Landfrauentag

Heimat ist auch ein Gefühl

Heimat
Patrizia Schallert
am Mittwoch, 29.04.2020 - 09:54

Barbara Stamm beim Neu-Ulmer Landfrauentag in Illertissen

Illertissen/Lks. Neu-Ulm Heimat ist mehr. Heimat ist nicht nur ein Wirtschaftsraum, ein Wohnort oder ein Bekanntenkreis. Heimat ist auch ein Gefühl, sagte Bayerns ehemalige Landtagspräsidentin Barbara Stamm auf dem Neu-Ulmer Landfrauentag. Dieses Gefühl werde in den Regionen ganz wesentlich von der Landwirtschaft geprägt. Durch die heimatnahe Produktion von Lebensmitteln sorgten die bäuerlichen Unternehmen dafür, dass nicht auch noch das kleinste Dorf vollständig den globalisierten Warenströmen ausgeliefert ist. Dafür, so Stamm, müsse man den Bäuerinnen und Bauern dankbar sein.

Zum Auftakt gab es Besinnliches

Den Auftakt des Festtags machten der Landfrauenchor Neu-Ulm und eine Andacht mit dem evangelische Pfarrer Jean-Pierre Barraud aus Elchingen. Anschließend ging Kreisbäuerin Christiane Ade auf das Motto der Landfrauentage „Region gestalten“ ein und bescheinigte der Landwirtschaft und dem Bauernverband einen maßgeblichen Beitrag zum Erhalt der Heimat zu leisten. Unermüdlich habe der Berufsverband seit seiner Gründung vor 75 Jahren Kontakte zu Politik, Wirtschaft und Verbrauchern geknüpft. Region gestalten bedeute auch, sich gesellschaftlich einzubringen – Stichwort Landfrauenarbeit. Die Bäuerinnen engagierten sich in vielfältiger Weise und leisteten eine hervorragende Öffentlichkeitsarbeit beispielsweise im Erzeuger-Verbraucher-Dialog.

Die Kreisbäuerin hob besonders das Projekt „Landfrauen machen Schule plus“ hervor. Im Landkreis Neu-Ulm konnten daran sechs Klassen aus weiterführenden Schulen mit insgesamt 147 Schülerinnen und Schülern teilnehmen. „Für das laufende Schuljahr haben sich doppelt so viele Schulklassen angemeldet.“ Ades Dank galt dem Landkreis für die Unterstützung des Projekts, vor allem aber den beteiligten bäuerlichen Familien, die ihre Höfe öffnen, sowie der BBV-Ernährungsfachfrau.
Die Region zu gestalten bringe viele Herausforderungen mit sich. Ade forderte ihre Berufskolleginnen und -kollegen auf, ihre Wut über Reglementierungen in Mut umzukehren, in Mut zum Anpacken, für Veränderungen und zum Mitgestalten. „Jeder Einzelne von uns muss für sich entscheiden, wieviel Wut oder wieviel Mut er bei sich selber zulässt. Deshalb lasst uns alle gemeinsam an einem Strang ziehen für eine liebens- und lebenswerte Region.“

