Zugschellen

Mit himmlischem Beistand

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Florian Maucher
am Dienstag, 25.09.2018 - 15:22

Die Pfarralpe ist im Besitz der Kirche und seit diesem Jahr Heimat auf Zeit für ein junges Hirtenpaar. Robert Müller fertigt hier oben außerdem Schmuckstücke für einen gesegneten Heimweg zurück ins Tal. Am Samstag ist es wieder soweit.

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Zugschellen begleiten dieser Tage klangvoll die Herden ins Tal. Die einzigartigen Schmuckstücke am Hals der Tiere sollen dem Glauben nach die bösen Geister fernhalten. Dazu trägt einerseits die eindrucksvolle Geräuschkulisse ihren wesentlichen Teil dazu bei, sicherlich aber auch die traditionellen Symbole auf den kunstvoll bestickten Schellenriemen. Letztere sind die Leidenschaft von Robert Müller, der gemeinsam mit Freundin Lisa Mikschl seit diesem Jahr die Pfarralpe oberhalb von Missen im Oberallgäu bewirtschaftet.

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„Es war schon immer mein Traum, eine eigene Alpe zu haben“, erklärt der 26-Jährige, weshalb er sich im vergangenen Jahr um die Nachfolge auf der Pfarralpe bewarb. 17 Jahre Alperfahrung konnte er zu diesem Zeitpunkt gegen seine Mitbewerber bereits in die Waagschale werfen. „Ich bin von keiner Alpe wegzubekommen, seit ich fünf Jahre alt bin. Meine Eltern wollten mir die Spinnerei austreiben und haben mich schon früh als Kleinhirte auf die Willersalpe vermittelt. Das ging für meine Eltern nach hinten los“, lacht der leidenschaftliche Bergler, „ich bin da zwölf Jahre als Kleinhirt und noch zwei Jahre als Hirt geblieben. Die vergangenen drei Sommer habe ich dann noch als Hirt auf der Oberen Schwandalpe am Grünten verbracht“, erzählt der gelernte Molkereifachmann, der der Alpwirtschaft zuliebe seinen Job aufgab und inzwischen neben der Alparbeit her für die RBG Memmingen als Besamungstechniker unterwegs ist.
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Die 60 Rinder der Weidegenossenschaft Missen sind damit bei dem Jungälpler auf den 30 ha und auf knapp über 1000 m Höhe bestens aufgehoben. Schutz erfahren sie dort oben aber auch von geistlicher Seite: „Die Weidegenossenschaft Missen hat die Alpe von der Kirche gepachtet. Bei uns kommt bei jedem Alpaufzug deshalb der Pfarrer zur Segnung mit und er besucht seine Alpe auch mehrmals im Jahr zum Einkehren oder zum Berggottesdienst“, freut sich Müller über die himmlische Unterstützung.
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Um die Bewirtung der Gäste kümmert sich Freundin Lisa in den rund 180 Jahre alten Gasträumen und auf der Terrasse unter dem idyllischen Blätterdach der alten Bäume. „Hier ist immer was los“, zieht die 23-Jährige am Ende des Sommers Bilanz. Seit der Eröffnung am 1. Mai spielte ihnen das Wetter in die Karten. Dabei nutzen Radler und Wanderer gleichermaßen die gute Erreichbarkeit der Hütte von Missen oder dem Schlettermoos-Parkplatz und die Öffnungszeiten bis in die Abendstunden, die zu einer Feierabendrunde einladen.

Leckere Brotzeit

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Besonders schätzen die Gäste das viel verkaufte Griebenschmalzbrot und den hausgemachten Wurstsalat des jungen Alpteams, das während der stressigen Mittagsstunden in der Küche von Aushilfen und den beiden Kleinhirten Maximilian Buhmann und Silas Laur aus Rechtis unterstützt wird. Neben den Brotzeit bieten sie den Ausflüglern auch Kaffee und Kuchen. Beworben wird die Alpe unter anderem über den Verein Allgäuer Alpgenuss: „Wir wollen die Region unterstützen und kaufen deswegen bei heimischen Betrieben ein“, erklärt die gelernte Erzieherin ihre Grundsätze.
Den regionalen Zusammenhalt praktizieren sie auch direkt im Alpgebiet: „Wir haben einen super Kontakt zur benachbarten Juget- und Siedelalpe. Wir dachten erst, es sei Konkurrenz, aber wir haben gemerkt, dass man zusammen noch mehr Kundschaft anzieht. Die laufen dann von Alpe zu Alpe und kehren mehrfach ein“, freut er sich über die Entwicklung. Auch ein gemeinsames Grillfest mit den Nachbaralpen um Jakobi möchten sie nun zur Tradition machen.
Dabei kann man sich auch über Probleme bei der Alparbeit austauschen. „Wir hatten dieses Jahr wie in allen Regionen mit der Trockenheit zu kämpfen. Im Frühling fing es extrem an zu wachsen, da sind wir schon Mitte Mai mit allen 60 Rindern aufgezogen. Wir haben dann viel gekoppelt, um die fetten Flächen vorrangig zu überweiden. Das Wachstum hat aber durch die Trockenheit schnell gestockt. Inzwischen füttern wir zu, damit wir es noch bis zum Viehscheid schaffen.“ Der Älpler weiß dem heißen Sommer aber auch Positives abzugewinnen: „Trittschäden gab es keine und auch der Adlerfarn hatte es trocken.“ Die 5 ha Befallsfläche habe er so gut mit dem Balkenmäher und der Motorsense in den Griff bekommen. Acht Stunden pro Woche wendet er durchschnittlich für die Weidepflege auf.

