Tradition

Hirtenfamilien genießen Ansehen

Alpwanderkurs-Klank
Cornelia Beißer
am Montag, 26.07.2021 - 08:03

Die Alpwirtschaft prägt bis heute das Gesicht vieler Oberallgäuer Gemeinden. Sie ist das Fundament für den Fremdenverkehr im gesamten Allgäu.

Die Alpwirtschaft in Bad Hindelang hat eine lange, uralte Tradition! Daran erinnerte der Vorsitzende des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu (AVA), Franz Hage, als er die 30 geladenen Gäste zum coronabedingt kleinen Alpwanderkurs auf der Alpe Klank begrüßte.

Untere-Naturschutzbehörde-Gehring-Höß

Im Allgäu gibt es aktuell 702 anerkannte Alpen, davon sind 46 auf Bad Hindelanger Gemeindegebiet. Hier wurden heuer 236 Kühe und 3257 Jungrinder aufgetrieben, zudem 28 Pferde, 41 Schafe, 39 Ziegen und 44 Schweine. Auf vier Sennalpen wird hochwertiger Bergkäse erzeugt.

„Die Alpwirtschaft diente schon immer der Nutzung hochgelegener Bergrücken und entlastete die Betriebe im Tal. Sie prägt bis heute das Gesicht vieler Oberallgäuer Gemeinden und ist das Fundament eines gut laufenden Fremdenverkehrs im gesamten Allgäu“, betonte Hage.

Eine Besonderheit in Hindelang sei, dass hier immer noch „Gassenkühe“ in den dorfnahen Weiden grasen. Die genossenschaftlichen Organisationsformen hätten seit jeher eine starke Mannschaft erfordert, um den Anforderungen des Hochgebirges und dem vielen Vieh gerecht zu werden. Heutzutage habe die Alpwirtschaft neben ihren traditionell-landwirtschaftlichen Funktionen (Futterbereitstellung, Arbeitsentlastung, Jungviehaufzucht) immer mehr die Aufgabe, die Kulturlandschaft offen zu halten, so Hage.

Ein Mehrwert für den Tourismus

Dies schaffe nicht nur einen Mehrwert für den Tourismus, sondern wurde in den letzten Jahren vor allem für den Naturschutz bedeutsamer. Die Alpflächen in Hindelang seien zu fast 100 Prozent im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen. „Hätten unsere Vorfahren die Landschaft nicht so gepflegt, gäbe es heute auch nicht so viel zu schützen.“

Hirtenfamilie

Viele Kleinhirten würden schon früh mit dem Älplervirus infiziert. Hirtenfamilien genössen eine hohe Wertschätzung, freut sich Hage. Als positives Beispiel nannte der AVA-Vorsitzende die Gehren-Alpe, die Christian Schratz im Jahr 2016 nach 60 Jahren Brache reaktiviert habe.

Wichtig für eine funktionierende Alpwirtschaft sei der Wegebau, betonte Hage. Daher verwundere es, dass von einer „Halbierung der Mittel“ die Rede sei. Dabei schiebe das zuständige Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) Schwaben in Krumbach ohnehin bereits viele Anträge vor sich her, die oft erst nach Jahren des Wartens bewilligt würden. Dafür zeigte Hage kein Verständnis: „Wer einen Förderantrag stellt, möchte auch auf Basis bestehender Richtlinien zeitnah zum Zuge kommen.“

ALE-Schwaben-Georg-Baur

ALE-Leiter Christian Kreye gab ihm recht: Wege seien eine Lebensader zur Sicherung der Alpwirtschaft sowie für die gesamte Landeskultur.

Ein großes Problem für die Land- und infolge auch für die Alpwirtschaft sei die Debatte um die Laufstallhaltung, sagte Hage. Doch letztgenannte sei kein Allheilmittel. „Auch wir sind gegen die ganzjährige Anbindehaltung“, erklärte Hage. „Aber das macht von unseren Betrieben ja auch keiner!“ Die Tiere seien den Sommer über auf der Weide, genießen Sonne, Regen und frische Luft.

Auch Alfons Zeller, Präsident der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Bergbauern, sieht in den Forderungen nach Laufställen und der Düngeverordnung die kleinen Höfe in ihrer Existenz bedroht. Bei Kosten von 20 000 Euro für einen Stallplatz und bei den aktuell schlechten Kälberpreisen müsse man sich nicht wundern, wenn „kleine Baura des it verhebat“, pflichtete ihm Hage bei.