Immer der Sündenbock

Als Grußwortredner bat die Kreisbäuerin den Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger, Illertissens Bürgermeister Jürgen Eisen und Kreisobmann Andreas Wöhrle auf die Bühne. „Wenn in Politik und Gesellschaft über Grundwasserbelastung oder Artenschwund debattiert wird und es dafür vermeintlich nur einen einzigen Sündenbock gibt, nämlich die Landwirtschaft, dürfen wir das nicht zulassen“, stellte Freudenberger klar. Diese Diskussionen seien zu einfach, zu billig und zu schwarz-weiß geführt. „Wertschätzung bedeute Verständnis füreinander zu entwickeln, sich offen zu begegnen, seine Meinung zu vertreten und dann zu versuchen, gemeinsam die Zukunft zu gestalten.“ Niemand sollte je vergessen, dass sich Bäuerinnen und Bauern um die Kulturlandschaft kümmern und seit Jahrhunderten die Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgen. Deshalb sei es so wichtig, ein starkes Zeichen für die heimische Landwirtschaft zu setzen.
Bürgermeister Eisen zeigte sich überzeugt, dass Landfrauen nicht nur einen großen Beitrag zur Gestaltung der Region leisten, sondern auch die Gemeinschaft vor Ort stärken und Projekte mit Zukunft für den ländlichen Raum organisieren. Die Stadt Illertissen sei sich wohl bewusst, dass an einem guten Verhältnis zur heimischen Landwirtschaft kein Weg vorbeiführt. „Daher wollen wir uns auch weiterhin um ein gutes Miteinander bemühen.“
Kreisobmann Andreas Wöhrle zeigte kein Verständnis für Bürokraten, die die Landwirtschaft mit ihren Vorschriften in große Schwierigkeiten bringen. „Sie sehen die Nöte nicht, die sie damit verursachen“, sagte Wöhrle und rief den Politikern und den Gesetzgebern zu: „Wer sein Zuhause mag, der wird es pflegen. Deshalb sorgen wir Bäuerinnen und Bauern für eine gesunde Umwelt in unserer Heimat.“
Die ehemalige Präsidentin des bayerischen Landtags, Barbara Stamm, forderte in Zeiten einer gespaltenen und auseinandergerückten Gesellschaft wieder mehr über das Miteinander zu sprechen. Dazu passe das Motto der Landfrauentage „Region gestalten“. Der Begriff der Region werde auch mit „Heimat“ verbunden. Mit dieser verbinde jeder Mensch persönliche Vorstellungen und Erinnerungen, die mit bestimmten Gefühlen einhergehen. Jeder sollte sich darüber Gedanken machen, was für ihn die Heimat bedeutet: Ist sie etwas, das immer gleich bleibt, oder muss sie gestaltet und gelebt werden?
Der Begriff „Heimat“ habe erst im 19. Jahrhundert „Karriere“ gemacht, also in Zeiten, in denen auf viele Menschen durch die Industrialisierung Veränderungen und belastende Auswirkungen zugekommen seien. Seit 1990 werde der Begriff insbesondere von der jungen Bevölkerung zunehmend verwendet. „Auch die Globalisierung mit ihren Herausforderungen hat uns unsere Heimat wieder näher gebracht“, sagte Stamm. Global denken, aber lokal handeln, laute das richtige Motto.

Sozialverhalten lernen

Eng verbunden mit der Globalisierung seien die Digitalisierung und die Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Zu Letzterem stellte Stamm offen die Frage: „Ist alles was machbar ist, auch ethisch vertretbar?“ Zum Stichwort „digitales Klassenzimmer“ wünschte sich die Festrednerin, dass Kinder auch künftig noch blättern und nicht nur wischen können. Kein noch so gutes Computerprogramm könne Sozialverhalten, ein Miteinander, ein „Wie pflege ich Freundschaften oder wie versöhne ich mich nach einem Streit?“, also sogenannte „Alltagskompetenzen“ vermitteln.
Mit Blick auf die wachsende Flut an Verordnungen sprach Stamm den bäuerlichen Familien aus der Seele: Ein verantwortungsvoller Berufsstand werde mit Überbürokratisierung gelähmt. Natürlich müssten auch in der Landwirtschaft skandalöse Vorkommnisse bestraft und sollten nicht unter den Teppich gekehrt werden. „Aber wir müssen lernen, nicht alle Bäuerinnen und Bauern unter Mithaftung zu stellen.“
Im Nachmittagsprogramm entführten Elisabeth Hafner, Ruth Mayerhofer und Gudrun Pohl-Ruf die Festgäste auf „Eine lustige Pilgerreise nach Rom“. Für die musikalische Unterhaltung sorgte die Neu-Ulmer Bauernkapelle.