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Holzeinschlag

Ein Helikopter für den Bergwald

2,7 Tonnen Nutzlast: Den Helikopter der Firma Rotox gibt es nur dreimal in Europa. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er bei geringem Eigengewicht besonders schwere Lasten transportieren kann. 300 Festmeter Holz hat er an einem Vormittag vom Berg ins Tal geflogen.
AELF Kempten
am Freitag, 11.11.2022 - 08:07

In Balderschwang wird der Schutzwald verjüngt. Forstarbeiter haben deshalb alte Bäume gefällt und mit spektakulärer Hilfe aus der Schweiz ins Tal geflogen.

Präzisionsarbeit: Der Flughelfer am Boden und der Pilot kommunizieren per Funk, da sie keinen Sichtkontakt haben.

Balderschwang - Viele werden den Tag im Januar 2019 nie vergessen: Eine Lawine mit 20 000 Kubikmetern Schnee donnerte über den östlichen Teil des Oberallgäuer Dorfes Balderschwang. Es entstand erheblicher Sachschaden, Personen wurden zum Glück nicht verletzt. Balderschwang kam mit dem Schrecken davon.

Seit diesem Tag steht der Lawinenschutz in Balderschwang ganz oben auf der Agenda, wie es in einer Pressemitteilung des AELF Kempten heißt. Denn Klimatologen gehen davon aus, dass es mit der globalen Erwärmung im Alpenraum im Winter immer wieder zu lang anhaltenden Niederschlägen kommen kann, so wie im Januar 2019 vor dem Lawinenunglück.

Natürlicher Lawinenschutz

Ein starkes Team: An der Aktion waren (v. l.) Forstdienstleister Peter Straubinger, Bereichsleiter Forsten am AELF Simon Östreicher, Förster Stefan Immler vom Forstunternehmer Straubinger und Schutzwaldmanager Anton Specht vom AELF Kempten beteiligt.

Der Landkreis Oberallgäu und die Gemeinde stellen jetzt Stahlgitternetze zur Lawinensicherung an den freien Hängen über dem Dorf auf. Kostenpunkt: mehrere Millionen Euro. Doch diese Schneenetze haben eine Lebensdauer von nur etwa dreißig bis fünfzig Jahren und müssen dann wieder erneuert werden.

Ein Großteil des Dorfes wird aber natürlich und kostenlos vor Lawinen geschützt: durch den Schutzwald. Dieser besteht jedoch überwiegend aus Fichten und kommt so langsam in die Jahre. „Wir wollen deswegen die Balderschwanger Schutzwälder frühzeitig verjüngen und in klimatolerante Bergmischwälder mit Tanne und Buche umbauen“, erklärt Simon Östreicher, Bereichsleiter Forsten am AELF Kempten.

Präzisionsarbeit im Minutentakt

Im September gab es im Rahmen der Schutzwaldsanierung und der Bergwaldoffensive einen spektakulären Helikoptereinsatz. Ein Spezialhubschrauber der Schweizer Firma Rotex holte im Minutentakt tonnenschwere alte Fichten und Buchen von den Steilhängen westlich des Dorfs ins Tal. Denn die einzige Straße, die vom Riedbergpass ins Vorarlberger Hittisau führt, kann nicht für längere Zeit gesperrt werden.

Ein Einsatzkommando von sieben Schweizer Experten und sieben Forstarbeitern eines Allgäuer Forstdienstleisters leisteten dabei Präzisionsarbeit. Da beim Einhängen der Bäume ans Tragseil kein Blickkontakt zwischen dem Piloten und dem Flughelfer am Boden besteht, müssen sie sich mit Hilfe des Funkgeräts finden. Auch das Gewicht der bereits zersägten Bäume muss vom Flughelfer geschätzt werden. 2,7 t kann der Hubschrauber an den Haken nehmen. Ist die Last zu schwer, lässt der Pilot einen der meist zwei Bäume wieder fallen. Das ist nicht ungefährlich.

Die Straße im Tal wird derweil immer wieder kurzfristig gesperrt. Erstaunt beobachten Einheimische sowie Touristen das Geschehen und fragen sich: Warum wird hier abgeholzt? Wird hier der Schutzwald nicht geschädigt? Schutzwaldmanager Anton Specht vom AELF Kempten erklärt den Zuschauern, um was es geht: „Wir brauchen dort oben auch langfristig einen stabilen Schutzwald. Wir dünnen deshalb jetzt die alten Fichtenbestände aus, um Licht für den neuen Wald zu schaffen. Anschließend wird die Forstverwaltung rund 10 000 Weißtannen und Fichten pflanzen lassen. Buche und Bergahorn werden sich über die Naturverjüngung einstellen.“

In dem ersten Eingriff werden auf insgesamt 20 Hektar rund 1800 Festmeter Holz aus dem Bergwald geholt. 300 Festmeter schafft der Helikopter an diesem Vormittag. Im Vorfeld des Helikoptereinsatzes waren die Bäume bereits gefällt und zerlegt worden. „Eine schwierige und gefährliche Aufgabe in diesem Gelände“, erklärt der Forstunternehmer Peter Straubinger. Zum einen sei das Gelände mit Felsen und Geröll durchsetzt. Zum anderen sollen die Lawinenschutzzäune nicht beschädigt werden. Im Tal wird das Holz so schnell wie möglich verarbeitet und abtransportiert.

Waldumbau wird bis zu 30 Jahre dauern

Nach dem kostenintensiven Hubschraubereinsatz sollen in den nächsten Wochen Seilbahnlinien aufgebaut werden, die die restlichen 1500 Festmeter Holz ins Tal transportieren. „Da wartet noch viel Arbeit auf uns“, sagt Specht.

„Der gesamte Prozess des Waldumbaus wird mindestens 20 bis 30 Jahre dauern“, betont Simon Östreicher. Dann soll hier ein gut strukturierter Schutzwald stehen. Ein Wald, der Stürmen, Starkniederschlägen, Schneebruch und vor allem den steigenden Temperaturen standhält und die Gemeinde Balderschwang vor Lawinen und Muren schützt.