Zahl der Tiere geht zurück

Ein Bauernhof in Hindelang habe 10 bis 20 Kühe oder weniger. Der bayerische Schnitt liege bei 30 und der deutsche bei über 100 Kühen. Die kleinteilige Landwirtschaft samt ihren Nebenerwerben (Bauernhof-Urlaub, Direktvermarktung, usw.) bereicherten die Region und sicherten derzeit noch die Alpwirtschaft, die auch durch den Rückgang der Tiere gefährdet sei. Hinzu komme, dass die Vegetationszeit auch in den Bergen zunehme, unterstrich Gerhard Gehring von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Oberallgäu.

Dieses Problem hatte zuvor auch Franz Josef Höß, Pächter der Alpe Klank, angeprochen: Die Landwirte und die Tiere werden weniger und somit werde das Beweiden der Flächen schwieriger oder gar unmöglich. Derzeit seien es 30 000 Rinder, die im Allgäu den Alpsommer verbringen. Zu Hochzeiten waren es 36 000, berichtete Hage. Auch Mastvieh werde vermehrt aufgetrieben.

Betretungsrecht regeln

Der zunehmende Freizeitdruck sei ja bekannt. Oft fehle der Respekt vor dem Eigentum und den Tieren. Als Beispiel nannte Hage Wanderer und Radfahrer, die mit Stirnlampen Weiden durchquerten, Gatter nicht schließen oder gar Zäune durchschnitten. Wichtig wäre hier, dass Älpler und Gemeinden bei der Haftungsfrage seitens der Landesregierung unterstützt würden, wie in Österreich. In dieselbe Kerbe schlugen auch Landrätin Indra Baier-Müller und Bürgemeisterin Dr. Sabine Rödel: „Die Gemeinden und die Grundeigentümer werden bei uns alleingelassen.“ Das müsse sich ändern.

Philip-Bust-BBV

„Mittlerweile liegen neue Vollzugshinweise des Umweltministeriums vor, die das Betretungsrecht konkretisieren“, berichtete Hage. Es sei nicht alles erlaubt. Radler dürften nur geeignete Wege befahren, Fußgänger hätten Vorrang. Als Folge könnten die Kreisverwaltungsbehörden nun einschreiten und die Naturschutzwacht verfüge über das Recht zur Personenerfassung. Anders übrigens als die Ranger. Wichtig sei ein gutes Miteinander von Alpwirtschaft, Naturschutz, Forst und Radlern, so Hage, der selbst ein erfahrener Älpler ist.

Die Schutzwaldsanierung im Rahmen der Bergwaldoffensive erläuterte Jochen Kunz vom Landwirtschaftsamt Kempten. Es gebe bereits Gebiete, die man als „geheilt entlassen“ könne, etwa am Hirschberg.

Wolf: Lösung muss her

Beim Thema Wolf sprachen sich alle Anwesenden für einen Abschuss von Problemwölfen aus. „Unsere Alpen brauchen unbedingt einen besseren Schutz“, forderte AVA-Geschäftsführer Dr. Michael Honisch und erinnerte an die Geschehnisse im Jahr 2018 auf der Alpe Klank.

Hier kam es zu einem tragischen Absturz, bei dem vier Rinder ums Leben kamen. Zehn Stück Jungvieh seien am 26. August eine Halde hinuntergehetzt worden. Bremsspuren seien ein sicherer Beweis dafür, blickt Höß zurück. Nach Beinbrüchen mussten drei Rinder getötet werden, ein weiteres Tier, das mit dem Hubschrauber ins Tal verbracht wurde, später auch. Eine eindeutige Losung und Haare am Stacheldraht hätten laut LfU keine verwertbaren Spuren ergeben, bedauert Höß. Die Folge: keine Entschädigung!

Auch heuer habe es im Allgäu Hinweise auf Wölfe gegeben. In den Bergen gebe es keinen zuverlässigen Herdenschutz. Unsere Alpen sind laut den strengen Kriterien von LfU und LfL zum allergrößten Teil nicht zumutbar schützbar. Für den Herdenschutz gebe es noch keine klar definierten, nicht schützbaren Gebiete. „Solche müssen unbedingt großräumig festgelegt werden“, sagt Hage, am besten das gesamte Berggebiet. „Wir Bergbauern brauchen Lösungen, der Worte sind genug gewechselt.“

Die Zahl der Wolfsrisse im Alpenraum steigt. Oberbayerns BBV-Bezirkspräsident Ralf Huber fordert Lösungen von der Politik:

„Wölfe schießen, muss regulär gehen“, fordert Josef Glatz, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern, für die nahe Zukunft.
Dazu Philip Bust, Fachberater für Bauernwald und Jagd vom BBV-Generalsekretariat München: „Wir müssen immer wieder betonen, dass der Beutegreifer nicht vom Aussterben bedroht ist. Mit Blick auf die kontrovers geführte gesellschaftliche Debatte wird eine bürgerliche Allianz angestrebt. Vieles ist nicht zumutbar und zäunbar. Es ist Druck im Kessel!“