Äugler im Griff gehabt

Pflege war auch bei den Rindern nötig: „Durch die Sommerhitze hatten wir verstärkt Probleme mit dem Äugler.“ Vier Tiere mussten im Lauf des Sommers von dem aufmerksamen Tierkenner versorgt werden: „Wir haben es aber immer rechtzeitig gemerkt und konnten alle erfolgreich behandeln.“ Behandelt wurden die Tiere auch mit Wurmmitteln: „Wir haben einige nasse Stellen in den Weiden, deshalb entwurmen wir einmal 14 Tage nach dem Einzug und noch ein zweites Mal im Juli.“
Dem bevorstehenden Saisonende blickt das sympathische Hirtenpaar mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegen. „Einerseits fällt der Stress mit dem Gastbetrieb ab“, resümiert die junge Wirtin ihren ersten kompletten Alpsommer, „auf der anderen Seite werden uns die schönen Momente am Abend vor der Hütte fehlen. Es ist einfach herrlich hier, wenn es am Abend ruhiger wird und man draußen sitzen kann – abgeschnitten vom Tal.“ Dagegen brauche man tagsüber aber eine gute Arbeitsteilung und mitunter ein dickes Fell: „Im Stress kann es schon auch mal etwas ruppiger werden“, gesteht ihr Freund und erntet ein Nicken ihrerseits, „man muss da manchmal drüber wegsehen können. Wichtig ist es, dass man offen miteinander redet und es wertschätzt, was der Partner macht und leistet.“
So entbehrt sie ihren Freund, wenn er für ungezählte Stunden in der provisorisch eingerichteten Werkstatt verschwindet. „Hier bin ich normalerweise an Regentagen, wenn sonst nicht viel los ist in der Hütte“, erklärt er und hält aufgrund des guten Sommers einen noch unfertigen Riemen einer Zugschelle in den Händen, der für den bevorstehenden Viehscheid im Tannheimer Tal vorgesehen ist. „Meine erste Zugschelle habe ich zur Kommunion bekommen“, weiß er um den Beginn seiner Leidenschaft rund um das Fertigen der festlichen Schmuckstücke. „Selber mache ich die Riemen, seit ich 15 bin. Mein Onkel hat mir das beigebracht und von ihm hab’ ich inzwischen auch das meiste von meinem Werkzeug bekommen.“

Nähen ohne Strom

Viel Werkzeug braucht es aber gar nicht. „Das Wichtigste ist die Nähmaschine“, sagt Müller, während er die Funktionsweise des antiken und noch per Fußwippe angetriebenen Stücks demonstriert. „Wir sind hier oben nicht ans Stromnetz angeschlossen“, erklärt er und weiß das auch zu genießen: „Ich kann bei der Arbeit an der Maschine voll abschalten. Da bekomm ich manchmal gar nicht mit, wie der Tag vergeht.“ Die Ausdauer ist für die Arbeit auch nötig: „An einem aufwendigen Dachsriemen mit Stickereien sitz’ ich bis zu zwölf Stunden dran.“ Je nach Aufwand kostet ein solches Gesamtkunstwerk bis zu 900 €.
Rund 20 Zugschellen- und 40 Weideschellen-Riemen fertigt er pro Jahr. Die Schellen kauft er von heimischen Schmieden aus Hindelang, seinem Heimatort Weitnau oder Burgberg nach Kundenwunsch zu. Auch die Riemen können frei gestaltet werden. Von der Farbe und Art der Fransen, über Schriftzüge wie „Gott schütze unsere Herde“ und metallene Kuh-Ornamente bis hin zum aufwendig ins Leder eingeschnitzten Edelweiß ist alles möglich. Wichtige Bestandteile der Schellenriemen sind auch christliche Symbole wie das Kreuz oder die Inschrift INRI. Mit so viel Segen sollten Vieh und Hirten unfallfrei ins Tal kommen und unten am Missener Scheidplatz wartet sicherlich auch der Pfarrer auf das Eintreffen seiner Pfarralpe.