter-Betriebs zu 100 % Biofutter mit mindestens 70 % Dementer-Anteil.

Heuer neuen Stall errichtet

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Heuer wurde ein neuer Stall errichtet und mit 2700 Legehennen besetzt. „Der Stall ist mein Projekt, den ich selbst finanziert und die Bank mit meinem Konzept überzeugt habe“, betont Yuliya Spegel. „Ich wollte entsprechend meiner Ausbildung einen eigenen Betrieb führen.“ Das kann ihr Mann Dominik gut nachvollziehen. Inklusive der Legehennen hat die 32-Jährige rund 410 000 € investiert. „Unsere beiden Unternehmen sind also wirtschaftlich komplett getrennt.“

Dominik verkauft die Eier aus seinem Legehennenstall mit 1200 Tieren an Großhändler, Edeka-Filialen und ab Hof. Zu seinem Betrieb gehören 11 ha Ackerfläche und ein Hektar Grünland, auf dem rund 150 Haselnussbäume als Schattenspender für die Hühner gepflanzt wurden. Als Hühnerfutter werden Mais, Soja und Weizen angebaut, zusätzlich Spargel und Kartoffeln für die Direktvermarktung und Zuckerrüben für die Schweizer Zucker AG. Die Zwiebeln werden ab Hof und an andere Demeter-Betriebe vermarktet.

Die Biobäuerin vertreibt die Eier aus dem neuen Stall an einen bayerischen Demeter-Betrieb. Yuliya Spegel hat insgesamt 13 ha landwirtschaftliche Flächen gepachtet, davon sind 1,2 ha Grünland. Auf den Ackerflächen ist der Anbau verschiedener Getreide- und Gemüsesorten geplant. „Heuer habe ich mich für Dinkel entschieden, den ich an eine Mühle bei München verkaufe, außerdem Zier- und Speisekürbisse ab Hof.“ Die Eier beider Betriebe werden aus Umweltschutzgründen ausschließlich in 30er Höckern verkauft. Auch im Hofladen bringen die Kunden ihre Eierschachteln selbst mit.

Weitere Expansion geplant

Damit die Kunden ganzjährig und reibungslos mit Eiern beliefert werden können, wird neben dem heuer errichteten Stall ein weiterer Legehennenstall für 1500 Tiere entstehen. „Damit sind die angepeilte Legehennenzahl und unsere Arbeitskapazität erreicht“, sagt das Betriebleiterpaar. Beim Stallbau legt es großen Wert auf ein gutes Stallklima. Deshalb wurden als Baumaterialien Ziegel und Beton verwendet. „Sie sorgen im Sommer für eine angenehme Kühle und im Winter speichern sie die Wärme“, erklärt Dominik Spegel.

Das Dach ist mit 6 cm dicken Sandwichpaneelen isoliert. Pro Stall wurden jeweils zwei Lüftungsventilatoren eingebaut. Die Stallflächen sind mit Strohpellets eingestreut, die regelmäßig nachgestreut und ein- bis zweimal jährlich komplett erneuert werden. Die Pellets seien eine Art „Beschäftigungstherapie“ für die Hühner, weil sie auf ihnen herumpicken können. Das habe sich besonders bei schlechter Witterung bewährt, wenn sie nicht so gern ins Freie möchten. Nach einer gewissen Zeit seien die Pellets wie feiner Sand.

Hühnerkot und Rindergülle ergänzen sich

Der Hühnerkot gelangt über ein Kotband direkt in eine Güllegrube. Um die Gülle mit zwei Drittel Wasser zu verdünnen, wird bei Bedarf Regenwasser zugeführt. Im Herbst mischt Spegel Rindergülle, die er von einem Berufskollegen bezieht, und Pflanzenkohle dazu. Die Ausbringung erfolgt dann im Frühjahr. „Hühnerkot ist eher phosphor-, Rindergülle eher kaliumhaltig“, erklärt der Demeter-Bauer. „Die Kombination ergibt eine homogene Gülle. Die Pflanzenkohle sorgt für eine bessere Nährstoffbindung und damit einen geringeren Ausbringverlust. Außerdem mindert sie nicht nur die Geruchsemissionen, sondern fördert auch den Humusaufbau.“
Die Zusammenarbeit mit einem Kooperationspartner hält das Arbeitspensum der Familie Spegel im rechten Maß. „Er führt den Großteil der Feldarbeiten auf unseren Flächen durch und baut auf einem Teil seiner Flächen für unsere Hühner Mais, Weizen und Soja nach Demeter-Richtlinien an.“ Die Arbeiten am Hof teilen Yuliya und Dominik Spegel untereinander auf, je nachdem wer gerade Zeit hat. „Durch unsere verschiedenen Bauprojekte sind wir gerade sehr eingespannt und unsere beiden kleinen Kinder halten Yuliya ziemlich auf Trab“, sagt der Biobauer. Außerdem wird das Betriebsleiterpaar von ihrer Praktikantin Lamiya unterstützt. Die junge Aserbaidschanerin wird demnächst in Triesdorf studieren.
Mit Blick auf die sich ständig verändernden Auflagen in der Landwirtschaft haben Yuliya und Dominik Spegel den dritten Stall so geplant, dass er sich auch als Aufzuchtstall nutzen ließe. Die Beiden haben überdies einen Zehnjahresplan erstellt. Er beinhaltet einen ganz besonderen Wunsch: Wir wollen unsere Betriebe nicht nur nachhaltig und enkeltauglich führen, sondern den Begriff „Demeter aus Birkhausen“ weitum bekannt machen. Unser Ziel ist, die Verbraucher für die Wirtschaftsweise nach Demeter-Richtlinien zu sensibilisieren.
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